Der Kran soll das Kuppel-Kreuz auf das Stadtschloss hieven. Foto: dpa/Fabian Sommer

Es wiegt 17 Tonnen und ist schwer umstritten: Das Kreuz, das am Freitag der Kuppel des Humboldt Forums aufgesetzt wurde, spaltet die Gemüter. Die Finanziers der Kreuz-Nachbildung mögen die Kran-Aktion als Krönungszeremonie für den Schloss-Neubau betrachten. Aber Kritiker macht das Kreuz kreuzunglücklich.

Denn: Ein historisches Spruchband an der Kuppel fordert die Unterwerfung unter das Christentum. Vielleicht war es da ein Zeichen, dass die Kran-Arbeiten wegen starken Windes zunächst nicht stattfinden konnten. Am Abend war es aber soweit: Unter Beobachtung zahlreicher Schaulustiger vor dem Stadtschloss wurde mit einem Schwerlastkran das 17,4 Tonnen schwere Ensemble aus Balustrade mit acht Engeln sowie Dach aus Palmwedeln mit dem Reichsapfel und dem Kreuz aufgesetzt. Die Arbeiten wurden immer wieder von spontanem Beifall begleitet.

Versklavung im Namen des Kreuzes

Das riesige Kreuz hoch oben auf einem Wahrzeichen der Stadt wird in Zukunft von weither zu sehen sein. Die neue Kuppel-Laterne samt Kreuz erhöht das 644 Millionen Euro teure Ausstellungszentrum um zwölf auf 68 Meter. Das ist ein Problem, sagen die Kritiker. Der Grund: Unter dem christlichen Kreuzsymbol wurden einst Menschen in Amerika, Asien und Afrika verfolgt, versklavt und getötet.

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Die Kunstexpertin und Kuratorin Mahret Kupka (39) spricht von einer vergebenen Chance für das Humboldt-Forum. Denn eigentlich war geplant, dass das künftige Kulturzentrum religionsübergreifende Fragen vorurteilsfrei thematisieren soll. 

„Das Forum hätte hier zeigen können, dass es sich tatsächlich mit den problematischen Aspekten auseinandersetzt“, sagt Kupka, deren mütterlicher Familienteil nigerianische Wurzeln hat. Nun aber wird die historische Kuppel-Inschrift verkünden: Es gebe „kein ander Heil“ als das „Beugen der Knie“ vor Jesus Christus.

Krasse, unzeitgemäße Aussage

„Das ist einfach eine sehr krasse Aussage, die tatsächlich alles unterläuft, was das Humboldt-Forum vorgibt, sein zu wollen“, sagt Kupka.  Das Kreuz stehe zwar mit dem Schloss als Ursprungsgebäude in Verbindung. Aber angesichts der ohnehin nicht originalen Rekonstruktion hätte das Symbol „zeitgemäßer, offener“ gestaltet werden können. 

Auch Schaulustige, die sich kurz vor der geplanten Kreuz-Montage an der Schloss-Baustelle versammeln, finden zumindest das Spruchband unzeitgemäß. Auf Sandra Baumann (34) und Anika Kopp (31) aus Hohenschönhausen wirkt die Formulierung „konservativ“. Sie klinge, als ob alle einer Meinung sein müssten.

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Für Ute (76) und Klaus Borchardt (79) aus Potsdam gehört das Kreuz zwar aus historischen Gründen zum Schloss. Der Spruch selbst wirke aber „abgehoben“. Auch die Touristen Martha (67) und Josef Zenner (62) aus Landshut sagen: „Das würde ja bedeuten, dass es nur Gott gibt und sonst nichts.“

Industriellen-Erbin spendete Geld

Das Problem ist den Schloss-Bauherren bewusst. Ursprünglich war das Kreuz nicht eingeplant. Erst die Spende einer Industriellen-Erbin brachte das Symbol samt Spruchband ins Spiel. Bei der Stiftung Humboldt-Forum heißt es: Die Textmontage von Bibelversen sei „im Kontext ihrer historischen Entstehungssituation zu verstehen“. König Friedrich Wilhelm IV. hatte das ursprüngliche Spruchband 1854 am Original-Schloss anbringen lassen.

Forums-Intendant Hartmut Dorgerloh distanziert sich nun von „jeglichen Macht-, Alleingültigkeits- oder gar Herrschaftsansprüchen“, die aus den Inschriften abgeleitet werden könnten. Auf der Dachterrasse werde eine Infotafel zur historischen Einordnung der Kuppel aufgestellt. Zudem soll 2021 ein Buch zur Kreuz-Debatte erscheinen.

Bis Herbst 2021 soll dann auch das Humboldt-Forum in drei Etappen eröffnet werden. Die zunächst für September 2020 geplante erste Teileröffnung musste wegen der Corona-Krise verschoben werden. Geplant ist, Exponate aus Asien, Afrika und Amerika auszustellen - nun alles unter dem Symbol des Kreuzes.