Im November 2001 setzte sich das Riesenrad zum letzten Mal für Besucher in Bewegung. Foto: imago/Future Image

Auf dem Gelände des Spreeparks brach Anfang Januar ein neues Kapitel an: Als einer der wichtigen Schritte für die Umgestaltung zum Kunst- und Kulturpark verschwindet das Riesenrad! Stück für Stück wird es abgebaut, um es zu sanieren. Bis 2024 soll das Wahrzeichen des Spreeparks wieder stehen. Zur Sanierung erinnert der KURIER an das alte Wahrzeichen. Kennen Sie schon diese zehn spannenden Riesenrad-Fakten?

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Das Riesenrad ragte auch Jahre nach der Insolvenz des Spreeparks über den Baumwipfeln in den Himmel, war weithin zu sehen. Nach dem Abbau wird dort eine Lücke klaffen. Das bedauert auch Christopher Flade: Der 32-jährige Berliner betreibt im Internet die größte Spreepark-Fanseite, und führt das Archiv des einstigen Vergnügungsparks. Im KURIER teilt er regelmäßig seine Erinnerungen – und verrät anlässlich des Abbaus des Fahrgeschäftes zehn Fakten, die noch nicht jeder kennen dürfte.

1. Doppel-Rad ohne DDR-Geschichte

Nicht nur das jetzige, sondern zwei Riesenräder gab es im Spreepark. Das erste wurde zur Eröffnung des VEB Kulturpark im Plänterwald aufgestellt und stand bis 1989. „Zum 40. Gründungstag der DDR und dem 20-Jahre-Jubiläum des Parks wollte man ein größeres“, sagt Flade. Spannend: Beide stammten nicht aus der DDR! „Das erste war vom Hersteller Schwarzkopf aus Westdeutschland, das neuere von Vekoma aus Holland“, sagt Flade.

Blick aus einer der Gondeln des Riesenrads. Foto: Christopher Flade/berliner-spreepark.de

2. Weniger Fahrspaß, mehr Freiheit

Das erste Riesenrad war 40 Meter hoch, das zweite mit 45 Metern fünf Meter höher. Die Anzahl der Gondeln stieg von 36 auf 40. Der Fahrspaß ließ aber nach: „Beim ersten Rad, das bis 1989 stand, waren die Gondeln rund, man konnte sie selbst drehen“, sagt Flade. „Das ging beim neueren Exemplar nicht mehr.“ Dafür konnte man aus größerer Höhe noch besser in den Westen gucken. 

3. Kein Spuk unterm Riesenrad

Viele glauben noch heute, dass das aktuelle Riesenrad jenes aus der erfolgreichen DDR-Sendung „Spuk unterm Riesenrad“ ist. Falsch! „Die Serie wurde schon 1978 gedreht und 1979 zum ersten Mal ausgestrahlt. Dort war also das alte Rad von 1969 zu sehen“, berichtet Flade.

Die bunten Gondeln des Riesenrads sind weithin zu sehen. Foto: Gregor Fischer/dpa

4. Rote Farbe hatte keine politischen Gründe

Immer wieder wurde gewitzelt, das Riesenrad habe aus politischen Gründen eine rote Farbe. Doch es gab andere Gründe. „Einer der Techniker erzählte mir, dass das erste Riesenrad weiß war, aber mit der Zeit einen Grauschleier bekam. Denn das Heizkraftwerk auf der anderen Seite der Spree hatte damals wohl noch keine Rußfilter in den Schornsteinen.“ Um das Ergrauen des neuen Rades zu vermeiden, wurde es rostrot lackiert.

5. Sandsäcke statt Passagiere

In Flades Spreepark-Sammlung befindet sich noch heute eine Kopie des Riesenrad-Handbuchs. Hier sind alle technischen Details festgehalten. Geregelt ist auch, was im Fall einer Evakuierung zu geschehen hatte: Das Rad wäre per Hand weitergedreht worden – und in die nach dem Ausstieg der Passagiere leeren Gondeln hätten die Mitarbeiter Sandsäcke laden müssen, sechs Stück pro Gondel, jeder 75 Kilogramm schwer.

Die ersten Gondeln des Riesenrads wurden bereits entfernt. Foto: imago images/Bernd Friedel

6. Geplante Umzüge

Mehrmals wurde der Umzug des Riesenrades erwogen. „Einmal gab es Pläne, den gesamten Park auf ein ehemaliges Kasernengelände an der Treskowallee in Karlshorst umziehen zu lassen. Doch das Vorhaben wurde nie umgesetzt“, sagt Flade. Später hatte ein Investor die Idee, das Fahrgeschäft ein Stück Richtung Westen zu versetzen, damit man es von der nahen S-Bahn-Brücke noch besser hätte sehen können.

In dem Video wurde die letzte Fahrt des Rades im Jahr 2009 dokumentiert.

Video: Youtube

7. Letzte Fahrt startete erst 2009

Das letzte Mal setzte sich das Riesenrad für Besucher am 4. November 2001 in Bewegung. Die letzte Fahrt war das aber noch nicht: Im November 2009, als Spreepark-Kopf Norbert Witte einen Neustart wagen wollte, setzte er das Rad mit angeschlossenen Motoren wieder in Bewegung. Flade durfte damals mitfahren. „Es fuhr etwas langsamer als sonst, aber ich fühlte mich sicher – vermutlich lag es an den Kindheitserinnerungen.“

8. Waghalsige Abenteuer in den Gondeln

Auch per Hand konnte das Rad im stillgelegten Park gedreht werden, denn die Bremsen waren nach der Spreepark-Schließung nicht angezogen. „Für Riesenräder gilt wie für Baukräne: Sie müssen sich im Wind drehen können, damit es bei Sturm keinen Widerstand gibt“, sagt Flade. Das brauchte in den vergangenen Jahren sogar Spuk-Gerüchte und ein gespenstisches Quietschen hervor. Auch viele Einbrecher machten sich das zunutze: Sie fuhren mit dem vom Wind angetriebenen Rad.

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9. Rüstige Rentnerin in luftiger Höhe

Einer der speziellsten Einbruchsfälle ereignete sich Jahre nach der Schließung, erzählt Flade. Damals wurde in einer Gondel des Riesenrades eine 93-jährige Rentnerin entdeckt. „Sie hatte sich vom Wind nach oben drehen lassen, kam aber nicht mehr allein herunter“, sagt er. Der Wachschutz half ihr aus der misslichen Lage. Als die Security-Mitarbeiter fragten, was sie da mache, habe sie in burschikosem Ton geantwortet: „Wat denn? Ick wollte noch mal fahren, dit war doch früher so schön!“ 

Im besonders kalten Winter 2010 verkeilten sich die Gondeln. Foto: Christopher Flade/berliner-spreepark.de

10. Kälte brachte den größten Schaden

Den bis heute größten Schaden nahm das Rad im Dezember 2010, weil nach der Stilllegung nicht, wie es eigentlich üblich ist, die Gondeln entfernt wurden. „Damals war es so kalt, dass sie festfroren. Als sich das Rad im Wind drehte, standen sie in alle Richtungen ab“, erklärt Flade. „Als es dann wieder taute, schlugen sie aneinander, verkeilten und verzogen sich. Das war ein gespenstischer Anblick.“