Familienvater Manuel T. (40) will dass Kinderschänder Benjamin B. hinter Gitter kommt.  Foto: Eric Richard

Manuel T. fühlt sich verlassen. Vom Glück und von den Behörden. Die geliebte Frau liegt seit über 15 Monaten im Koma (KURIER berichtete). Wochenlang durfte die Familie sie wegen Corona nicht besuchen. Im ständigen Hoffen, dass sie jeden Moment aufwacht, kam jetzt der nächste Schlag: Der 14-jährige Sohn soll sexuell missbraucht worden sein. Und der Täter läuft weiter draußen rum. 

Wie viel Leid kann ein Vater ertragen? Der Koch aus Marzahn weiß es nicht. Er will weiter stark bleiben. Für seine Frau und die drei Kinder. Erschöpft blickt er immer wieder zu seiner kleinen Tochter Sophie, die im Laufgitter in der Küche spielt. Das Mädchen erwidert jeden Blickkontakt mit einem Lächeln. Es sind diese kurzen Momente des Glücks, die ihm neue Kraft geben. Denn vor über 15 Monaten wurde die Familie in einen tiefen Abgrund gerissen. Bei der Geburt von Sophie passiert das Unfassbare: Mutter Janine erlitt eine sehr seltene Fruchtwasserembolie. Seitdem liegt die 36-Jährige im Wachkoma. Ihre Augen sind die meiste Zeit zwar geöffnet, sie ist aber nahezu regungslos. 

Manuel T. küsst seine Janine auf die Wange. Als Symbol seiner Liebe hatte er sich am Krankenbett frei trauen lassen. Die 36-Jährige hatte vor über 15 Monaten eine Fruchtwasserembolie erlitten und wäre fast verblutet. Seitdem liegt die Mutter von drei Kindern im Wachkoma.   Foto: Privat

„Wir vermissen sie so sehr. Ich musste mit den auch noch Kindern umziehen. Das war natürlich zusätzlicher Stress in dieser schrecklichen Zeit“, sagt Familienvater Manuel T. Der Marzahner führte vorher eine Cateringfirma. Jetzt bezieht er Hartz IV und muss seine vierköpfige Familie allein versorgen. Die beiden älteren Kinder seiner Lebensgefährtin leben ebenfalls bei ihm im Haushalt. Mit der Geburt des dritten Kindes brauchte die Familie mehr Platz. Und es gab der Familie mehr Sicherheit. „Wir sind jetzt froh, dass der Kinderschänder nicht mehr weiß, wo wir wohnen.“ Der Marzahner hatte monatelang Angst um seinen Sohn Dennis (14, Name geändert). Benjamin B. (27) aus Oranienburg soll sich an dem Jungen vergangenen haben.

Obwohl B. noch mindestens zwei weitere Missbrauchsfälle angelastet werden, ist er noch immer auf freiem Fuß.  „Ich kann es nicht ertragen, dass der Typ weiter draußen rumläuft. Man darf nicht warten, bis es noch weitere Kinder trifft“, sagt Manuel T. wütend. 

Bei dem Verdächtigen B. soll es sich um einen angeblichen Freund der Familie handeln. Er habe sich mit regelmäßigen Treffen in die Familie geschlichen, erzählt Manuel T. Ein Onkel hatte den 27-Jährigen vorgestellt. Er wirkte sehr freundlich, so Manuel T. Doch irgendwann wollte er immer mehr Zeit mit Dennis verbringen. Der damals 12-jährige Dennis habe einige Male bei dem Mann geschlafen. Auch zwei weitete Jungs im gleichen Alter hätten dort übernachtet, berichten die Eltern der Opfer dem KURIER. Er hatte die Jungen mit Playstation-Spielen gelockt und ihnen Geschenke gemacht. „Ich habe diese Treffen dann unterbunden, weil mir das komisch vorkam“, sagt der Familienvater.

Später hatte sich eines der Kinder seiner Mutter anvertraut. Sie erstattete Anzeige. Das ist  über ein Jahr her. Nach Aussage der Jungen soll B. in ihre Hosen gegriffen haben. Den Freund von Dennis habe er zum Sex überreden wollen. Außerdem wollte er an Videos gelangen, auf denen die Jungs nackt zu sehen waren. Dennis selbst hatte die schreckliche Last monatelang mit sich rumgetragen. „Aus Scham und aus Angst vor dem Typen hatte er nichts davon erzählt“, erklärt Manuel T. Obwohl die Fälle der Polizei bekannt sind, ließ der Verdächtige nicht von den Kindern ab. Dennis und ein weiter Junge wurden nach KURIER-Informationen mehrmals von dem Mann per Textnachricht angeschrieben. 

Auf Anfrage bei der Polizei und Staatsanwaltschaft wurde mitgeteilt, dass jetzt Bewegung in den Fall gekommen ist. Beim Amtsgericht Oranienburg wurde Anklage gegen den Verdächtigen erhoben. Details wollte der Gerichtssprecher aufgrund des laufenden Verfahrens nicht mitteilen. 

Die neue Entwicklung gibt der Familie das Gefühl, doch nicht im Stich gelassen worden zu sein. Auch wenn es sehr lange dauerte, so ist jetzt die Zeit für Gerechtigkeit gekommen. Und für das lang ersehnte Familienglück. Manuel T.: „Wir haben die Hoffnung nicht aufgegeben, dass Janine bald aufwacht – und wir endlich als Familie zusammen sind.“

Vater Manuel T. hält eine KURIER-Ausgabe in der Hand. Auf der Titelseite berichtete der KURIER über das traurige Schicksal einer jungen Mutter, die seit der Geburt ihres dritten Kindes im Wachkoma liegt.  Foto: Eric Richard