Rund 150 Siemens-Mitarbeiter protestierten während einer verlängerten Frühstückspause vor dem Dynamowerk gegen die Ausgliederung aus dem Konzern. dpa

Knapp 1,8 Milliarden Euro Gewinn im ersten Quartal – das schafft Champagner-Stimmung bei Bossen und Aktionären. Gleichzeitig herrscht  Grimm und Zukunftsangst bei Mitarbeitern: Während Siemens-Chef Roland Busch mit Rekord-Zahlen im Rücken von München aus die virtuelle Hauptversammlung des Konzerns startete, setzten ihn „seine“ Leute vorm Berliner Dynamowerk bei einer Demo ganz anders in Szene – als Papp-Puppe, die gerade dabei ist, sich und einen Riesen-Elektromotor in die Luft zu sprengen. Auch in Nürnberg gab es Proteste.

Matthias Reifenberger, Vertrauensmann der IG Metall im Dynamowerk. Hinter ihm die Puppe des Siemens-Chefs, der auf einem Elektromotor hockt und dabei ist,  Motor,  Mitarbeiter und sich in die Luft zu sprengen. Lehrke

Solche Motoren werden im 1906 gegründeten Dynamowerk (450 Mitarbeiter) an der Nonnendammallee hergestellt. Der Konzern plant, es bis Oktober in einen eigenen Bereich „elektrische Großantriebe“ (Large Drive Applications, LDA) auszugliedern. Vermutlich als eigene GmbH, die kein Teil von Siemens ist.

Siemens hatte im Oktober 2021 angekündigt, sein Geschäft mit großen Motoren auf eigene Füße stellen zu wollen. LDA hat ihren Hauptsitz in Nürnberg, beschäftigt dort und in Berlin rund 2200 Mitarbeiter. In Tschechien, den USA und China sind es weitere 4800.

„Greenwashing“-Verdacht: Siemens will nichts mehr bauen, was am grünen Image kratzt

Die IG Metall und die Mitarbeiter befürchten, dass am Ende der Verkauf steht. Im Raum steht der Verdacht, dass man sich durch sogenanntes „Greenwashing“ aller Geschäftsbereiche entledigen will, die im Ruch stehen, nicht besonders umweltfreundlich zu sein. Dazu zählen die gewaltigen Elektromotoren, die unter anderem in Berlin hergestellt werden. Für den Schiffsantrieb, in Stahlwerken oder auch im Bergbau. Es gefiel Siemens nicht, dass die Klimaschutzleute von Fridays for Future 2020 Lieferungen an eine Kohlemine in Australien kritisierten.

„Bei den ökologischen Herausforderungen, vor denen wir heute stehen, brauchen wir Alternativen zu den Antriebstechnologien“,  sagte Regina Katerndahl aus dem Berliner IG-Metall-Vorstand. „Diese können und sollten wir vor Ort entwickeln und mit der Digitalisierung verknüpfen. Deshalb machen die Abspaltung und der mögliche Verkauf des Dynamowerks keinen Sinn.“ Aber Siemens denke nur an Marge, an die Aktionäre und an die Gefahr, etwas könne „am grünen Image kratzen“.

Siemens macht Geld wie Heu. Grafik: dpa

Markus Ochmann, Vize-Vorsitzender des Betriebsrats des Dynamowerks: „Elektromotore haben keinen CO2-Ausstoß, sie sind grüne Technik. Wir brauchen Forschung, Entwicklung und Investitionen, eine Ausgliederung hat nichts mit Nachhaltigkeit zu tun.“ Sein Werk habe zu dem guten Ergebnis von Siemens beigetragen, aber jetzt - und das ausgerechnet zu Corona-Zeiten - sorge Siemens für Zukunftsangst.

Siemens-Mitarbeiter übten Verzicht

Seit 2017 gibt es bei Siemens Bestrebungen, das Werk kleinzubekommen. Matthias Reifenberger, Leiter der IG Metall-Vertrauensleute im Betrieb: „Es gab dann einen Sanierungs-Tarifvertrag, wir haben 300 Kollegen verloren, unter vielen Tränen. Der Rest hat auf Teile des Gehalts verzichtet.“ Das  Geld sei in einen Sondertopf geflossen, um in dem Moment ausgezahlt zu werden, wenn das Werk schwarze Zahlen schreibt. Das sei geschehen, es sei wieder in der Gewinnzone.

Leider habe das Dynamowerk an Fertigungstiefe verloren, sagt Reifenberger, bedarf also mehr Zulieferung von Teilen, die zuvor selbst hergestellt wurden. Angesichts der finanziellen Entwicklung sei das aber alles kein Grund, es aus Siemens auszugliedern. Reifenberger im Blick auf die 116-jährige Geschichte des Dynamowerks: „Wir sind nicht bereit für einen Schlussakkord, aber für eine Ouvertüre.“

Während die einen Aktionärsvertreter über die Entwicklung jubelten, verlangte der Mitarbeiter-Aktionärsverein „Wir für Siemens“  den „Schluss mit der Ausgliederitis“. Er forderte, die Zukunftschancen des Bereichs zu nutzen.

Bei Siemens hält man dagegen daran fest, mit dem Abstoßen von Konzernteilen „das Portfolio schärfen“ zu wollen.  Bereits am späten Mittwochabend war bekannt geworden, dass der Konzern sein Paket- und Postgeschäft verkauft und sich vom Anteil an der Elektroauto-Gemeinschaftsfirma mit Valeo trennt. Das Paket- und Postgeschäft geht für 1,15 Milliarden Euro an den Technologiekonzern Körber. Bei dem Gemeinschaftsunternehmen übernimmt Valeo den Anteil des Partners. Siemens erwartet daraus einen positiven Ergebniseffekt von 300 Millionen Euro im laufenden zweiten Geschäftsquartal.

Windkraftanlagen machen Siemens Sorgen

Siemens ist seit Jahren in einem Umbauprozess. Auf großer Ebene soll dieser mit der Abspaltung von Siemens Energy 2020 eigentlich abgeschlossen sein, doch es gibt noch einige kleinere Bereiche, von denen sich Siemens trennen will. Noch ist Siemens mit rund 35 Prozent an Siemens Energy beteiligt. Freude macht das dem Konzern im Moment allerdings nicht: Schon im abgelaufenen Quartal drückte die Beteiligung leicht aufs Ergebnis und die jüngsten technischen Probleme bei Windkraftanlagen sowie der darauf folgende weitere Absturz der Aktie könnten nun den geplanten weiteren Abbau des Anteils verzögern.

An der Börse kamen die Nachrichten von Siemens insgesamt aber sehr gut an: Der Kurs der Aktie legte am Morgen um zeitweise mehr als 7 Prozent zu und war damit stärkster Gewinner im Dax. Bis zum Nachmittag schmolzen die Gewinne ein Stück weit ab.