Der aus Amerika eingewanderte Ami-Krebs ist in Berlin zur echten Plage geworden.
Der aus Amerika eingewanderte Ami-Krebs ist in Berlin zur echten Plage geworden. dpa

Viele von ihnen haben einen weiten Weg hinter sich. Die tierischen und pflanzlichen Einwanderer, die sich immer mehr in Berlin ausbreiten. Nicht alle Neuankömmlinge sind so harmlos, wie es auf dem ersten Blick scheint. Mit ihrem großen Hunger zerstören sie Öko-Systeme. Mit ihren Giften können sie eine Gefahr für Menschen sein.

Richtig aufmerksam wurden die Berliner auf die tierischen Einwanderer, als 2017 erstmals Amerikanische Sumpfkrebse auf Wiesen und Wegen im Tiergarten gesichtet wurden. Der Ami-Krebs, wie ihn der Volksmund seit dem nennt, sorgt seit dem für viel Aufregung.

Vermutlich hatten sich die Nachkommen ausgesetzter Tiere unbemerkt vermehrt, bevor Hunger oder Platznot sie aus den Parkgewässern trieben. Jeden Sommer werden nun die Krebs-Invasoren, die eigentlich im Süden der USA und dem Norden Mexikos heimisch sind, gefangen. Eine weitere Ausbreitung soll verhindert und die Vermehrung gebremst werden. Denn die gefräßigen und wanderlustigen Tiere sind eine Bedrohung für heimische Arten und Ökosysteme.

Den Riesenbärenklau sollten Menschen meiden. Sein giftiger Saft kann allergische Reaktionen auslösen.
Den Riesenbärenklau sollten Menschen meiden. Sein giftiger Saft kann allergische Reaktionen auslösen. epd

Plagegeister in Berlin: Der Riesenbärenklau ist sogar giftig

Etwa 900 fremde Arten haben sich dem Bundesamt für Naturschutz in Deutschland dauerhaft angesiedelt und ausgebreitet. Auch in Berlin, wo sich einige Fremdarten vor allem aus dem Pflanzenreich ausbreiten, die für den Menschen gefährlich sind.

Etwa der Riesenbärenklau: Sein Saft enthält den Giftstoff Furocumarin, der schon in geringen Mengen allergische Reaktionen auslöst. Je nach Intensität des Kontakts und nach persönlicher Konstitution reichen die Symptome von Hautrötungen und Juckreiz bis hin zu Schwellungen, Fieber und Kreislaufproblemen. Man sollte genau hinschauen, wenn man durch Parks spazieren geht und sich dort zum Sonnen ein Plätzchen sucht.

Auch der aus Asien stammende Götterbaum, der sich in Grünanlagen ausbreitet, ist nicht ganz ohne. Er verdrängt andere Pflanzenarten. Er setzt sich auch am Beton in jeder Ritze fest, kann so Straßen und Mauern beschädigen. Bei Berührungen kann er bei Menschen Allergien auslösen. Dagegen ist die Schmalblättrige Wasserpest noch harmlos. Die bei Aquarium-Besitzern beliebte Pflanze breitet sich im Untergrund der Seen schnell  aus, bildet dort quasi Unterwasserwälder.

Die aus China stammenden Götterbäume breiten sich in Berlin überall aus - wie hier  zwischen dem Park am Gleisdreieck und dem Elise-Tilse-Park aus.
Die aus China stammenden Götterbäume breiten sich in Berlin überall aus - wie hier  zwischen dem Park am Gleisdreieck und dem Elise-Tilse-Park aus. dpa/Annett Stein

Nilgans verdrängt heimische Arten

Auf der Liste der tierischen Eindringlinge steht auch die Nilgans, die eigentlich in Ägypten zuhause ist. Nabu-Experten vermuten: Diese Gänse stammen aus Züchtungen in Großbritannien und Holland, die aus ihrer Gefangenschaft flüchteten oder ausgesetzt wurden. Experten befürchten, dass die Nilgänse heimische wilde Vogelarten verdrängen könnte.

Echte tierische Quälgeister sind in der Hauptstadtregion Waschbär und Nutria. Sie wühlen nicht nur in unseren Mülltonnen herum oder nisten sich in Häuserdächern ein und sorgen da für Chaos.  Waschbär und Co. verbreiten auch Krankheiten, die für heimische Tiere gefährlich sind (Kaninchenpest, Staupe).

Eine Nilgans mit ihren Kücken: 2015 wurde der aus Ägypten stammende Vogel erstmals in Berlin nachgewiesen.
Eine Nilgans mit ihren Kücken: 2015 wurde der aus Ägypten stammende Vogel erstmals in Berlin nachgewiesen. dpa/Bernd Weißbrod

Der aus Amerika stammende Waschbär fühlt sich in Berlin richtig wohl. Mehr als 800 Familien leben vor allem in den Außenbezirken Spandau, Reinickendorf, Marzahn, Treptow und Köpenick.

66 Tier- und Pflanzenarten stehen auf einer von der EU-Kommission erstellten Liste, der sogenannten Unionsliste invasiver Arten. Die Mitgliedsländer müssen die Einschleppung dieser Arten verhindern,  ihre ungehemmte Ausbreitung stoppen, wenn sie schon angekommen sind. Das gilt auch für Berlin.

„Bei Arten, die noch nicht hier heimisch sind, hat man ganz gute Chancen, sie fernzuhalten“, sagt Ingolf Kühn vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). „Bei bereits etablierten Arten wie etwa den Sumpfkrebsen oder dem Riesenbärenklau ist die Beseitigung nicht mehr zu schaffen. Da geht es dann darum, die Bestände einzudämmen und die Arten aus besonders sensiblen Bereichen wie Naturschutzgebieten fernzuhalten.“

Er macht gerne Dächer unsicher: So niedlich der Waschbär auch aussieht, ist er dennoch ein tierischer Plagegeist.
Er macht gerne Dächer unsicher: So niedlich der Waschbär auch aussieht, ist er dennoch ein tierischer Plagegeist. Keystone

Der Kampf gegen die Plagegeister ist eine Sisyphos-Aufgabe

In Berlin hat die Senatsverwaltung einen Fischer beauftragt, der in der Hochsaison mindestens zwei Mal pro Woche die ausgelegten Reusen leert, die Tiere unter anderem an Gastronomen verkauft.

Allerdings lässt sich gegen invasive Arten nur selten mit Messer und Gabel vorgehen - zudem kommt die Bekämpfung oft einer Sisyphos-Aufgabe gleich. „Oft sind dafür gar nicht genug Kapazitäten vorhanden“, sagt Sebastian Kolberg, Referent für Artenschutz beim Nabu. „In den unteren Naturschutzbehörden fehlt dazu schlicht die finanzielle und die personelle Ausstattung.“

Kompromisslos auf die Vertreibung einer invasiven Art zu setzen, sei aber häufig nicht zielführend, sagt Kolberg. Alle Anstrengungen auf das Management einer Konfliktart zu legen sei keine nachhaltige Strategie. Sinnvoller sei es häufig, die Gesundheit des Ökosystems insgesamt zu stärken.

„Gerade bei den Pflanzen machen viele der Neophyten keine Probleme, im Gegenteil“, sagt Wildtierexperte Derk Ehlert von der Umweltverwaltung. „Unsere Parkanlagen wären vermutlich sehr viel artenärmer, wenn es keine Neophyten gäbe.“ Generell sei die Natur in ständigem Wandel - und auch die Bewertung von Tier- und Pflanzenarten.

„Der aus China stammende Götterbaum wird seit etwa 250 Jahren bei uns angepflanzt und wurde als schöner Stadtbaum lange Zeit gehegt und gepflegt“, sagt Ehlert. „Seit etwa 80 Jahren breitet sich die Art massiv aus, weil die Winter wärmer geworden sind und die frostempfindlichen Jungbäume vermehrt überleben.“ Heute ist die Pflanze, wie beschrieben, ein Problem und offiziell unerwünscht.

Berlins Wildtier-Experte Derk Ehlert
Berlins Wildtier-Experte Derk Ehlert imago-images/Rolf Zöllner

Plagegeister: Einst gewollt, jetzt unerwünscht

Viele der heute als problematisch betrachteten Arten wurden einst bewusst eingeführt: der Waschbär etwa als Pelzlieferant, der asiatische Marienkäfer zur biologischen Bekämpfung von Schädlingen. Heute gehören sie zu den Arten, die man wohl nicht mehr vertreiben kann.

Mit dem Klimawandel dürfte sich die Situation kaum entspannen. Frostliebende Arten könnten nach Ansicht von UFZ-Forscher Kühn weniger werden. Der Großteil der eingeschleppten Arten stamme aber aus wärmeren Ländern und profitiere von den erwarteten Veränderungen.

„Wehret den Anfängen“, sagt Wildtierexperte Ehlert. „Wenn sich eine Art erstmal etabliert hat, gibt es oft kaum noch Möglichkeiten, sie wieder loszuwerden.“