Harry Jeske war Gründer der Puhdys und drei Jahrzehnte lang ihr Bassist. Das Foto entstand 1997 in seiner Wohnung, als er die Band verließ. Foto:  dpa

Sein Lockenkopf war jahrzehntelang das Markenzeichen der Puhdys. Welche Rockband der Welt konnte schon so einen Typen mit so einer markanten Frisur vorweisen. Die DDR-Kultband konnte es mit Harry Jeske.

Von den fünf Rockern war er der Stillste, spielte sich nie in den Vordergrund. Wenn die Puhdys auf der Bühne standen, zupfte der 1937 in Oranienburg geborene Musiker scheinbar seelenruhig an seiner Bassgitarre, überließ lieber Sänger Dieter „Maschine“ Birr und Gitarrist Dieter „Quaster“ Hertrampf das Rampenlicht. Dabei war Jeske mehr als nur ein Musiker in der berühmtesten Band des Ostens, die sich 2016 auflöste. „Ohne Harry hätte es wahrscheinlich die Puhdys nie gegeben“, sagt Klaus Scharfschwerdt (66) dem KURIER.

Scharfschwerdt, der 1979 als Schlagzeuger zu den Puhdys kam, war der Erste, der von Harry Jeskes Tod erfuhr. „Seine Frau Erma rief bei mir am Donnerstag an und teilte mit, dass Harry am Vormittag in einem Krankenhaus in Wismar friedlich eingeschlafen war“, sagt der Drummer. „Er hatte wohl einen Herzinfarkt.“ Es fällt ihm schwer, über Jeskes Tod zu sprechen. „Zehn Jahre lang habe ich mit ihm bei den Puhdys zusammengearbeitet, wir waren gute Freunde. Mit Harry hatte ich bis jetzt noch Kontakt. Jeder der Puhdys hat ihm viel zu verdanken.“

Die Puhdys in den 90ern mit Peter Meyer, Dieter Hertrampf, Klaus Scharfschwerdt, Harry Jeske und Dieter Birr (v.li.): Es ist eines der wenigen Fotos, in denen der Bassist mal im Vordergrund stand, der sich sonst im Hintergrund hielt. Foto: Zentralbild

Jeske, der nie viel Aufsehen über seine wahre Rolle bei den Puhdys machte, gehörte zu ihren Gründern. Er war schon 1965 dabei, als die Ur-Puhdys noch Udo-Wendel-Combo hießen, zu der auch kurz der spätere Karat-Sänger Herbert Dreilich (starb 2004) gehörte. Musiker gingen und kamen. Udo Jacob, Hertrampf, Keyboarder Peter „Eingehängt“ Meyer und Jeske blieben. Aus den Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen plus einem Y wurden die Puhdys. Irgendwann kam Birr dazu, für Jacob kam Gunter Wosylus, die dann 1969 mit dem legendären Tivoli-Konzert in Freiberg die Puhdys noch einmal richtig offiziell gründeten.

Die Ur-Puhdys in der Zwischenbesetzung: Henry Kotowsky, Peter Meyer,  Harry Jeske, Herbert Dreilich (v.li.). Die Dame ist eine Freundin der Band. Foto: Neues Leben/Puhdys-Archiv

So kompliziert wie die Puhdys-Entstehungsgeschichte war Harry nie, so Peter Meyer (80). „Er war von Anfang an unser Manager. Kein so ein knallharter oder eiskalter Typ, sondern ein unheimlich effektiv arbeitender Mann, der mit seiner ruhigen Art und Weise Technik und Instrumente über abenteuerliche Wege aus dem Westen besorgte, unsere Auftritte, sogar die West-Konzerte, organisierte“, sagt der Keyboarder. „Viele glauben, wir hätten alles vom DDR-Staat hinterhergeworfen bekommen. Nein, das alles war Harry, der die Band erfolgreich voranbrachte. Es schmerzt, dass er nicht mehr da ist.“

Ex-Puhdys-Frontmann Dieter Birr (76) lobt Jeske „als besten Manager der DDR“. „Ich werde Harry als stets warmherzigen Menschen in Erinnerung behalten“, sagt er dem KURIER. Birr erinnert an die Zeit, als er 2019 nach einer Darmtumor-OP in der Reha war. „Dort hatte mich Harry angerufen, mir alles Gute gewünscht. Das hat mich sehr bewegt, da es ihm ja selber gesundheitlich nicht so gut ging“, sagt Maschine. „Zu seinem 80. Geburtstag hatte ich Harry das letzte Mal gesehen. Das Laufen fiel ihm schwer. Trotzdem brachte er mich zum Abschied zu meinem Auto.“

Gesundheitliche Probleme waren auch der Grund, warum Jeske 1997 die Puhdys verließ. Ein Ohrenleiden, die sogenannte Menière-Krankheit, sorgte bei dem Bassisten dafür, dass er unter Schwindelgefühlen, Gleichgewichtsproblemen und Kopfschmerzen litt. „Die Puhdys verabschiedeten Harry damals mit einem großen Konzert in Rostock“, sagt Birr. „Beim Finale kam dann Peter Rasym als neues Mitglied auf die Bühne, dem Harry seinen Bass überreichte.“

Von Jeske profitierten nicht nur die Puhdys. Er schrieb auch Songs und Texte für andere DDR-Stars wie IC Falkenberg, Ralf Bursy oder Petra Zieger und ihre Band Smokings. Später veröffentlichte er mit Maxie Renner, Tochter von Dagmar Frederic, die CD „Urlaub auf dem Meeresgrund“. Und selbst außerhalb der Musikbranche zeigte sich Jeske kreativ, ließ in den 90er-Jahren Möbel aus Bambus herstellen.

Harry Jeske mit seiner Frau Erma in Wismar (2018). Foto: Facebook

In jener Zeit fand der Bassist, der aus einer früheren Beziehung eine Tochter hat, auf den Philippinen seine große Liebe. Mit Erma (52), seiner späteren Frau, lebte er dort fast 20 Jahre. 2018 kam das Paar nach Deutschland, zog nach Wismar.

Sein letzter Auftritt im November 2019: Harry Jeske kommt zur 50. Geburtstagsfeier der Puhdys im Rollstuhl in die Stadthalle Rostock. Foto: imago-images/Wild

Jeske litt an Diabetes. Dann stürzte er 2019 schwer. Im vergangenen November, zur 50. Geburtstagsfeier der Puhdys, erschien der Musiker daher in der Stadthalle Rostock im Rollstuhl. „Jetzt zeigt sich, dass es allein deshalb gut war, diese Feier auszurichten“, sagt Ex-Puhdy Dieter „Quaster“ Hertrampf (75). „Vor allem für unsere Fans, die Harry sehr verehrten. Denn dieser Abend war sein letzter Auftritt in der Öffentlichkeit. Jetzt bleiben nur noch die Erinnerungen an ihn.“