Erster Tag 9-Euro-Ticket - am Hauptbahnhof in Berlin herrscht am Morgen Andrang. Berliner Zeitung/Markus Waechter

Lange haben die Fahrgäste darauf gewartet. Auf ein Angebot, das Lust macht, auf Bus, Bahn und Co. umzusteigen. Jetzt wo es da ist, ist zunächst einmal alles wie immer.

Kurz vor acht am Bahnhof Pankow ist die Tram M1 in Richtung Prenzlauer Berg zwar voll, aber nicht übervoll. Auch in der U2 bekommt man an der Vinetastraße noch einen Sitzplatz. Der große Ansturm auf Bahnen und Busse – am Mittwochmorgen gab es ihn nicht. Dennoch: es fühlt sich schon anders an, mit dem 9-Euro Ticket für Juni  in der Tasche einfach draufloszufahren und zu sparen. Gut fühlt es sich an.

Dieses gute Gefühl wollen an diesem Morgen viele Menschen: Am Bahnhof Alexanderplatz belagern einige die Fahrkartenautomaten. Auch Franz Köpernik aus Bayern hat sich hier gerade  ein 9-Euro-Ticket gekauft und trägt seinen Namen ein. „Das Angebot ist schon sehr günstig“, sagt er. Auch 20 Euro hätte er für so ein Ticket, welches überall gilt, gezahlt. Ob er Angst vor vollen Zügen hat? „Pfingsten fahre ich sicher nicht“, sagt Franz Köpernik und macht sich auf den Weg zum Flughafen. Kluger Mann.

Franz Köpernick aus Bayern hat sich ein 9-Euro-Ticket gekauft. Gerd Engelsmann

Stresstest für 9-Euro-Ticket zu Pfingsten - Ausflüge nach Brandenburg gut planen

Denn der erste große Stresstest für die Bahnen in Deutschland, und im Ausflugsverkehr in Berlin und Brandenburg wird am langen Pfingstwochenende erwartet.

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Gut, dass die Gruppe wanderlustiger Rentnerinnen schon heute früh unterwegs ist.  Es soll nach Borkheide gehen und nach der Wanderung zum Spargel essen. „Normalerweise fahren wir mit dem 65 plus Ticket“, sagen sie. Aber mit dem neuen Angebot kommen die Senioren viel weiter als nur rund um Berlin und Brandenburg. Und es gibt für die Inhaber eines Monatstickets automatisch Geld zurück.

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Das Angebot des 9 -Euro-Tickets gilt bundesweit für den gesamten Nahverkehr. Dazu zählen U- und S-Bahnen, Straßenbahnen, Linienbusse in Städten und Landkreisen sowie einige Fähren. Auch Regionalbahnen und Regionalexpresszüge dürfen genutzt werden.

Sylke Franke steht am Bahnsteig, gleich fährt der Regionalexpress nach Wismar ein. Die zierliche Frau mit dem großen Rucksack fährt regelmäßig nach Schwerin. Diesen Sommer ist das deutlich günstiger als mit dem Stadt-Land-Meer-Ticket, welches Franke sonst nutzt. „Dieser Anreiz ist sehr wichtig“, sagt sie. Es müsse darüber hinaus aber auch ein dauerhaftes Angebot geschaffen werden, welches die Menschen ermuntert, mehr Bahn zu fahren und das Auto stehen zu lassen. Dann allerdings müsste die Bahn auch die nötige Infrastruktur für mehr Passagiere bereit stellen.

Sylke Franke auf dem Weg nach Schwerin. In diesem Sommer ist das deutlich günstiger. Gerd Engelsmann

Dass es große Nachfrage nach dem 9 Euro-Ticket gibt, belegen die Zahlen. Am Dienstag teilte die BVG mit, dass schon 520.000 9-Euro-Tickets in Berlin verkauft worden seien. „Davon rund 400.000 für den Gültigkeitsmonat Juni, die restlichen für Juli und August“, so Jannes Schwentu, der Sprecher des Landesunternehmens.

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Schon sieben Millionen 9-Euro-Tickets verkauft -in Berlin über eine halbe Million

Deutschlandweit sind bis Dienstag rund sieben Millionen 9-Euro -Tickets verkauft worden. Und genau deswegen wird Jenny Schaarschmidt am Freitagvormittag lieber mit dem ICE nach Uelzen reisen als mit der Regio, die eigentlich durch fährt. Mit ihrem neun Monate alten Sohn Fiete will die Arzthelferin auf Nummer sicher gehen und kein Gedränge im Zug riskieren. Dass ihre Monatskarte in diesem Monat nur neun Euro statt 63 Euro kostet, macht die Entscheidung für den teureren ICE für die 37-Jährige leichter.

Jenny Schaarschmidt mit Sohn Fiete: zur Arbeit fährt die Arzthelferin mit der U-Bahn, in den Urlaub mit Baby lieber mit dem ICE. Gerd Engelsmann

Bedürfnisse wie die von Jenny Schaarschmidt, die zur Arbeit mit der U-Bahn fährt, oder die von neu gewonnenen Kunden will die BVG in den kommenden drei Monaten kennenlernen. „Ihre Reisewege sollen zeigen, an welchen Stellen das Angebot ausgebaut werden muss, um sie dauerhaft vom Nahverkehr zu überzeugen“, heißt es in einer Mitteilung.  Da es in den kommenden Monaten in Bus und Bahn teilweise etwas voller werden könne, bittet die BVG schon jetzt alle Fahrgäste darum, aufeinander Rücksicht zu nehmen.

Die Fahrt im ÖPNV in vollen Zügen genießen

Auch zukünftig könnten vollere Züge zur Gewohnheit werden, wenn es nach dem Bahnbeauftragten der Bundesregierung, Michael Theurer, geht. Zum Start des Ticket-Angebots sagte er in Berlin:„ Ich glaube, dass das ein echter Knaller wird.“

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Theurer betonte, das 9-Euro-Ticket könnte auch wichtige Hinweise für die Zukunft des Nahverkehrs geben. „Wenn wir das Ziel in der Koalition, eine Verdoppelung der Fahrgastzahlen, erreichen wollen, dann werden wir die Erkenntnisse aus dem 9-Euro-Ticket auch dringend brauchen.“ Wenn es gelinge, durch ein konkurrenzlos günstiges Preisangebot Fahrgäste zurückzuholen oder sogar über das Vor-Corona-Niveau zu kommen, dann zeige es, in welche Richtung es gehen könne.

Das Ticket für den Juni kostet neun Euro und ist im gesamten deutschen Nahverkehr gültig. Gerd Engelsmann

Mehr Fahrgäste statt Ausbau und mehr Angebot

Schon lange wird in Deutschland über die bundesweite Einführung eines 365-Euro-Tickets pro Jahr debattiert. Theurer sagte, Minister Volker Wissing (FDP) habe mit den Ländern eine Arbeitsgruppe zu einem Mobilitätspakt eingesetzt. Es stelle sich die Frage, ob mehr Verkehre und ein Ausbau des Angebots die richtigen Instrument seien – oder ob es nicht sinnvoll sei, im bestehenden System die Fahrgastzahlen zu erhöhen, sagte der Parlamentarische Staatssekretär im Verkehrsministerium.

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Als ganz zum Schluss in der S 7 nach Ahrensfelde noch zwei Kontrolleurinnen einsteigen, gibt es einen kurzen Schreckmoment bei denen, die noch kein 9-Euro-Ticket haben. Dann aber weisen sie bloß einen Fahrgast auf die geltende Maskenpflicht hin. „Fahrkarte brauchen wir heute nicht“, sagt eine.