Ein Zimmer, 40 Quadratmeter, mit Pantryküche und kleiner Nasszelle. Khalid Benhaimoud, seine Frau und seine drei Kinder teilen sich diesen Raum seit eineinhalb Jahren. Weil der Vater schwer krank ist und vermutlich nicht mehr lange leben wird, hat die Familie 2019 eine schwere Entscheidung getroffen. Sie verließen ihre Heimat in Marokko, damit Khalid in Berlin an der Charité die bestmögliche Versorgung erhalten kann. Doch nun kämpft er nicht nur gegen den Krebs, sondern sorgt sich auch um die Existenz seiner Familie. Im KURIER erzählt der 55-jährige von seinem dramatischen Schicksal. In der Hoffnung, dass ihm vielleicht jemand helfen kann.

Berlin war für Khalid, der auch einen deutschen Pass besitzt, schon immer ein Fixpunkt. Er lebte hier 20 Jahre, arbeitete in der Stadt, studierte und promovierte an der TU in Berlin. Erst 2004 zog er mit Ehefrau Afaf, ebenfalls einer Marokkanerin, für einen Job zurück in die alte Heimat. Dort kamen auch die Kinder zur Welt.

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Doch jetzt stellt er sich die Frage: Was wird aus meiner Familie, wenn ich nicht mehr bin? Diese Frage stellt sich Khalid mehrmals am Tag. Er fühlt sich nicht nur verantwortlich, sondern auch irgendwie schuldig. Seine 41-jährige Ehefrau Afaf, seine beiden Söhne Karim (15) und Reda (5) sowie seine Tocher Sarah (11) folgten ihm nach Berlin, weil Khalid hier im Virchow-Klinikum behandelt werden sollte. „In den staatlichen Kliniken in Marokko ist die Versorgung nicht so gut. Wenn ich dort geblieben wäre, wäre ich vermutlich schon tot“, sagt er. 

Volkmar Otto
Khalid Benhaimoudist in einem schon weit fortgeschrittenem Stadium an Lymphdrüsenkrebs erkrankt. Nach mehreren Operationen soll er demnächst noch eine Chemotherapie erhalten.

Zunächst flog Khalid im September 2019 allein nach Berlin und wohnte vorübergehend bei seinem Schwager. Am 24. Dezember 2019 kam seine Familie nach. Damals waren sie noch voller Zuversicht. Sie bezogen zu fünft das Einzimmerappartement in der Obdachloseneinrichtung in Gesundbrunnen. Dass sie in Marokko ihre Schulkameraden, Freunde und Verwandten zurücklassen mussten, nahmen sie in Kauf – in der Hoffnung, damit das Leben ihres Vaters retten zu können. 

Damals wussten sie noch nicht, wie schlecht es tatsächlich um den Vater steht. „Ich soll noch eine Chemotherapie erhalten, die mein Leben noch ein wenig verlängern kann“, sagt er. Bereits mehrfach wurden ihm bösartige Lymphome am Hals und an der Leiste herausoperiert. Aus einem ärztlichen Bericht des Centrums für Tumormedizin geht hervor, dass sich Khalids Erkrankung bereits im Stadium IV befindet. Laut des Berufsverbands Deutscher Internisten e.V. sind in diesem Stadium bereits Organe befallen. Da Khalid bis zu seiner Erkrankung Marathonläufer war und sich gesund ernährt, ist er trotz seiner schweren Erkrankung in einem ungewöhnlich fitten Zustand. „Ich esse viel Gemüse und verzichte auf Zucker. Solange es noch geht, versuche ich in Bewegung zu bleiben“, sagt er. 

Der Lymphdrüsenkrebs wurde zufällig entdeckt

Das „Follikuläre Lymphom“, umgangsprachlich als Lymphdrüsenkrebs bezeichnet, wurde zufällig bei einer Untersuchung in einer marokkanischen Privatklinik entdeckt. „Eigentlich war ich nur zur Abklärung wegen des Verdachts eines Leistenbruchs dort, als eine Ärztin nach einer MRT-Untersuchung das etwa fünf Zentimeter großes bösartiges Lymphom sah.“ 

Der Elektroingenieur musste nicht nur mit der niederschmetternden Diagnose fertig werden, sondern verlor auch seinen Job bei einem deutschen Unternehmen in der marokkanischen Hauptstadt Rabat. „Mein Chef teilte mir mit, dass ich mit dieser schweren Erkrankung  nicht mehr arbeitsfähig sei und er mich deshalb nicht mehr weiter beschäftigen kann.“ 

Khalid Benhaimoud
Die restlichen Familienmitglieder  (v.li.): Sarah, Reda, Mutter Afaf und Karim

Khalid arbeitete als Elektroingenieur, Ehefrau Afaf kümmerte sich währenddessen um die Betreuung des Nachwuchses. Viele Rücklagen hat er als Alleinverdiener nicht bilden können. Ein Großteil seines Gehalts gaben sie für die Schulplätze der Kinder an einer französischen Privatschule aus.

Sie leben alle in einem Raum

Nun leben sie in Berlin auf 40 Quadratmetern in einem Raum und müssen von Hartz-IV leben. Die beiden Großen schlafen in einem Hochbett, die Eltern mit dem Jüngsten im Doppelbett. Der fehlende Rückzugsort führt häufig bei den älteren Kindern zu Konflikten. Besonders in der Corona-Krise. „Als eines unserer Kinder positiv in der Schule getestet wurde und nach Hause geschickt wurde, infizierten wir uns alle mit Covid“, erinnert sich der Familienvater. Es war genau drei Tage nach seiner ersten Impfung. „Zum Glück hatte ich einen leichten Verlauf, meine Frau plagte starker Husten.“

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Die beiden älteren Kinder gehen in Tempelhof auf zwei unterschiedliche Schulen. Der Fünfjährige hat nach den Sommerferien endlich einen Kindergartenplatz bekommen. Besonders dem Teenager fällt es schwer, in Deutschland anzukommen. „Er hat großes Heimweh und vermisst seine Freunde und seinen Opa sehr. Am liebsten möchte er zurück“, sagt der Vater. Ehefrau Afaf besucht einen Deutschkurs, um sich besser integrieren zu können. Sie hat Abitur, aber bisher keine Ausbildung. Dennoch wollen sie bleiben. „Auch nach meinem Tod“, betont Khalid. In Marokko hätten sie überhaupt keine Chance. „Da müssten sie vermutlich betteln gehen und auf der Straße leben.“

Krankheit hat den Familienvater in eine Gewissenskrise gebracht

Khalid will unbedingt noch dafür sorgen, dass es seiner Familie gut geht, wenn er nicht mehr da sein sollte. Seine schwere Erkrankung belastet den Vater schwer, weil er nicht mehr selbst zu seinem Lebensunterhalt und dem seiner Familie beitragen kann. „Ich bin sehr dankbar, dass wir hier in Deutschland leben können und ich die bestmögliche Versorgung bekomme“, betont er. Doch klar sei auch, dass seine Familie nicht mehr allzu lange in einem Raum leben könne. „Sohn Karim ist mitten in der Pubertät.“

Der Vater befürchtet, dass er nicht mehr lange leben wird. Seine Ärzte rechneten damit, dass schon bald auch seine Leber und Milz mit Metastasen befallen sein könnten und sie dann mit der Chemotherapie beginnen müssen. Khalid hofft, dass er bis dahin eine Lösung gefunden hat und seine Frau und seine Kinder nach seinem Tod gut untergebracht sind. Er sagt: „Ich wäre so froh, wenn jemand meine Geschichte liest und uns vielleicht helfen könnte.“