Kathrin Gouffran rennt mit einer Kurkumapflanze in den Händen während der Evakuierung der Stadt Todoque, in der sie lebte. Gleich nach dem Beginn des Vulkanausbruchs am 19. September wurde ihr Haus auf La Palma von der Lava zerstört. dpa/Gutierrez

Es ist eines der einprägsamsten Bilder beim Vulkanausbruch auf La Palma: eine Frau, die mit tränenüberströmtem Gesicht aus ihrem Haus flüchten muss. Rennend. Nur mit einem Blumentopf im Arm. Die Frau ist Kathrin Gouffran. Eine Berlinerin, aus dem Wedding.

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„Um Gottes willen, nein, ganz im Gegenteil“, antwortet Kathrin Gouffran auf die Frage, ob sie La Palma nach dem Ende des fast dreimonatigen Vulkanausbruchs nun etwa den Rücken kehren wolle. „Ich liebe die Insel und ihre Menschen, die so hilfsbereit sind, dass es mich total überwältigt hat“, sagt sie.

Seit 20 Jahren lebt sie schon auf der Atlantikinsel vor der Westküste Afrikas. Und sprüht vor Optimismus. „Jetzt fühlt es sich ein wenig wie damals nach dem Mauerfall in Berlin an, alles erscheint möglich, alles wird anders“, erzählt sie am Telefon. Dabei hat es sie ganz schön erwischt.

Die Lava verschlang ganze Ortschaften. AFP

„Uns war klar, dass das Ding irgendwann hochgeht. Nur dachten wir, dass der Vulkan weiter südlich ausbrechen würde“, erinnert sich die gelernte Masseurin. Notfallkoffer mit den wichtigsten Papieren hätten alle schon vorbereitet gehabt. Als sich dann aber am 19. September die Erde mit einer gewaltigen Explosion gleich oberhalb ihres Wohnortes Todoque öffnete und Lava in die Luft geschleudert wurde, blieb ihr nur noch die schnelle Flucht. So wie 7000 weiteren Menschen im Tal von Aridane.

La Palma nach dem Vulkanausbruch: „Das sah das schon etwas nach Tschernobyl aus. Überall Asche.“

Zwei Tage später durfte Gouffran noch einmal kurz in ihr Haus. Ich hatte zehn Minuten Zeit, hinter mir drei Feuerwehrleute und habe in der Eile irgendwas gegriffen“, erzählt die 52-Jährige. Hinterher wunderte sie sich über sich selbst. „Eine Taucherbrille, obwohl ich nicht tauche, alte T-Shirts, aber nicht die neue Kleidung, ein selbst gebasteltes Geburtstagsgeschenk meiner Tochter, drei linke Schuhe und nur eine Unterhose“, erzählt sie und lacht. Und eine gerade blühende Kurkuma-Pflanze im braunen Übertopf.

„Etwas Lebendiges“, sagt sie. Kurz danach wurde das Haus, in dem sie zur Miete wohnte, von der mehr als 1000 Grad heißen Lava zerstört. Mit den Fotoalben, dem Schmuck und allem anderen, was zurückgelassen werden musste.

Bekannte überließen Gouffran eine Wohnung, wo sie während des Ausbruchs lebte. Jede Nacht stieg sie auf die Dachterrasse und beschwor den Vulkan: „Du bleibst da, wo du bist, und ich bleibe hier.“ dpa/Gutierrez

Bitterkeit oder Verzweiflung ist Gouffran jedoch wie den meisten Palmeros fremd. „Die ersten Tage waren wir bei einer Freundin untergekommen. Dann habe ich alle Bekannten durchtelefoniert und nach einer Unterkunft gefragt“, erzählt sie. Deutsche Patienten von ihr, die auf der Insel eine Wohnung hatten, hätten nur 20 Minuten Bedenkzeit gebraucht und ihr dann am Telefon gesagt, wo der Schlüssel liegt. „Meine Tochter hat nun sogar ein eigenes Zimmer“, sagt sie dankbar.

Durch Spenden seien sie nach ihrer Flucht auch schnell mit allem Notwendigen versorgt worden. Inzwischen habe sie auch die Zusage einer Freundin für eine langfristige Wohnmöglichkeit. Aber für viele andere sei die Wohnungsfrage mit die schwierigste.

Die 52-Jährige schwärmt von der Hilfsbereitschaft der Palmeros und will die Insel auf keinen Fall verlassen. dpa/Gutierrez

„Und jeden Abend habe ich gesagt: Du, lieber Vulkan, bleibst schön wo du bist, und ich bleibe hier.“

Es gab auch schwere Augenblicke während der zurückliegenden drei Monate. „Am schlimmsten waren die Druckwellen von den Explosionen des Vulkans. Sie ließen die Fensterscheiben klirren“, erzählt Gouffran. Da sei sie schon mal auf die Knie gegangen und habe geheult. „Und jeden Abend bin ich auf die Dachterrasse gestiegen und habe dem Vulkan eine gute Nacht gewünscht und gesagt: Du, lieber Vulkan, bleibst schön wo du bist und ich bleibe hier.“

Aber man solle das eigene Leid auch nicht überbewerten. Ihre eine Großmutter, Frieda, habe am Ende des Zweiten Weltkrieges in Berlin mitten in Trümmern gesessen, die andere, Gertrude, musste aus Westpreußen vor den anrückenden sowjetischen Truppen fliehen. „Dagegen ist das hier ein Kindergarten“, sagt sie.

Ihren Job in einer Immobilienagentur habe sie aufgegeben. Nun arbeite sie als Übersetzerin Englisch-Spanisch-Englisch bei der Kommunikation über Funk mit dem Süßwassertanker „Tommaso S“. Der bringt Wasser für die Bananenplantagen, nachdem viele Leitungen an Land durch die Lava zerstört wurden. Die aus mehreren Ländern stammende Mannschaft des unter der Flagge Maltas fahrenden Schiffes spreche kein Spanisch. „Da habe ich ein Riesenglück gehabt“, sagt die Frau, die vier Sprachen beherrscht.