Eine Prostituierte wartet auf ihrem Zimmer in einem Bordell auf Kundschaft. Foto: dpa/Andreas Arnold

Am 3. Dezember vergangenen Jahres rückten Polizisten und Zöllner zu einer Großrazzia aus. Die Gemeinsame Ermittlungsgruppe Zigaretten aus Zollfahndungsamt Berlin-Brandenburg und Polizei durchsuchte in Berlin 13 Objekte: Wohnungen, Büros, Garagen und Shisha-Bars. Bei der Aktion stellten die Ermittler 1,1 Tonnen illegalen Shisha-Tabak sicher. Der Tabak befand sich in Kartons, die sich in einem der durchsuchten Objekte bis an die Decke stapelten. Er wurde unter katastrophalen hygienischen Bedingungen am Fiskus und jeglichen Qualitätskontrollen vorbei für den illegalen Markt produziert. Dem Tabak wurden Lebensmittelfarbe und Geschmacksstoffe beigegeben. Anschließend wurde er in nachgemachten Kartons einer bekannten Marke verpackt.

Eine der Produktionsstätten befand sich in Kreuzberg. Wenn die Täter den Shisha-Tabak verkauft hätten, hätten sie nach Angaben der Polizei einen Reingewinn von mehr als einer Million Euro erzielt. Die Fahnder beschlagnahmten außerdem mehr als 80.000 Euro Bargeld, drei hochwertige Autos, neun Luxusuhren und Falschgeld.

Beschuldigt sind fünf Angehörige eines libanesisch-stämmigen Clans, die den illegalen Vertrieb von Wasserpfeifentabak zu ihrem Geschäftsfeld gemacht haben. Es ist ein boomendes Feld, das in der kriminellen Szene immer mehr an Bedeutung gewinnt. Shisha-Tabak wird entweder illegal eingeführt oder selbst hergestellt – und in den immer zahlreicher werdenden Shisha-Bars verkauft. Wie viele Shisha-Bars es in Berlin gibt, kann die Senatsverwaltung für Wirtschaft nicht sagen. Sie hat keine belastbare Statistik, weil Shisha-Bars im Rahmen der Gewerbeanzeige als Gaststätten angezeigt werden.

Wer Hasch kauft, macht die Clans noch reicher

Wasserpfeifentabak ist nur eines von mehreren Geschäftsfeldern. Geld verdienen die Clans auch im Rotlichtmilieu und beim Drogenhandel. So kontrollieren Mitglieder zweier befreundeter Familien zum Beispiel den Straßenstrich rund um die Kurfürsten- und Bülowstraße, wo Zuhälter aus Rumänien und Bulgarien Zwangsprostituierte aus Ungarn, Rumänien und Bulgarien laufen lassen. Ein weiterer Clan kontrolliert in großem Stil die Wohnungsbordelle in Neukölln. „Aber man kann davon ausgehen, dass berlinweit alle Clans bei Bordellen in Wohnungen und Lokalen mitmischen und niemand ein Bordell eröffnet, ohne dass sofort ein Clan in der Tür steht“, sagt ein erfahrener Fahnder.

Nach Angaben des Fahnders ist auch der Drogenhandel fast ausschließlich in der Hand von Clans. „Das Partyvolk, das im Görlitzer Park oder an der Warschauer Brücke sein Hasch kauft, finanziert damit das Luxusleben der Clan-Bosse, die verstärkt auch Flüchtlinge als Kleindealer oder Drogenkuriere rekrutieren“, sagt er. In den vergangenen Jahren sind vermehrt Drogen-Lieferservices in Mode gekommen. Wie bei einer Pizza-Bestellung lässt man sich per „Koks-Taxi“ den „Stoff“ einfach kommen. Nach Erkenntnissen der Drogenpolizisten stecken hinter allen dieser Lieferdienste Clans. Mitte Mai veranstalteten die Staatsanwaltschaft und 200 Polizisten eine Razzia gegen Mitglieder einer stadtbekannten libanesisch-stämmigen Großfamilie. Sie sollen einen Kokain-Lieferservice betrieben haben. Unter anderem fanden die Ermittler 120 Gramm Crack.

Andere Clans haben sich auf Eigentumsdelikte festgelegt. Neben dem Diebstahl einer 100-Kilo-Goldmünze aus dem Bode-Museum wird Angehörigen des Remmo-Clans noch ein weiterer Einbruch zur Last gelegt: Im Mai 2019 wurde aus einer Grundschule in Marzahn ein Kunstobjekt aus Gold entwendet. Das „Goldnest“ hat einen Materialwert von rund 30.000 Euro. Die Polizei verdächtigt zwei Angehörige der Großfamilie. Im November 2019 brachen Unbekannte in das Grüne Gewölbe in Dresden ein und stahlen Schmuckstücke von unschätzbarem Wert. Einige Spuren führen ins Berliner Clan-Milieu. Doch trotz ausgesetzter Belohnung von einer halben Million Euro für Hinweise zur Aufklärung der Tat kam die Polizei bis heute nicht weiter.

Von Sozialbetrug bis zur Unterstützung der Hisbollah

Ihre erbeuteten Millionen waschen die Clans auf vielfältige Weise, indem sie das Geld in legale Geschäfte investieren. Nach Erkenntnissen des Landeskriminalamtes erwerben sie Wohn- und Geschäftshäuser, eröffnen Shisha-Bars oder Autohandel oder investieren in das Aufstellen von Spielautomaten. Momentan ermittelt das LKA wegen des Verdachts des Abrechnungsbetruges bei der Unterbringung von Flüchtlingen und Obdachlosen.

Polizeipräsidentin Barbara Slowik stellt eine deutlich erkennbare Verschmelzung von Kriminalität und gewerblichen Strukturen fest. „Der Handel mit unversteuertem Shisha-Tabak mit in Teilen hohen Gewinnmargen sowie die Legalisierung inkriminierten Vermögens, wie durch den Erwerb von Immobilien, sind zwei weitere Beispiele, die verdeutlichen, weshalb wir weiterhin aktiv diese kriminellen Strukturen bekämpfen.“

Nach Erkenntnissen der Polizei wird der erwirtschaftete Profit oft illegal in den Libanon transferiert, und zwar mittels Hawala-Banking. Dabei fließen Geldströme per Handschlag und Codewort über private Treuhänder. Kunden müssen sich weder identifizieren noch die Herkunft des Bargeldes deklarieren. Im islamischen Recht ist dieses System anerkannt, in Europa ist es verboten. Die Behörden haben nur einen ungefähren Überblick, um wie viel Geld es geht. Das Commonwealth schätzte einmal in einem Bericht, dass jährlich weltweit zwischen 100 und 300 Milliarden Dollar an Banken vorbei transferiert würden. Allerdings stammt der Bericht aus dem Jahr 2002.

Die Sicherheitsbehörden schließen nicht aus, dass Clans auch den Islamismus finanzieren, haben aber nach eigenem Bekunden keine genauen Erkenntnisse. Allerdings sind einige libanesische Clans direkt mit der schiitischen Terrororganisation Hisbollah im Libanon verbunden. Das Abba Eban Institute in Israel stellte fest, dass in Deutschland Mitglieder der drei Großfamilien Chahrour, Berjawi und Balhas besonders aktiv sind. Sie sind in Berlin und Nordrhein-Westfalen ansässig und den Ermittlungen zufolge tief in Drogenhandel und Geldwäsche verstrickt. Die Hisbollah ist nach Erkenntnissen der US-Ermittlungsbehörden eines der größten weltumspannenden Drogenkartelle und finanziert so ihre Militäraktionen.

Es müssen nicht immer die großen weltumspannenden Geschäfte sein. Clan-Kriminalität ist vielfältig. So ist Sozialleistungsbetrug keine Seltenheit. Clan-Mitglieder machen falsche Angaben, um an Sozialleistungen zu gelangen, obwohl sie volle Konten haben. Neuköllns Jugendstadtrat Falko Liecke (CDU) nennt ein Beispiel: „Wenn junge stämmige Clan-Männer breit grinsend mit dem AMG S63 beim Jobcenter vorfahren, Hartz IV kassieren und der Staat schulterzuckend danebensteht.“ Ein systematischer und automatisierter Abgleich von Kfz-Daten und Sozialdaten sei überfällig, sagt er.

Vor einigen Wochen kamen die Finanzermittler der Polizei einem Clan auf die Schliche, der in großem Stil bei der Investitionsbank Berlin (IBB) Corona-Soforthilfen zu Unrecht beantragt und teilweise auch erhalten hat. Die Fahnder hatten die Daten der IBB mit Wohn- und Geschäftsadressen mehrerer Großfamilien abgeglichen. Laut Spiegel TV sollen die Ermittler mehr als 250 Anträge auf Finanzhilfe entdeckt haben. Einer der Beschuldigten soll in Berlin eine Flüchtlingsunterkunft betreiben.

Im nächsten Teil lesen Sie: Warum die Clans in Berlin so mächtig werden konnten