Einst lief von hier aus die „Aktuelle Kamera“, jetzt wird wieder Theater gespielt. Leiterin Kathrin Schülein im Saal. 
Benjamin Pritzkuleit

Einst lief von hier aus die „Aktuelle Kamera“, jetzt wird wieder Theater gespielt. Der alte Sendesaal des DDR-Fernsehens, das Studio 5, wird an diesem Sonnabend offiziell als Spielstätte des Theater Ost wieder eröffnet.

„Im Zuge der Pandemie mussten wir unsere alten Räume im Kopfbau auf dem Gelände des ehemaligen DDR-Fernsehens verlassen. Sie waren mit Blick auf die Abstandsregelungen nicht mehr groß genug“, erklärt die Leiterin des Theaters Ost Kathrin Schülein.

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Dass sie aber im alten Sendesaal der bekanntesten Nachrichtensendung der DDR und im ehemaligen „Theater des Fernsehens der DDR“ eine neue künstlerische Heimat finden würden, hätten sie sich beim Theater Ost kaum träumen lassen. Innerhalb von wenigen Tagen haben sie den Umbau des bisher als Lager genutzten Studios bewerkstelligt.

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Gebäude des DDR-Fernsehens im Bauhausstil 

Das Fernsehen der DDR hatte das denkmalgeschützte Gebäude in Adlershof im Bauhausstil 1952 in Auftrag gegeben. Der Architekt Franz-Ehrlich, nach dem das ganze Ensemble in der Nähe des S-Bahnhofs Adlershof benannt wurde, konzipierte in einem der Gebäude, dem späteren Studio 5, einen Saal mit bis zu 520 Plätzen im Parkett und Rang.

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1957 wurde der Saal, von dem aus Opern und Fernsehlustspiele – auch mit Herbert Köfer - gesendet wurden, entkernt und zum Studio 5 umgebaut. Fortan lief von hier aus jeden Abend um halb acht die Aktuelle Kamera, die Tagesschau des Ostens, die verlässliche Stimme der Partei. Mit fünf Tagen Vorsprung vor der ersten Ausgabe der ARD-Tagesschau war die Aktuelle Kamera immerhin die älteste deutsche Fernseh-Nachrichtensendung.

dpa
Der Sprecher der ehemaligen DDR-Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“, Klaus Feldmann  an einem Nachbau seines alten Arbeitsplatzes. Klaus Feldmann war fast 30 Jahre lang Sprecher der Tagesschau des Ostens in Berlin-Adlershof. 

Ausufernde Berichte über SED-Parteitage

Ausufernde Berichte über Tagungen des Zentralkomitees, SED-Parteitage, Auszeichnungen und Funktionärsbesuche in Kombinaten und Landwirtschaft, Berichte über erfüllte Pläne und die obligatorischen Meldungen über Drogentote in der BRD waren kennzeichnend für die Nachrichtensendung mit dem charakteristischen Fanfarenintro. Mit dem Ende des DDR-Fernsehens am 31. 12. 1991 blieb der Saal leer und im Dornröschenschlaf.

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Das Theater Ost nutze ihn zeitweilig als Lager. Der jetzige Eigentümer der Liegenschaft, Stefan Klinkenberg, hat ein Herz für Künstler und machte nun den Umzug möglich. Während das Gebäude saniert wird, gibt es zunächst für zwei Jahre einen Spielplatz für das Theater Ost. Eine Zuwendung  von 100.000 Euro aus dem Topf Neustart Kultur und Spenden machten den Umbau des ehemaligen Theaters zum neuen Theater Ost möglich.

Das Fernsehstudio nach dem Umbau zum Theater.  Theater Ost

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Im Studio wurden tonnenweise Stoffe verbaut, die Heizung, die wegen der starken Scheinwerfer im ehemaligen Fernsehstudio gekappt war, musste wieder in Betrieb gehen, Sitztribünen, Technik und Schwingboden eingebaut werden. Dort wo einst der Schreibtisch des AK-Moderators stand, sitzen heute die Zuschauer, wenn nach fast genau 30 Jahren Dauerschlaf das Studio zu neuem Leben erwacht.

Den Osten neu denken ohne die Vergangenheit zu vergessen

Den Osten neu denken, neu gestalten, neu inszenieren, ohne dabei die Vergangenheit zu vergessen, das habe man sich fest vorgenommen, so Schülein.  „Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen. Und damit dieser Neustart auch gelingen kann, wird den Staffelstab der Grandseigneur der „Aktuellen Kamera", Klaus Feldmann, übergeben“, kündigt die Theater-Chefin an.

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Vor dem Umbau zum Theater: innerhalb der hellen Fläche stand der AK-Schreibtisch.  Theater Ost 

Feldmann war seit 1961 bis September 1989 Chefsprecher  bei der „Aktuellen Kamera“. Er liest zur Wiedereröffnung seines alten Arbeitsplatzes aus seinem Buch „Verhörte Hörer“ - Bitte Ruhe! Wir gehen auf Sendung!“, in dem er die Schleusen der Erinnerung aus vierzig Jahren Versprechergeschichte des DDR-Funks öffnet.

Haus des DDR-Fernsehens schreibt weiter Geschichte und wird saniert

Und schon im November geht es weiter mit einer Premiere: „Geprobt wird schon“, sagt Kathrin Schülein. Am 26.11.21 gibt es die erste Aufführung von „Die Spieler“ von Nikolai Gogol.  Ein irrwitziges Vor- und Nachspiel eines jungen russischen Dramatikers, Alexander Estis, der kräftig mit Klischees gegenüber Russen und Russland aufräumt, zeigt den Weg, den das Theater Ost einschlagen will. Beleuchten, was jenseits der Oder in den letzten 30 Jahren geschah, sei ein Ziel.  Und das Theater will sich weiter treu bleiben.

Der Eingang zum Gelände des DDR-Fernsehens. 

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„Wir sind ziemlich alleine hier draußen in Adlershof und haben ein sehr  gemischtes Publikum. Wir zeigen alles: Konzerte, Talk Shows, eigene Inszenierungen, Ballett, Kinderveranstaltungen“, sagt Kathrin Schülein. Sie plant eine Ausstellung zum Haus und so viel mehr. Die Geschichte des Hauses ist längst nicht zu Ende. Und sie wird mit viel Herzblut weiter erzählt werden.