Seit Monaten gibt es immer wieder Warnstreiks der Charité-Tochter CFM, vor dem Virchow-Klinikum wurde ein Zelt als Streiklokal aufgestellt. Hier spielte sich der Vorfall mit dem kranken jungen Mann ab. Foto: mp

Die Gewerkschaft ver.di erhebt schwere Vorwürfe gegen die Charité. Als Streikbrecher eingestellte Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma sollen in der Nacht zu Mittwoch verhindert haben, dass eine Mutter ihren hilfsbedürftigen Sohn in die Rettungsstelle des Virchow-Klinikums bringt. Die Charité weist den Vorwurf zurück, alles sei regelgerecht abgelaufen.

Ver.di-Streikleiter Marco Pavlik schildert den Vorgang, wie er von Streikposten der Charité-Tochterfirma CFM berichtet wurde: „Kurz vor Mitternacht kam eine Frau mit ihrem jugendlichen Sohn zum Eingang am Augustenburger Platz. Sie waren bereits auf dem Gelände, in den Torbögen des deutschen Herzzentrums auf dem Weg in die Rettungsstelle, als sich der Zustand des jungen Mannes dramatisch verschlechterte.“ Die beiden Streikposten der CFM, die sich in einem Zelt vor dem Eingang aufhielten, berichteten laut Pavlik, dass die drei Sicherheitsleute Mutter und den etwa 17 Jahre alten Sohn nicht in die Rettungsstelle begleiteten, sondern wieder auf den Vorplatz führten. Sie hätten auch die Streikwache nicht um Hilfe gebeten, sondern lediglich die Feuerwehr alarmiert.  

Einer der Streikposten sagte dem KURIER, die Sicherheitsleute hätten den jungen Mann vor dem Eingang gehalten, weil er anscheinend nicht mehr stehen konnte. „Wir sind dann hingegangen und haben gefragt, was los sei.“ Die Sicherheitsleute hätten von Kreislaufproblemen gesprochen. Der Streikposten: „Wir haben ihn dann auf einen unserer Stühle gesetzt und die Beine auf einen zweiten Stuhl gelegt. Der junge Mann war ein bisschen weggetreten und reagierte verzögert. Die Sicherheitsleute haben bis auf den Notruf keine Hilfe geleistet.“

Der von den Sicherheitsleuten alarmierte Rettungswagen sei dann erst vorbeigefahren, weil ihn die Sicherheitsleute nicht richtig eingewiesen hätten. Er brachte den jungen Mann dann in das Krankenhaus, vor dem er gesessen hatte, was einen Umweg zur Einfahrt Seestraße nötig machte. Über die Erkrankung des Patienten und seinen aktuellen Zustand ist die Gewerkschaft nicht informiert.

Eine Sprecherin der Charité bestätigte, dass es am 2. September vor dem Eingangsbereich auf das Klinikgelände einen Einsatz der  Feuerwehr gab. Der Patient und seine Begleitperson seien tatsächlich auf dem Weg in die Notaufnahme gewesen:„Der Gesundheitszustand des Patienten ließ ein selbständiges Erreichen der Notaufnahme zu Fuß aber nicht mehr zu. Das Sicherheitspersonal, das am Eingangsbereich aufgrund der Corona-Einlassbeschränkungen vor Ort war, unterstützte den Patienten und dessen Begleitperson.“

Die Wacheinsatzleitung am Campus Virchow-Klinikum habe ärztliche Unterstützung angefordert, die Feuerwehr brachte den Patienten in die Notaufnahme. Laut Charité hat sich der Gesundheitszustand des Patienten dort stabilisiert, er  musste nicht stationär aufgenommen werden: „Zudem bedankte sich die Begleitperson persönlich bereits am Morgen nach dem Vorfall beim Sicherheitspersonal für die Unterstützung.“

Marco Pavlik bewertet den Vorfall ganz anders: „Das unverantwortliche Treiben der CFM und der Charité mit Werkverträgen und Fremdfirmen, die den Streik brechen sollen, haben zu einer großen Notlage eines Menschen geführt.“ Man erwarte, dass die Charité den beiden als Streikbrecher eingesetzten Sicherheitsfirmen kündigt und deren Leute sofort abzieht.

Mitarbeiter der CFM sind seit über einer Woche im Warnstreik, um nach 14 Jahren einen Tarifvertrag für die 2500 Kollegen zu erstreiten. Sie sind in der Charité für alles zuständig, was nicht mit Medizin zu tun hat: Von der Reinigung über den Transport und die Essensversorgung und Sterilisation von Geräten bis hin zum Sicherheitsdienst. Laut ver.di verdienen CFM-Mitarbeiter bis zu 800 Euro weniger als Kollegen, die mit vergleichbaren Jobs direkt bei der Charité angestellt sind.

Am Freitagvormittag zwischen 9 und 11 Uhr wird es eine Demo von CFM-Mitarbeitern vom Brandenburger Tor zum Roten Rathaus geben.