Im Berliner Siemens-Gasturbinenwerk werden 740 Jobs gestrichen.


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Ein Sparprogramm war von Siemens schon angekündigt - jetzt liegen die Zahlen vor, und es wird ein Kahlschlag an einem traditionellen Standort: Im Gasturbinenwerk Moabit soll jede vierte Stelle wegfallen. Das wurde am selben Tag verkündet, als der Mutterkonzern von Siemens Energy einen Milliardengewinn bekannt gab.

Nachdem am Dienstag der Vorstandschef von Siemens Energy überraschend die Streichung von 3000 Jobs in Deutschland angekündigt hatte, wissen nun die insgesamt 4800 Berliner Beschäftigten, was das für sie bedeutet. Am Mittwochmittag teilte die Geschäftsführung während einer virtuellen Mitarbeiterversammlung mit, dass in der Stadt 740 Stellen gestrichen werden sollen. Von dem Arbeitsplatzabbau betroffen ist ausschließlich das Gasturbinenwerk in der Huttenstraße in Moabit. Dort will Siemens Energy ein Viertel der Jobs streichen.

„Das ist wie ein Schlag mit der Keule“, sagt Günter Augustat. Er ist Vorsitzender des Betriebsrats im Moabiter Werk. 2900 Menschen arbeiten dort. Nach der Abspaltung des Energiebereichs von Siemens und der Gründung der Siemens Energy AG habe in Berlin Aufbruchstimmung geherrscht, sagt Augustat. Die Entscheidung jetzt nennt er respektlos und kurzsichtig. In der Belegschaft hätte niemand mit einem Stellenabbau in diesem Ausmaß gerechnet.

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Für die IG Metall ist dabei das letzte Wort noch nicht gesprochen. Mit einem Kahlschlag wolle die Siemens Energy AG ihre Kosten reduzieren und bis 2023 ihre Gewinnmarge von 6,5 Prozent auf 8,5 Prozent anheben. „Aktionärsfreuden auf Kosten der Beschäftigten“, heißt es bei der Gewerkschaft. Dass der Konzern sparen will, ist seit der Herauslösung der Siemens Energy aus der Siemens AG im vergangenen Jahr klar. Denn der Energiemarkt verändert sich aktuell drastisch.

Vor diesem Hintergrund hatten Arbeitnehmervertreter und Geschäftsführung Ende Januar eine Zukunftsvereinbarung abgeschlossen. Wo Stellen abgebaut werden, soll dies über Aufhebungsverträge, interne Qualifizierungen, Transfergesellschaften und Versetzungen geschehen. Für die Gewerkschaft ist das ein Schritt nach vorn. Tatsächlich hatte Vorstandschef Bruch vor einem Jahr noch komplette Werke und Standorte infrage gestellt.

Schon 2017 gab es Auseinandersetzungen um den Abbau von Arbeitsplätzen im Gasturbinenwerk Huttenstraße, dessen Gebäude eine Architektur-Ikone ist. Foto: Ralf Hirschberger/dpa-Zentralbild/dpa

Nun soll es aber ein Viertel der Belegschaft des Gasturbinenwerks treffen. Über 700 Jobs hält die Geschäftsführung dort für überflüssig. Allein in der Produktion sollen 400 Stellen verschwinden. „Damit verschenkt Siemens wichtiges Know-how für die Transformation“, sagt Regina Katerndahl, Vize-Chefin der Berliner IG Metall. Der angekündigte Arbeitsplatzabbau sei „ein Schlag ins Gesicht der Beschäftigten“.

Sie hätten die Ausgliederung des Konzerns aktiv unterstützt und in der Pandemie sowohl die Produktion in den Werken als auch den Betrieb aus dem Homeoffice am Laufen gehalten. „Für die Berliner Beschäftigten fordern wir, dass Siemens Energy die Kolleginnen und Kollegen auf künftig gebrauchte Stellen qualifiziert, anstatt die Arbeitsplätze einfach wegzustreichen“, sagt sie. Reines Kostendrücken ohne realen betrieblichen Nutzen darf es aus Sicht der IG Metall nicht geben.

Die Siemens AG und Siemens Energy sind vor Daimler und Bayer die größten Industriearbeitgeber in der Stadt. Zusammen beschäftigen die beiden Unternehmen hier mehr als 10.000 Mitarbeiter. Allerdings ist die Zahl der Beschäftigten in der regionalen Industrie im vergangenen Jahr deutlich zurückgegangen. In Berlin zählten die Industriebetriebe mit mehr als 50 Beschäftigten Ende des vorigen Jahres noch 72.500 Mitarbeiter, über 6000 weniger als Ende 2019. In Brandenburg ging die Zahl um mehr als 2000 auf 80.500 zurück.