Manfred Krug im Jahr 1997  - als Anwalt in der ARD-Serie Liebling Kreuzberg steht er in jener Zeit wieder ganz oben auf der Erfolgsleiter.
Manfred Krug im Jahr 1997 - als Anwalt in der ARD-Serie Liebling Kreuzberg steht er in jener Zeit wieder ganz oben auf der Erfolgsleiter. dpa/Bachmann

Er gehörte zu den Superstars in der DDR. Manfred Krug, den sein Publikum im Osten und im Westen liebte, der aber auch recht ruppig sein konnte. Nicht nur als Maurer-Polier in dem legendären Defa-Film „Spur der Steine“ oder als Fernfahrer in der TV-Serie „Auf Achse“: Auch privat verstand der Schauspieler es, recht gut auszuteilen. Das beweisen seine Tagebücher, die jetzt sechs Jahre nach dem Tod des Stars veröffentlicht werden.

Es ist bereits der zweite Band. Darin werden die Tagebücher veröffentlicht, die Manfred Krug zwischen den Jahren 1998 und 1999 schrieb. Auch wenn der Titel „Ich bin zu zart für diese Welt“ lautet: Seine Aufzeichnungen geben wieder, wie unangenehm der Star gegenüber sich selbst und seinen Mitmenschen in jener Zeit werden konnte.

Machte seine Krankheit ihn so ruppig? Im ersten Teil der Tagebücher, der vergangenes Jahr erschien,  schilderte Krug unter anderem seinen Schlaganfall, der ihn als Tatmenschen und Instinktschauspieler zeitweise seines wichtigsten Instruments raubte – der Stimme. Die jetzt erscheinenden Tagebuchnotizen setzen die Berichte fort.

Manfred Krug: So litt er an den Folgen seines Schlaganfalls

Manfred Krug  als Kommissar Stoever) und Charles Brauer als Kommissar Brockmöller) in einer Tatort-Folge
Manfred Krug  als Kommissar Stoever) und Charles Brauer als Kommissar Brockmöller) in einer Tatort-Folge dpa/Wolfgang Langenstrassen

Eine Körperhälfte gehorcht Krug nicht mehr wie vorher. Der Fuß ist kalt, die Sinne sind stumpf. Dazu kommen Blutstürze aus der Nase und Vergesslichkeit. Seinen Text als Hamburger „Tatort“-Kommissar Paul Stoever muss er sich groß auf Zetteln aufschreiben, die er dann beim Drehen abliest.

Der Star leidet in einer Zeit, wo es ihm nach außen hin offenbar so gut geht. Schließlich steht er im wiedervereinten Deutschland als einer der wenigen Künstler aus dem Osten ganz oben an der Spitze. Gleich nach seinem Weggang aus der DDR feierte Krug mit seiner Rolle als Fernfahrer in der ARD-Serie „Auf Achse“ (1978-1996) seinen Durchbruch im Westen. Als Anwalt in „Liebling Kreuzberg“ hat er dann alle Herzen der TV-Zuschauer im anderen Teil Deutschlands erobert.

Kollege Peter Lohmeyer kommt in den Tagebüchern nicht gut weg: Der Schauspieler war als Manfred Krug in dem ARD-Film„ Abgehauen“" (1998) zu sehen.
Kollege Peter Lohmeyer kommt in den Tagebüchern nicht gut weg: Der Schauspieler war als Manfred Krug in dem ARD-Film„ Abgehauen“" (1998) zu sehen. WDR/Alex Reuter

Manfred Krug: DARUM wollte er nicht mehr den „Tatort“ drehen

Manne Krug hat alles in den Jahren nach der Wiedervereinigung Deutschlands erreicht, was sich so manch anderer Künstler nur erträumen konnte. Er wird „Tatort“-Kommissar, seine Popularität macht ihn zur Werbeikone für die Telekom, als diese an die Börse geht. Doch wer mit ihm zu tun hat, merkt auch die andere Seite des Stars. So sind KURIER-Reporter bei einem Werbetermin vor dem Brandenburger Tor dabei, erleben, wie Krug Fotografen und Reporter anblafft, weil ihm die die ganze Werbeaktion augenscheinlich nicht angenehm ist.

Krug ist in jener Zeit mit sich und der Welt unzufrieden. Er will sein Leben ändern. Er will den Kerl, der er ist, „neu erfinden“. Und das sorgt für Probleme. Das wird in dem zweiten Band seiner Tagebücher recht deutlich. Der herausgebende Kanon-Verlag erklärt in der Ankündigung dazu: „Krug leidet unter seiner eigenen Widersprüchlichkeit und der angeschlagenen Gesundheit. Seit seinem Schlaganfall hat er verstörende Träume, in denen sein verstorbener Freund Jurek Becker, Frauen und Kollegen auftauchen und er seinen Urängsten begegnet. Er schreibt sie alle auf.“

Der frühere DDR-Star notiert, wie ungestraft unverschämt er zu Regisseuren, Fernsehredakteuren, Chauffeuren, sogar zu Freunden sein darf. Krug rühmt sich sogar, wenn er daheim Handwerker wegen ruhestörenden Lärms anblafft. „Weil ich ein Prolet bin, kann ich mit Proleten umgehen“, schreibt der frühere Stahlkocher als Begründung.

Manfred Krug und seine uneheliche Tochter

So mancher bekommt im Tagebuch sein Fett weg – besonders im Jahr 1998. So ergeht es zum Beispiel Schauspieler Peter Lohmeyer, der Krug in der in dieser Zeit entstehenden ARD-Verfilmung seiner DDR-Autobiografie „Abgehauen“ verkörpert. „Wessi“ und „verkrampft“, das sei keine Empfehlung für höhere Weihen, notiert Manfred Krug.

Parallel geht Krugs privates Drama weiter. Seine Frau Otti hatte ein Jahr vor den Dreharbeiten zu „Abgehauen“ durch Zufall von Krugs kleiner unehelicher Tochter Marlene erfahren, die er mit einer Schauspielkollegin gezeugt hat. Geliebte und Kind sind in einer kleinen Wohnung im Hinterhaus untergebracht, die Krugs leben vorne. Das geht auf Dauer nicht gut.

Krug schildert seinen Schmerz über den Verlust, als er Marlene nach dem Zerwürfnis mit ihrer Mutter zeitweise nicht mehr sehen darf. Der späte Vater versucht bei ihr nachzuholen, was er bei seinen drei ehelichen Kindern vorher zumindest teilweise versäumt hatte – der Karriere in der DDR und dem Neustart nach der Ausreise in den Westen 1977 wegen.

Krug träumt viel und schlecht oder schildert es zumindest in seinen Aufzeichnungen so. Es geht in diesem Buch nicht nur in seinen Träumen oft um Verlust – von Menschen, Vertrauen oder der Gesundheit. Schließlich gibt er sogar seinen Dauerbrenner „Tatort“ auf.

Der zweite Tagebuch-Band entwickelt durchaus erneut die Kraft, einen in den Lebens-Alltagsroman des Manfred Krug hineinzuziehen. Hat seine Otti eine Affäre? Sind beim Fernsehen alle doof außer ihm? Amüsant zu lesen ist auch, wenn Krug nebenbei die Tagesereignisse referiert. Gerhard Schröders Wahlsieg 1998, Kohls Parteispendensumpf, Jelzins Ablösung durch das „schmale Jüngelchen“ Putin in Russland.

Auf 303 Seiten wird aus dem sympathischen TV- und Film-Raufbold ein Grantel-Opa, keine Spur von „Liebling Kreuzberg“ findet man mehr.

Die Premiere des Tagebuch-Bandes findet am 25. Januar im Berliner Kino Babylon statt  (20 Uhr). Dabei sind Fanny und Daniel Krug, die Kinder des verstorbenen Schauspielers. Nach Lesung und Gespräch wird der Defa-Film „Das Versteck“ mit Manfred Krug gezeigt. Eintritt: 12 Euro.