Patrick Larscheid (53) gibt in der Corona-Krise alles. Von der aktuellen Warn-App hält er allerdings sehr wenig und äußert seinen Unmut. Foto: dpa

Die amerikanische Zeitung „Washington Post“ besuchte ihn Ende Mai im Gesundheitsamt in der Teichstraße und lobte seine Arbeit – insbesondere die Rückverfolgung von Corona-Kontakten. Der Reinickendorfer Amtsarzt Patrick Larscheid (53) ist seitdem für manche ein Held im Kampf gegen Covid-19. Außerdem nimmt er kein Blatt vor den Mund. Im KURIER tadelt er jetzt die neue Corona-Warn-App.

„Das ist ein Spielzeug für die digitale Oberschicht“, so der Mediziner. Die Warn-App spreche etablierte, weiße Menschen an. Hochaltrige Menschen und große Familienverbände mit Migrationshintergrund würden von der App nicht profitieren. „Auf alten Smartphones geht sie nicht. Die Leute, die sie nutzen können, zeigen sie auf ihrem neuen Handy und fahren danach mit dem E-Roller zum nächsten Sushi-Laden“, sagt Patrick Larscheid deutlich.

So helfe das „Spielzeug“ auch beim jüngsten Corona-Ausbruch in Neukölln wenig weiter, so der Arzt.  370 Haushalte in sieben Gebäuden sind bis zum 26. Juni unter Quarantäne gestellt worden.

Es handelt sich hierbei um größeren Gruppen mit Verständigungs- und Sprachproblemen: Roma-Familien, Menschen aus Südosteuropa, dem Iran und der Türkei. Auch eine deutsche Familie ist unter den Betroffenen. In den 370 Haushalten ist die Zahl der bestätigten Covid-19-Fälle bis Mittwochnachmittag schon auf 74 gestiegen. „Einige sind asymptomisch, andere haben leichte Symptome und eine Person musste in Krankenhaus“, so Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU). „Wir testen mit mobilen Teams in den Wohnungen, organisieren gerade Essen und Trinken sowie Ansprechpartner“, so der Stadtrat.

In den 370 Haushalten gab es familiäre Kontakte nach Reinickendorf. Amtsarzt Patrick Larscheid hat deswegen am Dienstag zwei Familien (13 Personen) unter Quarantäne stellen müssen. Dass sich das Virus von Neukölln und Reinickendorf in ganz Berlin verbreiten wird, glaubt der Amtsarzt nicht. „Die Familien haben wenig soziale Kontakte nach draußen und keine Verbindung zur sonstigen Bevölkerung“, sagt er.

Corona-Warn-App schließe Alte und Schwache aus

Eine Infektionskrankheit dieser Art treffe immer die Alten und Schwachen besonders, so der Amtsarzt. Die Corona-Warn-App schließe sie aber aus. Gleichzeit kritisiert er die umstrittene Bluetooth-Technik, mit der sie funktioniert. Er sagt: „Die Kommunikation von zwei Telefonen wird berechnet. Da bleiben viele Fragen offen. Zum Beispiel: War der Kontakt so zu einer Person so, dass eine Ansteckungsgefahr bestand? Die Warn-App trägt nicht zur Beruhigung der Menschen bei.“

Die Gesamtkosten für die App bisher: 60 Millionen Euro. Zuvor war vom Bundesgesundheitsministerium eine Zahl von 20 Millionen Euro für die Entwicklung genannt worden.