Familie S. aus Wandlitz ist in großer Not: Die Eltern (Adrian und Sandra) mit Tochter Ronja sind schwer krank und müssen jetzt auch noch um ihr Haus bangen. Foto: Gerd Engelsmann
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Das Einfamilienhaus der Familie S. wurde 2016 erst gebaut. 

Eigentlich sollte man als 14-jähriges Mädchen von einer schönen Zukunft träumen können, Pläne schmieden und voller Freude und Hoffnung sein dürfen. Doch eine Leukämie-Diagnose hat Ronja S. diese Unbeschwertheit auf einen Schlag zerstört. Nun kämpft die tapfere Schülerin nicht nur ums Überleben, sondern sorgt sich zugleich um ihre Eltern, die selbst schwer krank und deshalb in existenzielle Not geraten sind. Es war nicht geplant, dass diese sehr persönliche Geschichte der Familie S. aus Wandlitz öffentlich wird. Doch da sich Ronja in der Klinik ihrem Physiotherapeuten anvertraute, wurde der erstmals auf das traurige Schicksal aufmerksam. Dieser mutige Schritt löste eine Welle der Hilfsbereitschaft aus, die über einen Spendenaufruf in die sozialen Netzwerke gelangte. Der KURIER sprach mit der Mutter von Ronja über so viel Leid, das eine Familie kaum allein schultern kann.

„Ich bin nervlich am Ende, aber versuche meiner Tochter zuliebe stark zu sein“, sagt Sandra S. (40).  Ihre Tochter Ronja erkrankte im Sommer vergangenen Jahres an Blutkrebs und wird seitdem im Helios-Klinikum Berlin-Buch medikamentös behandelt und erhält schwere Chemotherapien. Die Prognose sei niederschmetternd, ein Rückfall danach nicht ausgeschlossen, so die Mutter. Im Juni habe ihr Kind plötzlich über Atemnot und Schweißausbrüche geklagt und ganz blasse Lippen bekommen. Ronjas Lehrerin habe sie gebeten, die Tochter von der Schule abzuholen, weil sie Sorge gehabt habe, die Schülern könnte an Covid-19 erkrankt sein. Doch ein Blutbildes des Hausarztes brachte die Wahrheit ans Licht: Leukämie.

„Ich versuche meiner Tochter zuliebe stark zu sein.“

Die Angst um die geliebte Tochter ist nicht die einzige Sorge, die Sandra S. in der Nacht oft stundenlang bis zur Erschöpfung wach liegen lässt, wie sie sagt. Bei ihr selbst wurde ein Jahr zuvor schwarzer Hautkrebs diagnostiziert und 2018 ein Tumor im Unterleib entfernt. Ihr Ehemann Adrian (40) hat sich nach einem Skiunfall eine Fußfraktur zugezogen und sei bereits zwei Mal erfolglos operiert worden. Seitdem habe er starke Schmerzen und könne nicht mehr laufen. Seine Arbeit als Fliesenleger könne er nun auch nicht mehr ausführen und die Mutter müsse die Familie, zu der auch noch ihr zwanzigjähriger Sohn gehört, allein ernähren. Leider stünde ihr Vollzeit-Job als kaufmännische Angestellte, den sie aus dem Home Office bewältige, in der Corona-Krise zu allem Übeln nun auch noch auf wackeligen Beinen. Ob ihr Mann jemals wieder erwerbsfähig sein werde, ist ungewiss und belaste ihn sehr. „Mein Mann liebt seine Arbeit und wünscht sich nichts mehr, als sie wieder ausführen zu können. Auch sein Chef hält zu ihm und hofft sehr, dass er wieder zurück kommt“, betont Sandra S. All ihre Hoffnung läge nun noch auf zwei weitere Spezialisten in Berlin, bei denen er in den kommenden Tagen vorstellig werde.

Das Tragische ist, das Schicksalsschläge nun mal nicht vorhersehbar oder gar planbar sind. Als Familie S. 2016 ihr Haus gleich nebenan ihrer Eltern bauten, hatten sie unmöglich wissen können, dass sie vier Jahre später aufgrund von Krankheiten in eine finanzielle Schieflage geraten würden. „Wir hatten knapp 16 Jahre um das Grundstück gekämpft und waren froh und dankbar, dass es endlich geklappt hatte“, so Sandra S. Die Nähe zu den Eltern verberge einen großen Vorteil, da ihr Vater nach mehreren Schlaganfällen pflegebedürftig sei und auf die Hilfe der Tochter angewiesen sei.

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Das Einfamilienhaus im brandenburgischen Wandlitz ist besonders jetzt in der Pandemie und bei den vielen Sorgen zu einem wichtigen Rückzugsort der Familie geworden. Nun droht er ihnen wegzubrechen. „Wir können von nur einem Gehalt und dem Arbeitslosengeld meines Mannes die Kosten nicht mehr decken“, sagt Sandra S. Sie hätten große Befürchtung, ihr Haus zu verlieren. Nachdem die schwerkranke Ronja sich im Krankenhaus ihrem Physiotherapeuten anvertraut hatte, wurde auch die Außenwelt auf die dramatische Situation der Familie aufmerksam. Die Schwester von Sandra S. erstellte einen Online-Spendenaufruf www.gofundme.com, der bereits in den sozialen Netzwerken kursiert. Sandra S. ist das unangenehm, wie sie betont, wenngleich sie sich auch freue, dass ihre Tochter  so couragiertes Handeln gezeigt habe und es Menschen gebe, die ihnen in dieser schweren Zeit zur Seite stünden.

Unterstützung von der Gemeinde

Der KURIER  hat bei der zuständigen Gemeinde Wandlitz nachgefragt, in der die Familie lebt. Gibt es eine Möglichkeit seitens der Behörde zu helfen? „Es ist traurig, wenn Familien unverschuldet in eine solch schlimme Lage geraten. Unser Sozialkoordinator wird sich jetzt zunächst einmal mit der Familie direkt in Verbindung setzen, um zu schauen, wo und wie wir als Verwaltung hier unbürokratisch unterstützen und helfen können“, teilte Sprecherin Elisabeth Schulte-Kuhnt mit.
Eine Liste mit Ansprechpartnern und Adressen von staatlichen Stellen, Organisationen und Vereinen oder auch Stiftungen, wie der Brandenburger Stiftung „Stiftung für Familien in Not“ sei sicherlich hilfreich. Möglicherweise seien auch Sachspenden notwendig oder ehrenamtliche Unterstützung im Haushalt o.ä., womit sie weiterhelfen könnten. Das wollten sie jetzt aber zunächst einmal mit der Familie selbst besprechen.

„Ich möchte bloß nicht, dass der falsche Eindruck entsteht, dass wir uns an den Schicksalsschlägen unserer Familie bereichern könnten“, sagt Sandra S. Ihr schwer krankes Kind leide zusätzlich unter dem Kummer der Eltern. „Ronja weint oft und glaubt, dass sie wegen ihrer Krankheit schuld an unserer Not ist. Dabei habe ich ihr schon oft gesagt, dass sie nichts für unser Unglück kann“, sagt die Mutter leise.  Wie viel Leid kann eine Familie verkraften?