Hedi (Valerie Stoll) tanzt im Szene-Nachtclub „Eldorado“. ARD Degeto

Fritzi Jandorf, Tochter des Kaufhaus-Direktors, möchte einen Herrenanzug. Verkäuferin Hedi hilft beim Anziehen und in der Umkleidekabine knistert es zwischen beiden. Schon in den ersten Szenen der Serie „Eldorado KaDeWe“ wird das große Thema ausgerollt, das so noch nicht um 20.15 Uhr im deutschen Fernsehen zu sehen war: Es geht um lesbische Liebe und die Welt homosexueller Frauen – und das nicht im Rosamunde-Pilcher-Stil.

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Die Serie über das legendäre Berliner Luxuskaufhaus KaDeWe spielt in den 20er Jahren, zwischen Exzessen im brodelnden Nachtleben, Inflation und dem vielzitierten „Tanz auf dem Vulkan“, bevor die Nazis gewählt wurden. Das ist zurzeit ein beliebtes Fernseh-Zeitalter, siehe „Babylon Berlin“. Regie bei „Eldorado KaDeWe“ führt Julia von Heinz.

„Eldorado KaDeWe“: Sechs Folgen an einem Abend

Alle sechs Folgen laufen am 27. Dezember auf einen Schwung den ganzen Abend lang im Ersten - ein Angebot für einen Serienmarathon. Nicht nur der Programmplatz ist ungewöhnlich. In der historischen Szenerie sieht man immer wieder das Berlin von heute – den Fernsehturm, elektrische Roller, moderne Autos, Street Art. Das ist gewollt.

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Ein Gegenwartskonzept, das zeigen soll, dass die Themen der Serie noch heute aktuell sind: Judenhass, Emanzipation, sexuelle Selbstbestimmung und Freiheit. Dazu passt der von Inga Humpe (2Raumwohnung) geprägte Soundtrack.

Im Hintergrund ist der Fernsehturm zu sehen: Die Hauptrollen in „KaDeWe“ spielen Valerie Stoll, Lia von Blarer, Joel Basman und Damian Thüne. ARD Degeto

Das Konzept hat optisch den Vorteil, dass der Blick weg davon geht, ob alles möglichst echt aussieht. „Eldorado KaDeWe“ (Untertitel: „Jetzt ist unsere Zeit“) ist als Serie manchmal derb und trägt auch mal dick auf, nicht alles ist perfekt. Aber sie macht vieles gut, auch weil sie nicht zu viele Stränge in der Handlung hat. Die Geschichte verbindet vier Menschen wie ein Kleeblatt.

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Da ist der Juniorchef Harry Jandorf (Joel Basman), ein zu Drogen und Exzessen neigender, sprudelnder Kerl, den sein Trauma aus dem Ersten Weltkrieg in Gestalt eines Kameraden mit abgerissenen Beinen verfolgt. Sein Konterpart ist Georg Karg (Damian Thüne), der schüchterne wie vermeintlich vernünftige Buchhalter.

Die lesbische Szene in der Reichshauptstadt inklusive eigener Zeitschriften existierten wirklich

Beide wollen das KaDeWe retten, in Zeiten der Wirtschaftskrise, als ein Brot 86.000 Reichsmark kostet. Ein Weg: reiche Kunden aus dem Ausland (so wie heute). Wird das Kaufhaus so überleben? Wird Konkurrent Tietz (gespielt von Comedian Oliver Polak) zum Zuge kommen? Sowohl Harry Jandorf als auch Georg Karg gab es wirklich.

Ebenso wahr ist, dass der Hertie-Konzern in den 20er Jahren das KaDeWe übernahm und 1933 von den Nazis enteignet wurde. Auch die lesbische Szene in der Reichshauptstadt inklusive eigener Zeitschriften und das Lokal „Eldorado“ existierten wirklich.

Ausgedacht sind die Jandorf-Tochter Fritzi und die Verkäuferin Hedi. Fritzi (Lia von Blarer) verkörpert den Typus „Die Neue Frau“ der Weimarer Republik: eigenständig und eigensinnig, mit Hosen und Pagenkopf. Hedi (Valerie Stoll) wohnt in bitterer Armut in einem Hinterhof, mit ihrer Schwester Mücke (Neele Buchholz), die das Down-Syndrom hat.

Die Ehe mit Rüdiger (Tonio Schneider) soll Hedi ein besseres Leben bringen. Doch die Liebe zu Fritzi stellt alles auf den Kopf. Die (noch) unbekannten Schauspielerinnen Lia von Blarer und Valerie Stoll sind dabei eine echte Entdeckung.

Die junge KaDeWe-Verkäuferin Hedi (Valerie Stoll) genießt die Nächte im Nachtclub „Eldorado“ und die Freiheit ihrer Liaison mit Fritzi (Lia von Blarer), der Tochter des KaDeWe-Besitzers. ARD Degeto

Im Berlin nach dem Ersten Weltkrieg lebten deutlich mehr Frauen als Männer. Die Erzählung der Serie spiegelt das, und es passt zur heutigen Debatte, die mehr Frauen im Fernsehen einfordert. „Eldorado KaDeWe“ ist da keine Revolution, aber verbindet Unterhaltung mit gesellschaftlicher Relevanz, setzt auf Diversität.

Julia von Heinz sagt: „Neuartig ist, dass wir zur Primetime jetzt mal eine große lesbische Liebesgeschichte erleben dürfen, ohne dass hier gesagt wird: Das ist anders und das ist problematisch. Sie wird uns erzählt wie uns sonst viele Liebesgeschichten an Weihnachten in großer Form erzählt werden.“ In den intimen Szenen zwischen den Frauen geht es nicht um Blümchensex. „Das war uns wichtig.“

„Bei uns sind während der Dreharbeiten Frauen zu Paaren geworden, die vorher nicht wussten, dass sie lesbisch sind.“

Bei den Szenen waren nur wenige Leute im Raum, wie von Heinz erzählt. Sie habe nach dem Prinzip der „Intimacy Coaches“ gearbeitet, das sind Fachleute, die dafür sorgen, dass keine Grenzen überschritten werden. Eine ihrer Beobachtungen am Rande der Serie: „Bei uns sind während der Dreharbeiten Frauen zu Paaren geworden, die vorher nicht wussten, dass sie lesbisch sind. Dieser Raum hat sich einfach geöffnet.“

KaDeWe-Juniorchef Harry (Joel Basman, oben, l.) feiert ausgelassen mit dem Geschäftsmann Furstenberger (Michael Ihnow) in einer Szene aus Folge 3. ARD Degeto

Gedreht wurde die Serie in Budapest und in Berlin, und dort auch im Eingangsbereich des echten KaDeWe am Wittenbergplatz. Von Heinz verspricht eine ganz lange „Binge-Nacht“, also eine Serie zum Hintereinander-Weg-Gucken. „Man schaltet um 20.15 Uhr ein: Dann wird es sehr emotional. Es wird immer spannender und um 1.30 Uhr ist man fertig mit dieser Serie und hat wirklich viel erlebt, zusammen mit meinen vier Hauptfiguren.“ Und das lohne sich.