Luftpost über die Mauer
SO bestellten DDR-Grenzer Zigaretten bei Westberlinern – und bekamen sie
Kassiber wie im Knast wurden über die Mauer geworfen, und Berliner (West) ließen Grenzer (Ost) nicht ohne Nikotin-Nachschub darben.

Gäbe es die Zettelchen nicht, wäre es kaum zu glauben: Mit dem Mauerbau am 13. August 1961 und bis weit in die 1960er Jahre bestellten DDR-Grenzer Zigaretten und sogar Strümpfe bei Westberlinern. Die Zettel warfen sie über die Mauer nach West-Berlin, und tatsächlich wurde wunschgemäß geliefert.
Auf der Internetseite Chronik der Mauer sind jetzt einige „Kassiber“ zu sehen, die eigentlich in die Welt der Gefängnisse gehören, und die teilweise auch mit Botschaften zurück in den Osten geflogen waren.

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Einer der Zettel teilt mit: „Wir haben 10 DM-West. Könnt Ihr uns dafür Zigaretten holen?“ Ein anderer, aus dem Westen kommend, zeigt die Häufigkeit der Wünsche aus dem Osten: „Teilt Euch die Zigaretten gut ein, die Anderen wollen auch immer welche haben und wir sind leider keine Kapitalisten!! Wann bist du wieder hier? (Verbrennen!)“
Dem Wunsch folgte der Grenzer nicht, der Kassiber kam mit einer neuen Botschaft zurück: „Es freut mich sehr, das Sie so gut zu mir sind. Vielen Dank für die Zigarretten. Ich weiß aber nicht, wann ich hier wieder stehe.“
Die DDR versuchte natürlich, derlei „grenzüberschreitenden Handel“ zu unterbinden, dessen „Begleitschreiben“ auch Skepsis von Grenzern über die Grenze zeigten. Auf einem der Zettel, mit dem einer um nahtlose Strümpfe („Größe 9 ½, nicht allzu Hell“) bittet, ist die „Mauer“ mit Anführungszeichen geschrieben.


Der deutsch-deutsche Austausch von Kassibern und Waren muss sich noch über Jahre hingezogen haben, auch mit der Polizei in West-Berlin. 1965 schrieb die Berliner Morgenpost, dass „Grepos“ bei den Polizisten im Westen auf den morgendlichen Streifen „regelrecht Bestellungen aufgaben und sich die Ware – meist Zigaretten und Zeitungen, oft Transistoren oder Kleinigkeiten wie Kugelschreiber und Schnürsenkel – beim abendlichen Postengang abholten.“
![„Frau Kuhnert, ich habe den Bettelnden drüben 10 Zig.[aretten] + 6 St.[ück] Konfekt um ¾ 10 [Uhr]– rüber geworfen. Die Nachbarin“, steht auf einem Zettel an die Frau des Kassiber-Sammlers und Mutter der Stifterin. ](https://berliner-zeitung.imgix.net/2021/08/11/06e2daa7-f575-4c14-a412-517c65fe04bd.jpeg?auto=format&fit=max&w=1880&auto=compress&rect=4,0,694,521)
Namen finden sich sehr selten auf den Kassibern, die Grenzer unterschrieben manchmal mit „Ihr Freund“, Westberliner mit „Die Nachbarin“.
Alfred Kuhnert, der auf der Weddinger Seite der Mauer in der Bernauer Straße 119 wohnte, hatte die Zettel gesammelt. Nach seinem Tod wurden sie von seiner Tochter an die Stiftung Berliner Mauer übergeben.