Tamara Danz mit Silly: Auf das erste Album und dessen Hit „Der letzte Kunde“ war sie nie gut zu sprechen. Imago

Die Geheimnisse der Ostrock-Legenden: Auch bei der Kultband Silly haben sich so manche in den vergangenen 43 Jahren ihrer wechselvollen Bandgeschichte angesammelt. Jetzt werden einige gelüftet.

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Es sind Geheimnisse aus den Anfangsjahren von Silly, zu deren Gründern auch Mike Schafmeier gehörte. Der Mann mit Vollbart, der der erste Schlagzeuger der Band war – und  vor einem Jahr, kurz vor Weihnachten, im Alter von 71 Jahren, starb. In dem gerade erschienenen Buch „Das jetzt wirklich allerletzte Ostrock-Buch“ des Berliner Musik-Journalisten Christian Hentschel (54) kommt der einstige Silly-Musiker noch einmal zu Wort.

Der Schlagzeuger war der Einzige, der es schaffte, Sängerin Tamara Danz vom Mikro wegzuholen. Schafmeier sang 1979 Sillys legendären Kneipen-Song „Der letzte Kunde“, der ein Hit und für den Musiker zum Verhängnis wurde – so wie er es in einem Interview schildert, das nun nach seinem Tod in dem Ostrock-Buch veröffentlicht wird.

„Ich bin der letzte Kunde“ war eine Spaßnummer auf dem ersten Silly-Album „Tanzt keiner Boogie?“ Damit hatte Schafmeier als erster DDR-Schlagzeuger einen Hit. Der Song „TV-Show“, gesungen vom Puhdys-Drummer Klaus Scharfschwerdt, erschien erst 1982.

Silly 1983, als das Album „Mont Klamott“ entstand: Schlagzeuger Mike Schafmeier (li.), Ritchie Barton, Keyboarder Matthias Schramm, Tamara Danz und Gitarrist Thomas Fritzsching. Neues Leben/Das wirklich allerletzte Ostrockbuch/Schall-Archiv

Beim „Letzten Kunden“ verstand Tamara Danz keinen Spaß

Dass Schafmeier als Schlagzeuger ausgerechnet den ersten Silly-Hit landete, konnte nicht gut gehen, glaubte er im nachhinein. „Hier habe ich den leisen Verdacht, dass es auch deshalb zur Trennung zwischen der Band und mir gekommen ist“, sagt der Musiker, der nach sechs Jahren aus der Band flog. „Mit ,Der letzte Kunde‘ hatten wir einen Hit, der alles weitere blockierte. Besonders ,Mont Klamott‘ (das erste Erfolgs-Album von Silly, das 1983 erschien, Anm. d. Red.). Wie soll ich’s sagen? Die Leute wollten immer wieder den ‚letzten Kunden‘– das war nicht im Sinne der Erfinderin.“

Mit der „Erfinderin“ ist Tamara Danz gemeint, die später die LP „Tanzt keiner Boogie?“ scheinbar gar nicht mochte. „Früher machten wir mit Silly viele Feten, oft bei mir, weil ich gut und gern koche“, erinnert sich Schafmeier. „Bei einer dieser Feten legte ich eine Kassette mit einem Livemitschnitt von einem Konzert ein, das wir 1979 in Rumänien spielten. Da ist Tamara Danz so was von stinkig geworden: ,Mach das aus!‘, was mir einfällt und so weiter. Ich hatte damit weniger Probleme. Jeder fängt doch mal an.“

Das letzte Silly-Konzert spielte Schafmeier am 1. Mai 1984. „Es gab eine offizielle Begründung. Denn ich habe eine eigenwillige Krankheit, ich schwitze nicht, wodurch der Sommer mir Probleme bereitet, Hitzestau. Aber das war nur ein Bruchteil der Gründe“, sagt der Musiker, der später bei der Kabarett-Band MTS anheuerte. „Ja, das war merkwürdig. Und traurig, tieftraurig. Ich hatte dann zwar gleich Angebote von anderen bekannten Bands, aber irgendwie fühlte ich, dass ich mich nicht verbessern konnte. Silly war damals der Höhepunkt. Ich hätte bei Amiga auch eine Soloplatte mit so lustigen Liedern machen können, aber das wollte ich alles nicht.“

Aber auch Frontfrau Tamara Danz wurde kurzzeitig aus der Band geschasst. Als Silly 1980 im norwegischen Lillehammer auftreten sollte, standen die Musiker plötzlich ohne ihre Sängerin da. „Sie durfte einfach nicht mehr in den Westen. Erst viel später, nachdem sie einen Ausreiseantrag gestellt hatte, ließ man sie wieder fahren.“

Tamara Danz mit der ersten Band-Besetzung, die sich damals noch Familie Silly nannte. Am Schlagzeug: Mike Schafmeier. Imago

Tamara Danz: In Norwegen hatte Silly plötzlich keine Sängerin mehr

Das Fehlen der Sängerin hatte für Silly in Norwegen noch turbulente Folgen. Nicht nur, dass die Männer nun auf der Bühne singen musste. „Anstelle von Tamara nahmen wir einen weiteren Techniker mit, der vor lauter Dankbarkeit abgehauen ist“, erzählt . „Hat sich in Oslo in Schutzhaft nehmen lassen. Es war ein harter Winter, und erst dachten wir, der sei beim Erkunden der Gegend irgendwie erfroren.“

Das Buch „Das jetzt wirklich allerletzte Ostrockbuch“ von Christian Hentschel ist im Verlag Neues Leben erschienen (320 Seiten, 22 Euro). Neues Leben

Doch dann kam ein Anruf. Der BRD-Botschafter rief bei uns in Lillehammer an, dass wir uns keinen Kopf machen sollen. Der kam dann auch noch angefahren und brachte jedem eine Pulle Schnaps. Als wir zurück in Berlin waren, wollte die Agentur uns fertigmachen. Sie hätten sich doch freuen können, dass wenigstens der Rest zurückgekommen ist.“