Schüler Vincent Koch (14) sitzt in seinem Zimmer, verfolgt am Computer den Online-Unterricht. Foto: Volkmar Otto

Berlin - Statt der Schulglocke schrillt ein Handyklingelton zum Stundenbeginn. Statt vor der Tafel sitzt nun Vincent Koch (14) aus Wannsee daheim an seinem Schreibtisch vor einem Computer, wartet, welche Aufgaben ihm die Lehrer erteilen. Denn obwohl die Schulen in Berlin und Brandenburg wegen der Corona-Krise geschlossen sind, geht der Unterricht weiter. „Mein Zimmer ist jetzt der Klassenraum“, sagt Vincent.

Der Junge besucht die Klasse 9a des Schiller-Gymnasiums in Potsdam. Dort ist an jedem Schultag um 8.20 Uhr Unterrichtsbeginn, gegen 15 Uhr ist Schluss. So ist es auch jetzt in Corona-Zeiten, wo die 250 Schüler der siebenten bis zu den zwölften Klassen mit ihren etwa 60 Lehrern bereits seit Montag zu Hause bleiben müssen. So hat es die Schulleitung beschlossen. „Und, dass wir den Unterricht nach dem gültigen Stunden- und Lernplan online fortzusetzen“, sagt Vize-Direktor Raiko Ritzka.

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Vincent hat sich seine Bücher und Hefte auf dem Schreibtisch zurechtgelegt, auf dem Wecker seines Smartphones den Beginn der Stunden- und Pausenzeiten einprogrammiert. „Für die Pausen habe ich natürlich einen fröhlichen Klingelton gewählt“, sagt er und schaltet den PC ein.   Über ein spezielles Computer-Programm haben seine Lehrer einen digitalen Klassenraum eingerichtet, für jedes Fach einen, in dem sie Aufgaben für die Klasse einstellen. Pünktlich zum Stundenbeginn müssen sich dort die Schüler anmelden, so ihre Anwesenheit dokumentieren. „Wer es nicht macht, bekommt einen Fehlstunde eingetragen“, sagt Vincent.

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In speziellen Chats "spricht" die Lehrerin mit den Schülern

Gestern hat er in der ersten Stunde das Fach „Darstellendes Spiel“. Nach der Anmeldung verfolgt Vincent einen speziellen Chat des digitalen Klassenraums, in dem die insgesamt 15 Schüler seiner Klasse nun an dem Unterricht teilnehmen und sehen, was die Lehrerin zu ihnen „sagt“. „Frau Winter hat uns gerade erklärt, dass wir uns einen Hut und eine Person dazu vorstellen und uns in diese Person hineinversetzen sollen“, sagt Vincent. Er hat sich für einen Jägerhut entschieden, schreibt sein Ergebnis auf, wie er sich als Jagdmann fühlt.

Nach der ersten kleinen Pause geht es mit dem Lernen weiter. Vincent meldet sich im Klassenraum für Geografie an.  Auf dem Computerbildschirm erscheinen eingescannte Lehrbuchseiten, die Schüler sollen sich über Rohstoffvorkommen einzelner Länder informieren, die Ergebnisse in eine vorbereitete Tabelle eintragen und diese an den Lehrer senden. Das klappt gut. Vincent ist fix fertig, kann daher sogar mit seinem Vater, der  KURIER-Reporter ist und im Homeoffice arbeitet, frühstücken. Dann steht der Französisch-Unterricht auf dem Plan. Am Rechner liest Vincent einen Buchtext, erhält neue Vokabeln zum Lernen.

Der Vater sieht seinem Sohn zu, wie der Fernunterricht funktioniert. Foto: Volkmar Otto

Im folgenden Englisch-Unterricht sollte Vincent gestern eigentlich seinen Vortrag über Mailand halten. So war es geplant, wenn ein normaler Schulbetrieb stattgefunden hätte. „Ich habe mich seit Tagen darauf vorbereitet, Unterlagen erarbeitet“, sagt er. „Schade, dass ich wegen der Corona-Geschichte den Vortrag nun nicht präsentieren kann.“ Und so wird die tödliche Krankheit Thema im Unterricht. In dem Chat „unterhält“ sich die Klasse mit der Lehrerin über die jetzige Situation – auf Englisch.

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"Mir fehlt der echte Kontakt zu meinen Mitschülern"

 Während Vincent und seine Mitschüler nun daheim am Computer lernen, ist es in dem Schulgebäude gespenstisch leer und ruhig. Der sonst lebhafte Schulbetrieb ist verstummt. Vincent hat es erlebt, als er am Montag dort war, um sich noch Mathebücher aus seinem Klassenzimmer zu holen. Nur zwei  Lehrer, den Direktor und die Schulsekretärin traf er noch an.

Alle hoffen an dem Gymnasium, dass nach den Osterferien der reguläre Schulbetrieb wieder aufgenommen werden kann. „Ich hätte jetzt lieber echten Unterricht“, sagt Vincent. „Vor allem fehlt mir der Kontakt zu meinen Klassenkameraden. Jetzt unterhalten wir uns ja nur über das Telefon. Ich hoffe, wir werden uns gesund wiedersehen.“