Die ukrainische Akrobatin Rita (15) hat die Aufnahme an der Staatlichen Ballettschule Berlin geschafft – sie lebt jetzt mit ihrer Mutter Marina (33) in der Gästewohnung der Schule. Volkmar Otto

Der Kontrast könnte nicht größer sein. Hier in Berlin: bunte Caféhausstühle, Vögel die in der Mittagsonne zwitschern, vor allem dösige Ruhe überall. Dort, in der Ukraine, wo  Marina und Rita herkommen, Krieg und Zerstörung. Immer wieder Raketenalarm und die dröhnende Angst vor dem, was noch kommt.

Marina und Rita sind in der ukrainischen Stadt Poltawa zu Hause. Die Stadt liegt etwa 350 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Kiew und circa 140 Kilometer westlich von Charkiw. Auch in und um Poltawa gab es in den letzten Wochen russische Angriffe, Marinas Mutter und die beiden Hunde der Familie leben noch dort.

Flucht ins Ungewisse: aus der Ukraine nach Berlin

Als es in der Ukraine immer öfter Luftalarm gab, machten sich die beiden, Mutter und Tochter, zusammen mit ein paar anderen Freundinnen auf den Weg in ein neues Leben. „Mit dem Zug sind wir 15 Stunden im Stehen nach Lwiw gefahren“, von da aus weiter nach Polen, erinnert sich Marina. Mit ihrer mädchenhaften Stimme spricht die 33-Jährige leise in ihr Handy, welches die Übersetzung aus dem Ukrainischen schriftlich ausspuckt. Marina hat dunkle Ringe unter den Augen.

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Die Sprache hier in Deutschland sei ein Problem, anfangs hätten sie sich auch kaum auf etwas Neues einlassen können. Zu groß die Sorge um die, die in der Ukraine bleiben mussten. „Aber nun kann ich wieder lächeln“, sagt Marina.  Ein Grund dafür ist, dass ihre Tochter Rita endlich wieder das tun kann, was sie liebt: Artistik.

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Rita und ihre Mutter Marina kommen erst langsam in Berlin an.

Nach ihrer Ankunft in Deutschland machen Rita und Marina zuerst in Braunschweig Halt. In einem Zirkus dort bekommt Margarita,  die Rita gerufen wird, einen Tipp: warum es nicht mit einer Aufnahme an der Staatlichen Ballett- und Artistikschule Berlin versuchen? Dort gibt es einen eigenen Ausbildungszweig in Artistik.

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Keine Perspektive wegen aktueller Situation in der Ukraine

Zu Hause hätte Rita demnächst auf die Akademie in Kiew gehen sollen. Eine Ausbildung zu Bühnenakrobatin ist ihr Traum. Rita setzt alles auf eine Karte und versucht ihr Glück, stellt einen Aufnahmeantrag an der Berliner Schule. Derweil hört uns liest sie von ihren Freundinnen. Einige sind in der Ukraine geblieben, sie gehen kaum aus dem Haus. Sie berichten über Zerstörung und russische Soldaten in ihren Häusern. Aus Kiew und anderen Städten erzählen Bekannte am Telefon von Leichen, die sie auf den Straßen gesehen hätten. Andere kämpfen selber gegen die Russen.  Gern würde Rita irgendwann in die Ukraine zurück gehen. „Aber die Wahrscheinlichkeit, dass es etwas gibt, wohin man zurückkehren kann schwindet mit jedem Tag, den der Krieg weiter andauert. “

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Rita vor der Staatlichen Ballettschule Berlin in Prenzlauer Berg.

Als die Zusage von der Schule kommt, gibt es eine Perspektive in all der Unsicherheit. „Margarita wurde nach der Aufnahmeprüfung in die 9. Klasse Artistik aufgenommen“, sagt Martina Räther, die Leiterin der Staatlichen Ballett- und Artistikschule Berlin. „Sie kann nächstes Jahr in der 10. Klasse die SEK I abschließen und sich für die Berufsfachschule Artistik bewerben.“ Das ist eine dreijährige Ausbildung zur Staatlich geprüften Berufsartistin.

20 ukrainische Artisten trainieren in Berlin

An der Ballettschule habe man zu Beginn der ankommenden Anfragen aus der Ukraine die Kapazitäten geprüft und zunächst in diesem Rahmen allen ankommenden 20 Artisten und Artistinnen Trainingszeiten zur Verfügung gestellt. „Jeder oder jede, die bleiben möchte, muss das reguläre Aufnahmeverfahren absolvieren, das aus verschiedenen Kriterien besteht, vor allem künstlerische und körperliche Eignung und Gesundheit“, so Räther.

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Rita schafft es, doch nur langsam kommen Mutter und Tochter in Berlin an. Die Häuser, die Menschen, alles ist neu. Und das Herz hängt noch hinter der Grenze. Besonders die beiden Hunde vermissen Marina und Rita sehr. Dennoch ist es auch ein gutes Gefühl, in Sicherheit zu sein.

Glück und das Schuldgefühl, die anderen in der Ukraine im Stich gelassen zu haben, vermischen sich mit dem Berliner Frühling. „Als wir nach Berlin kamen, hatten wir keine Wohnung, sagt Marina. Also hat uns die Schule angeboten, vorübergehend  in der Gästewohnung zu bleiben.“ Dafür seien sie sehr dankbar. „Die ehemalige Hausmeisterwohnung im Internatsgebäude wird manchmal für ältere Schüler oder Schülerinnen, die nach der 10. Klasse keine Wohnung finden, zeitlich begrenzt zur Verfügung gestellt“, sagt Martina Räther. „Es war Zufall, dass die Wohnung beim Eintreffen der Familie frei war. Es wird aber keine Dauerlösung sein.“

Vom Krieg in der Ukraine direkt zum Artisten-Training

Ritas Tag ist nun streng getaktet. Jeden Tag Training, dann Schule - Rita hat sogar die Chance auf ein deutsches Abitur. Wo sie in fünf Jahren sein will? Auf Tour mit einem Zirkus, den Abschluss in der Tasche, sagt die 15-Jährige. In der  Ballettschule ist in ihrer Klasse ein Mädchen, das aus Russland stammt, aus Moskau. „Sie übersetzt, wenn ich etwas nicht verstehe“, sagt Rita. Natürlich habe sie anfangs Vorbehalte gehabt. Ausgerechnet eine Russin. Doch schnell habe sie verstanden, dass nicht die Nation zähle, sondern der Mensch.

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Auch Marina will hier in Berlin Fuß  fassen, versuchen, einen Job zu finden, Deutsch zu lernen. In  Poltawa hat sie in einem Logistikunternehmen im Büro gearbeitet, abends Gymnastik-Kurse gegeben. Von einem Moment auf den anderen war alle Sicherheit verloren. Doch nun will Marina versuchen, sich wieder etwas Stabilität zu erkämpfen.

Als sie schon fast im Gehen sind, die Mittagspause ist vorüber, spricht Marina noch etwas in ihr Handy. „Ein großes Dankeschön an alle Deutschen und alle Länder in der Welt, die der Ukraine helfen“, steht da nach der Übersetzung.

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