Drei mal umsteigen, über Zoo und Alex bis zum Ernst-Reuter-Platz müsste Luis zu seiner neuen Schule fahren.  Gerd Engelsmann

Ein Zeugnis-Durchschnitt von 2,1 und trotzdem nicht der Schulplatz, den er sich wünscht: Luis ist einer von über 2600 Schülern, die in diesem Jahr beim Übergang von der sechsten zur siebenten Klasse keinen Platz an ihrer Wunschschule bekommen haben. Stattdessen soll Luis aus Lichtenberg, wo er wohnt, jeden Tag 12 Kilometer zu einem Gymnasium in Charlottenburg zurücklegen. Unzumutbar, finden die Eltern.

Niete im Berliner Schulplatz-Lotto

Luis geht in die sechste Klasse der Sonnenuhr-Grundschule in Lichtenberg. An drei weiterführenden Sekundarschulen in der Nähe hat er sich um einen Platz beworben. Doch im Berliner Schulplatz-Lotto hat er nur Nieten gezogen. An der sehr nachgefragten Gutenberg-Schule hat Luis’ Notenschnitt nicht gereicht, einen Durchschnitt von 1,5 hätte er dort benötigt. Beim Losverfahren, bei dem 30 Prozent der Plätze vergeben werden, hatte er auch kein Glück.  Die anderen beiden Schulen lehnten gleich ganz ohne Begründung ab.

Schulamt teilt Platz in Charlottenburg zu

Als der Brief vom Schulamt im Briefkasten landete, war die ganze Familie voller Aufregung am Abend zusammengekommen, um den noch ungeöffneten Brief gemeinsam anzusehen.  Luis sollte vorlesen, erinnert sich seine Mutter Nancy Ulbrich. Doch ihr Sohn kam gar nicht bis zum Ende. Der Schock: Das Schulamt teilte Luis einen Platz an einem Gymnasium ganze 12 Kilometer entfernt zu.

„Ein elfjähriger, noch kleiner Junge, soll bis nach Berlin-Charlottenburg fahren – über den Alexanderplatz, umsteigen am Bahnhof Zoo und dann noch einmal, um bis hinüber zum Ernst-Reuter-Platz zu kommen? Dabei haben wir überhaupt kein gutes Gefühl“, sagen Nancy Ulbrich und ihr Partner Marco Steinkrüger. Da kann das Schiller-Gymnasium noch so einen guten Ruf haben.

Luis müsste mit dem ÖPNV drei Mal umsteigen um nach Charlottenburg zur zugewiesenen Schule zu kommen. Gerd Engelsmann

Allein in Luis’ Klasse sind es drei Schüler, die keinen Platz an einer der drei Wunschschulen bekommen haben, sein bester Freund Felix soll bis nach Wedding fahren. Ein Mädchen will mit seiner Familie nun umziehen, um näher an der neuen Schule zu wohnen.

„Ich war traurig, geschockt, als ich den Brief gelesen habe“, sagt Luis und hofft, dass sich doch noch eine andere Lösung für ihn ergibt. „Er arbeitete aktiv im Klassenrat mit, seine Schrift ist klar gegliedert und gut lesbar“, steht auf dem Zeugnis voller Zweien. Genützt hat das nichts.

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Wie soll er seine Freundschaften pflegen, wenn er eine Stunde benötigt, um überhaupt zur Schule zu kommen? Mit wem teilt er den Schulweg?, sorgen sich die Eltern. Luis spielt Fußball beim TSC Berlin, direkt neben einer seiner Wunschschulen befindet sich der Trainingsplatz. Linkes Mittelfeld, Freunde, Zusammenhalt, der Kiez, den er kennt: Das alles wäre mit langen Schultagen und langem Schulweg nicht mehr drin. „Diese Entscheidung prägt seinen weiteren Lebensweg“, sagt Marco Steinkrüger. Und will nicht akzeptieren, dass sich ein hausgemachter Mangel an Schulplätzen so auf den Lebensweg von über 2600 Schülern allein in diesem Jahr auswirkt. Wie kann es sein, dass ein Notenschnitt von 2 nur noch Mittelfeld ist?, fragt sich die Familie.

Nancy Ulbrich und ihr Partner Marco Steinkrüger wollen alles versuchen, um eine bessere Lösung für Luis zu finden. Gerd Engelsmann

Martin Klesmann, Sprecher von Schulsenatorin Sandra Scheeres, weiß um die Brennpunkte: Gerade Lichtenberg und Pankow seien übernachgefragt. Die Formulierung ist ein Euphemismus. In den Bezirken sind die Schulen rappelvoll, Anfragen und Beschwerden von Eltern auch beim Landeselternausschuss häufen sich.

In Lichtenberg und Pankow sind die Schulen besonders voll

„Es ist zutreffend, dass die Pankower Oberschulen stark übernachgefragt sind“, sagt der zuständige Stadtrat Torsten Kühne. Für Pankow allein konnten in 438 Fällen (195 Gymnasium, 243 ISS) Erst-, Zweit- und Drittwünsche Schülern und Schülerinnen innen nicht berücksichtigt werden.“ Für 148 Jugendliche (34 Gymnasium, 114 ISS) konnten zumindest an Pankower Schulen noch Schulplätze gefunden werden. 161 Gymnasiumsplätze wurden durch die Bezirke Reinickendorf, Charlottenburg-Wilmersdorf, Tempelhof-Schöneberg und Steglitz-Zehlendorf (Dreilinden) zur Verfügung gestellt. 129 ISS-Plätze in Reinickendorf, Mitte, Charlottenburg-Wilmersdorf und Tempelhof-Schöneberg, führt Kühne aus.

Von Jahr zu Jahr werden es mehr Kinder, die nicht in der Nähe ihres Wohnortes oder an ihrer Wunschschule, die bestimmte Fächerkombinationen und Profile anbietet, Platz finden. In einer ersten Auswertung der Zahlen der Senatsverwaltung für Bildung der letzten sieben Jahre stellt der Landeselternausschuss fest, dass die Zahl der vergebenen Oberschulplätze an den Wunschschulen erstmals seit sieben Jahren unter 90 Prozent liegt. Nur 89,79 Prozent der Schüler hatten einen Treffer bei der Schule ihrer Wahl.

2600 Schüler erhielten keinen Wunsch-Platz

Über 2600 Schülerinnen und Schüler fanden dieses Jahr keinen Platz an ihren Wunschschulen. In den letzten sieben Jahren waren es über 14.500 Schüler. Tendenz steigend. Luis ist also längst kein Einzelfall. Darüber hinaus schildern Eltern dem Landeselternausschuss und einigen Bezirkselternausschüssen die Verzweiflung der Kinder, aber auch ihren Unmut über die Zuweisung und das Verfahren selbst.

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So kritisiert der Bezirkselternausschuss im besonders betroffenen Bezirk Lichtenberg, in dem auch Luis wohnt, in einer Stellungnahme, dass fehlende Schulplätze über Schicksale entscheiden. „Auch dieses Jahr gelang es wieder nicht, Schüler und Schülerinnen einer ihrer zumeist wohnortnahen drei Wunschschulen zuzuordnen. Mehr noch, auch die gewünschte Schulform oder Sprachenfolge fand häufig keine Berücksichtigung. In diesen Fällen ist damit die Entscheidung über den Schulabschluss bereits Jahre vor Schulende gegen den angestrebten Abschluss gefallen, da dieser an der zugeordneten Schule häufig nicht möglich ist.“ Selbst ein Notendurchschnitt von 1,4 reiche mancherorts nicht aus.

Verwaltung tut zu wenig, um Schulplätze zu schaffen

Das langwierige Auswahl- und Ausgleichsverfahren der Bezirke schaffe es nicht, darüber hinwegzutäuschen, „dass viele Bezirke und die zuständigen Senatsverwaltungen sich viel zu wenig bewegen in der Schulplatzschaffung!“ so die Lichtenberger Elternvertreter.

Sie  fordern daher ein transparentes und zügiges Schulplatzvergabevergaben mit offen einsehbaren Schulplatzangeboten, eine digitale Tauschbörse für all jene, deren Wunsch nicht entsprochen werden konnte und einen Fokus auf wohnortnahe weiterführende Schulen – entweder durch Anpassungen im Vergabeverfahren oder aber auch durch Schaffung weiterer Schulplätze.

Schulneubau stockt

Doch einem Mangel an Schulplätzen kann man nur mit Schulbau begegnen. „Schulen bauen, sanieren und erweitern“, führt Senatssprecher Martin Klesmann denn auch als Gegenmittel für die Knappheit an. „Das geschieht im Rahmen der Berliner Schulbauoffensive“, sagt er.

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Doch diese kommt nur langsam voran. Von den 60 neu zu bauenden Schulen in Berlin befinden sich 40 noch in Vorbereitung. In dieser Legislaturperiode wurden nur drei neue allgemeinbildende Schulen fertig. „Die meisten Neubauschulen entstehen ab der kommenden Legislaturperiode, da sie zunächst geplant und projektiert werden müssen“, so Klesmann. Im Schnitt vergehen in Berlin neun Jahre, bis eine Schule gebaut ist. Wenn man schnell ist, dauert es fünf. Zu lange für Kinder wie Luis. In Pankow sollen allein 24 neu gebaut werden, Dutzende Bestandsschulen sollen ausgebaut werden.

Eine Stunde Fahrt gilt als zumutbar

Bis dahin gilt weiterhin eine Stunde Fahrtweg als zumutbar, werden Schüler durch die halbe Stadt geschickt und kompensieren so täglich das Versagen der Verwaltung. Den Klageweg beschreiten dennoch bisher eher wenige Familien. Etwa 15 bis 20 habe es im letzten Jahr gegeben, so Martin Klesmann. Einige Betroffene haben noch Erfolg, wenn sie sich selber um einen Platz in der Nähe bemühen, andere arrangieren sich notgedrungen.

Luis’ Familie hat nun Widerspruch beim Schulamt gegen die Entscheidung eingelegt und will notfalls einen Anwalt einschalten, sollte auch das nichts nützen. Die Ferien an der Ostsee und bei der Oma wird der Elfjährige nicht unbeschwert genießen, solange er nicht weiß, wie und vor allem wo es für ihn im August weitergeht.