Für Autos verboten: Ein Teil der Friedrichstraße in Mitte gehört seit August Fußgängern, Radlern und E-Scooter-Fahrern. imago/David Weyand

Die einen finden sie toll, die anderen können damit nichts anfangen und finden sie hässlich. An der Flaniermeile Friedrichstraße scheiden sich die Geister. Ein rund 500 Meter langer Abschnitt der Nord-Süd-Verbindung in Mitte wurde im vergangenen Sommer in einen autofreien Bereich verwandelt. Jetzt gibt es erstmals offizielle Zahlen zu den Aufwendungen für das Projekt, das unter Gewerbetreibenden und anderen Anliegern umstritten ist. „Die Kosten der ersten Projektphase bis zum 31. Januar 2021 belaufen sich auf etwa 1.076.100 Euro“, teilte Berlins oberster Verkehrsplaner Hartmut Reupke dem Bund der Steuerzahler mit. Dessen Landesvorsitzender Alexander Kraus hatte die Senatsverkehrsverwaltung gefragt, wie viel Geld ausgegeben wurde. „Die Kosten sind offensichtlich viel höher als bisher bekannt“, so Conrad Rausch vom Verein „Die Mitte“.

Die erste Phase begann Ende August des vergangenen Jahres. Seitdem ist der Abschnitt zwischen der Französischen und der Leipziger Straße für den regulären Kraftfahrzeugverkehr nicht mehr befahrbar. Seitdem dürfen sich Fußgänger auch auf der Fahrbahn bewegen. Allerdings wurde in der Mitte mit gelbem Klebeband ein breiter Radfahrstreifen abgesteckt. Die Kosten für Markierungen und Beschilderungen werden sich in der ersten Projektphase voraussichtlich auf 111.000 Euro summieren, berichtete Hartmut Reupke.

Fußgänger können sich auf Parklets ausruhen. Zwei dieser Holzkonstruktionen stammen von einem anderen Versuch, der in der Kreuzberger Bergmannstraße stattfand. Hinzu kamen vier temporäre Parklets aus gemieteten Bühnenelementen, die nun ebenfalls als nicht-kommerzielle Aufenthaltsmöglichkeiten dienen. Hier beziffert der Abteilungsleiter Verkehr die Ausgaben während der ersten Projektphase auf 93.000 Euro.

Früher eine unwirtliche Verkehrsschneise mit vielen Autos

In „Showcases“, gläsernen Vitrinen, können sich Geschäftsinhaber und andere Interessierte präsentieren. Das Bezirksamt Mitte steuerte fünf dieser Konstruktionen bei, wegen der großen Nachfrage seitens der Anrainer wurden fünf weitere gekauft. Bisher gab es einen Fall von Vandalismus. Gesamtkosten in der ersten Phase: 15.574 Euro.

Nicht zu vergessen die Bäume, die auf der Fahrbahn in Pflanzkübeln aufgestellt werden: 45 Kaiserlinden und 20 Amberbäume. Inklusive Bewässerung schlugen sie mit 44.223 Euro zu Buche.

Weitere Bilanzposten sind die Stromversorgung (26.683 Euro), die Weihnachtsbeleuchtung (57.820 Euro) sowie die Gestaltungsplanung und technische Umsetzung mit 52.800 Euro.

Ein großer Kostenbereich bezieht sich auf die Untersuchung und Auswertung des Projekts. Laut Senat wurden für Messungen der Luftschadstoffe 2000 Euro ausgegeben, für die Befragung von Passanten 24.500 Euro. Den größten Posten im gesamten Projekt bilden allerdings Verkehrserhebungen und die Auswertung von Verkehrsdaten. Deren Kosten gab Reupke mit 445.446 Euro an.

Nicht zu vergessen: die Kommunikation. 1398 Euro wurden für Treffen mit den Anrainern und Postwurfsendungen ausgegeben. 191.437 Euro kostete am Ende die Marketingkampagne zur Stärkung des gesamten Standort, mit der eine Agentur beauftragt worden war. Weil dank einer Kofinanzierung des Senats europäische Fördermittel aus dem EFRE-Programm eingeworben werden konnten, konnte die Belastung gesenkt werden.

Der Bund der Steuerzahler kritisierte die Ausgaben. „Ich bin der Meinung, dass man eine Fußgängerzone provisorisch entscheiden kann, dann dafür aber keine Werbekampagne zu machen braucht und dann auch nicht die Auswirkungen untersuchen muss“, teilte der Berliner Vorstandsvorsitzende Alexander Kraus mit. „Entweder man will eine Fußgängerzone und muss das dann politisch aushalten und vertreten – oder man will keine Fußgängerzone.“

Bislang gebe es keinen nennenswerten Stress zwischen Fußgängern und Radfahrern

„Was hätte man mit dem Geld machen können, um die Friedrichstraße, wie von uns seit Jahren gefordert, nachhaltig und für die Zukunft attraktiv zu machen“, bemängelte Conrad Rausch vom Verein „Die Mitte“, in dem sich Akteure aus den Bereichen Einzelhandel, Immobilien, Kultur, Dienstleistungen, Hotellerie und Gastronomie organisiert haben. „Wir haben als Verein unsere Position gegen den Verkehrsversuch auch gegen allen Gegenwind und Druck konsequent beibehalten.“ Weiterhin werde daran gearbeitet, zusammen mit der Industrie- und Handelskammer, dem Handelsverband sowie dem Hotel- und Gaststättenverband „ein zukunftsfähiges Konzept für die gesamte Friedrichstraße zu fordern und uns als Verein aktiv mit einzubringen“, teilte Rausch mit.

Zwar gilt auf dem provisorischen Radfahrstreifen inzwischen Tempo 20, und zwei Zebrastreifen sollen Passanten eine sichere Querung ermöglichen. Trotzdem hält sich beim Fachverband Fußverkehr Deutschland und bei den Naturfreunden die Skepsis. Damit die Friedrichstraße eine echte Flaniermeile werden könne, müsse der Radverkehr in benachbarte Straßen verlegt werden, heißt es dort.

Dagegen loben Verfechter einer anderen Mobilität die autofreie Friedrichstraße als Blaupause, die anderswo in Berlin als Vorbild dienen könnte. Bislang habe es keinen nennenswerten Stress zwischen Fußgängern und Radfahrern gegeben, sagen sie. Die Gefahr werde überbewertet. Im Vergleich zu vorher, als die Friedrichstraße eine stark befahrene, unwirtliche Verkehrsschneise mit viel Lärm und Abgasen war, habe sich die Situation sehr verbessert.

Zunächst bis Ende Oktober autofrei

Ursprünglich sollte der Verkehrsversuch, der seine Rechtsgrundlage in Paragraf 45 der Straßenverkehrsordnung hat, drei Monate dauern. Die erste Projektphase erstreckte sich dann über fünf Monate. Im Januar teilte der Senat mit, dass die Straße bis zum 31. Oktober 2021 autofrei bleibt. Inzwischen gibt es Hinweise darauf, dass sich die Planer für eine weitere Verlängerung aussprechen.

Beim Senat wird dies nicht ausgeschlossen Bis Ende Oktober werde die „Frage valider Datenerhebungen und einer entsprechenden Evaluation“ geklärt sein, hieß es dort. Dies ist dann die Grundlage für weitere Entscheidungen“, sagte Jan Thomsen, Sprecher von Verkehrssenatorin Regine Günter (Grüne). „Derzeit laufen Umgestaltungen der Autofreien Friedrichstraße, um sie für die Saison vorzubereiten. Wie stark diese unter Pandemieeinschränkungen stehen wird, ist noch unklar.“