Friedrichstraße Sascha Wendling

Curry ohne Darm. Ringbahn ohne Ticket. Party ohne Ende. In Berlin geht vieles ohne. Aber die Hauptstadt ohne Berliner? Das gab es bisher nur sieben Wochen lang im März 2020, im ersten Corona-Lockdown. Und im zweiten, der von Mitte Dezember 2020 bis Mai 2021 andauern sollte.

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Fotografien aus einer Stadt im Stillstand

In dieser Zeit hat es den Stadtführer und Hobbyfotografen Sascha Wendling oft nachts nicht in seinem Bett gehalten. „Ich musste raus. Musste in meine Stadt, sie neu erkunden, sie in ihrer Stilllegung bestaunen und die Nächte festhalten“, schreibt Wendling im Vorwort zu seinem Bildband, der jetzt im eigens gegründeten Verlag erschienen ist. Eine Stadt, die von einer Pandemie zum Innehalten gezwungen wird, und ein Mann, den die Sorge um seine berufliche Zukunft in Bewegung hält - das ergibt ein Dokument einer irren Zeit, die so hoffentlich nie wieder kommt.

Kastanienallee ohne Hipster. Und keiner kauft bei Konnopke ne Curry ohne Darm. Sascha Wendling

Als wollten Menschen versuchen, sich vor einem großen Unwetter noch schnell in Sicherheit zu bringen, huschen sie über die einsamen Bahnhöfe. Auf seinen Streifzügen begegnet Sascha Wendling kaum jemandem. Nicht auf dem Hauptbahnhof, der ohne Reisende sein Gerippe aus Stahlstreben über Leere wölbt, nicht auf dem Alexanderplatz, der jetzt den Tauben gehört, aber die finden ja auch kaum noch was zu Fressen.

Endlich ungestört die Kamera aufbauen. Lange Belichtungszeiten, ohne dass einer durchs Bild latscht - das ist die gute Seite des Stillstands.

Rathausbrücke. Das Berliner Schloss. Sascha Wendling

Sogar eine magische Nacht im Schnee hat sich tief ins Gedächtnis des Fotografen eingebrannt. „Es ist eine meiner schönsten Nächte während der Corona-Zeit und alles schreit: Schau hin. Berlin ist wunderschön und leer und so wird es nie wieder sein. Nie wieder wird die Schneedecke das Licht so reflektieren, dass die Kolonnaden aus Gold zu sein scheinen.“

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Auf seiner Museumsinsel, wo Sascha Wendling sonst als Stadtführer ganz in seinem Revier ist, veredelt der Schnee die unwirkliche Situation, in der sich die Stadt befindet. Wo sonst das Leben tobt, herrscht Stille, die man erst einmal aushalten muss.

Bodestraße. Alte Nationalgalerie. Sascha Wendling

Die 95 Bilder, oft in schwarz-weiß, werden von Zitaten aus der Zeit flankiert. Ernste wie auch heitere Äußerungen, von denen einige schon jetzt in die Geschichte eingegangen sind. Angela Merkels „Die Lage ist Ernst, nehmen Sie sie auch ernst“ etwa, oder Jens Spahns Spruch vom Verzeihen. Oder die kluge Beobachtung von Bjarne Mädel: „Also wenn immer nur alle meckern, können wir sowas wie Corona eben nicht mehr machen.“

Manche der Wort-Bild-Kombinationen sind geradezu genial. Wenn der Schauspieler Kida Ramadan zitiert wird mit: „Ich habe dieses Drecksvirus von Anfang an respektiert“ und auf der Seite nebenan der Berliner Dom trutzt, entfaltet das seine ganz eigene Wucht.

Willy-Brandt-Straße. Bundeskanzleramt. Der letzte macht das Licht aus.  Sascha Wendling

Ein Kapitel im Buch widmet sich geschlossenen Cafés und Restaurants. Durch die Scheiben fotografiert Sascha Wendling auch seine Stammkneipe das Gaffelhaus. „Das war ein sehr emotionaler Moment“, gibt der gebürtige Kölner zu. Keiner wusste, wie es weiter geht, ob man bald wieder zusammen sitzen würde, ob alles und alle, die man lieb gewonnen hatte, den Lockdown überstehen würden.

Kollateralschäden in der Gastronomie

In den verlassenen Gasträumen von Einstein, Sophieneck und StäV wird besonders sichtbar, welche Kollateralschäden Corona hinterlässt. Im Hotel Westin Grand stapeln sich mitten im Entree Matratzen. Man hatte sich noch nicht einmal mehr Mühe gegeben, den Ausnahmezustand dezent zu kaschieren.

Heute, wo das Buch frisch erschienen ist, und die erste Auflage schon fast verkauft, tummeln sich am Hackeschen Markt wieder Touristen. Ein Stadtführer erklärt auf Italienisch, Gäste fotografieren sich vor den bunten Wandmalereien im Hof des Hauses Schwarzenberg. Im Hackeschen Hof sind die ersten Mittagsgäste eingekehrt.

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Die Stadt regt sich wieder, sehnt sich nach unbeschwertem Glanz. Noch hat sie den schweren Pandemie-Mantel nicht an den Ständer in der Ecke gehängt, noch trägt sie Maske. Aber wenn nun schon Bildbände in den Regalen stehen von dieser irren Zeit, dann ist sie doch schon ein Stück weit Geschichte, dann haben wir das Schlimmste vielleicht doch schon hinter uns?

Der Bildband „Locktown, die Hauptstadt“ ist im Goldelse Verlag erschienen und kostet 29,90. Das Buch ist auf der Webseite des Verlags erhältlich, in der Tucholsky Buchhandlung oder in der Buchhandlung Hundt Hammer Stein. In allen anderen Buchläden kann man es bestellen.