Sven (51) und Andrea (56) genießen den ersten Drink ohne Test im Spreegold auf der Schönhauser Allee. Sabine Gudath

Der erhofft sonnige und ungetrübte Start in die neue Normalität wurde am Freitagmorgen erst mal von dicken Wolken samt Regen vermasselt. Aber dann kam die Sonne raus und die Berliner ließen sich die neuen Freiheiten schmecken. Der Start in einen Sommer mit Möglichkeiten verlief fulminant entspannt. Berlin, du altes Haus, dass du so schön lächeln kannst, hatten wir fast vergessen. 

Döner und Bier im Sitzen - die kleine Freiheit

Wer genau hinschaute, der sah sie schon am Morgen, die kleinen Momente der Freiheit. Elf Uhr, ein Bierchen oder zwei und ein Döner im Sitzen – auf der Schönhauser Allee geht das nun wieder, wie in der ganzen Stadt. Im Außenbereich von Restaurants heißt es ab sofort nur noch einchecken, bestellen, genießen. Und das tun die Menschen auch an der Stargarder, Ecke Schönhauser im Frühstück-Café Spreegold. Die Kellner flitzen mit Pancakes und Bagels, Rührei und Smoothies hin und her.

Sven und Andrea sind auch vor der jetzigen  Lockerung schon in Cafés gewesen – mit Test. „Aber ohne ist es so viel unkomplizierter“, strahlen sie. Selbstverständlich wollen sie später am Tag auch noch ein wenig einkaufen gehen, weil es eben geht. Schlendern in Kreuzberg, Shopping in kleinen Läden, auch um die gebeutelten Händler zu unterstützen.

Wenig Arbeit für Corona-Tester

Dass sich etwas verändert hat, spüren auch die tausenden Corona-Teststellen in der Stadt. Gegenüber dem S-Bahnhof Schönhauser Allee  haben sich Maleen und Paula auch an diesem Freitag mit einem mobilen Corona-Test-Stand neben dem Coffee-Shop positioniert. Doch die Kunden gehen an den beiden jungen Frauen in Schutzmontur vorüber, den Latte Macchiato ohne Testato fest im Visier. Viel hatten die beiden heute noch nicht zu tun. 12 Uhr und erst 37 Tests, normalerweise sind es doppelt so viele um diese Uhrzeit.

Wer sich dennoch anstellt, benötigt den Negativnachweis etwa für den Besuch eines Solariums. Auch in den  Schaufenstern der Friseure weisen Schilder darauf hin, dass hier noch immer ein aktuelles negatives Ergebnis vorgezeigt werden muss. Das gilt für alle körpernahen Dienstleistungen.

Paula (l., 18) und Maleen (32) haben mit ihrem Corona-Bike weniger zu tun. Sabine Gudath

Es sind mehr Kunden als sonst unterwegs in den Läden

Für alle anderen aber gilt: Wer Tische und Stühle hat, stellt sie raus. Die Shisha-Bar, der Dönermann, der Italiener im Kiez. Bei Mario im Firenze in der Pankower Florastraße ist mittags die Bude schon halbvoll. „Für den Abend sind wir komplett ausgebucht“, sagt Valentino Geladini. Die meisten Kunden wollten auf der Terrasse sitzen, aber auch für drinnen seien schon Tische geordert. Für den Tag war Regen angesagt und die meisten haben mittlerweile Routine im Testen. „Gut, dass die Wirte endlich wieder etwas verdienen“, sagen die Gäste im Firenze.

Im „Firenze“ in der Pankower Florastraße sind die Tischdecken aufgelegt. Für den Abend ist das Lokal außen ausgebucht und im Innenraum gut gefragt. Valentino und Stefano Geladini und Diana Galina freuen sich auf die Gäste. Sabine Gudath

Und das gilt auch für die Ladenbesitzer in der Stadt. „Es gab Tage, da haben wir uns zuletzt die Beine in den Bauch gestanden“, sagt Selina Proksch. Sie ist Filialleiterin im „Tranquillo“ auf der Schönhauser, wo es allerlei Buntes, Schönes und Kleidung gibt. Jetzt sei deutlich zu spüren, dass bereits heute mehr Kunden als sonst kämen.

Dabei wissen einige noch gar nicht, dass sie gar keinen Test mehr benötigen, um Einkaufen zu gehen. Auch Corinna Wieland, die gerade zwei Bambusbecher bezahlen will, kommt regelmäßig durcheinander, was die aktuellen Verordnungen angeht. „Ich freue mich, dass wir nun vorsichtig ins normale Leben zurückkehren. Wenn wir alle halbwegs unbeschadet durch diese Zeit kommen und wir aus den Entbehrungen und dem Leid lernen, dass wir nachhaltiger mit unseren Ressourcen umgehen müssen, dann wäre schon viel gewonnen“, sagt die 63-Jährige.

Corinna Wieland stöbert im Angebot bei „Tranquillo“ im Prenzlauer Berg. Sabine Gudath

Vor den Allee Arcaden gibt es Panflötenmusik, die Sonne kommt langsam hervor und vor H&M und am Aufgang zum Fitnessstudio bilden sich die ersten Schlangen. Patrick hat lange auf seinen Trainings-Zeitslot von 110 Minuten gewartet. Seit Oktober hat er immer nur zu Hause trainiert, jetzt darf der  31-Jährige mit Test und Anmeldung endlich wieder an die Geräte – auch sich wieder in Gesellschaft zu stählen, kann eine Form von Freiheit sein.

Patrick (31) will wieder ins Fitnessstudio. Sabine Gudath

Kinos öffnen drinnen meist erst am 1. Juli

Wer an diesem Wochenende einen Besuch im Kino auf der To-do-Liste hat, der muss sich vorerst mit Freiluft-Angeboten begnügen. Für Sonntagabend steht im Freiluftkino Friedrichshain mit „Bodygard“ gemeinschaftliches Schmachtinghausen auf dem Spielplan. Auch wenn die Kinos ab sofort öffnen dürften, haben sie sich darauf verständig, erst ab dem 1. Juli die Innenräume zu bespielen.

Nicht gleich zu wild werden, eine Öffnung nach der anderen genießen, sich herantasten an das Gefühl, dass wieder was geht. Am Nachmittag dann die Nachricht, dass auch in den Freibädern nicht nur die Hüllen, sondern auch die Testpflicht fällt. Berlin macht sich langsam aber sehr sicher warm für einen Sommer mit viel Lächeln im Gesicht.

Könnte sein, dass an diesem Wochenende einige das erste echte Ausrasten wagen. Der Feierabend fühlt sich schon mal an wie früher – mit Menschen auf Bierbänken und in Parks. Schnell noch ein ärmelloses T-Shirt shoppen und dann nix wie raus in den lauen Berliner Abend.