Kreuze erinnern nahe dem ehemaligen Braunkohletagebau Cottbus-Nord und zukünftigen Cottbuser Ostsee, an Orte, die der Braunkohle zum Opfer fielen. 1986 wurde hier in der Nähe der Ort Klein Lieskow wegen der Förderung von Braunkohle abgerissen. Klein Lieskow war der 101. Ort, den der Kohlebagger verschlang. dpa/Patrick Pleul

Sanft lässt sich das Pfauenauge auf der Blüte nieder. Die Wiese mit blühenden Unkräutern ist ein Paradies für den Schmetterling. Kathrin Schwella steht mitten im scheinbaren Idyll - Sträucher verdecken den Blick auf den entstehenden Ost-See im ehemaligen Tagebau Cottbus-Nord. „Von der Hütte aus hatten wir früher einen Blick auf unser Klein Lieskow“, sagt die 55-Jährige und zeigt auf die kleine Gedenkstätte. Ihr Dorf war der 101. Ort, den der Kohlehunger verschlang. Insgesamt verschwand bis jetzt laut einem Register im Lausitzer Revier 137 Mal Heimat in der Grube.

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Schwella schaut sich um im Grenzland zwischen Sachsen und Brandenburg. Die Gedenkstätte an der langjährigen Tagebaukante gut eineinhalb Kilometer vom einstigen Dorf entfernt mit altem Ortsschild, Info-Tafeln und einer jungen Eiche ist das Einzige, was den Klein Lieskowern geblieben ist. Auf einem Gedenkstein steht „Klein Lieskow – 1498 bis 1986“. In der Ferne schickt das Kraftwerk Jänschwalde Wolken in den Himmel. Die 55-Jährige holt eine Karte heraus. Alte Wege, Orte sind darauf zu sehen, wo Abraum- und Kohlebagger keinen Stein mehr auf dem anderen ließen. Der beschlossene Kohleausstieg bis 2038 kommt für ihren Ort zu spät.

Kathrin Schwella, ehemalige Bewohnerin von Klein Lieskow, steht an der Gedenkstätte für den Ort Klein Lieskow am Rand eines ehemaligen Braunkohletagebaus und zukünftigen Cottbuser Ostsee. dpa/Patrick Pleul

Geblieben sind Schwarz-Weiß-Fotografien auf Infotafeln vom einstigen Liškowk, wie das Dorf auf Sorbisch heißt. Sie erzählen von Tümpeln im Wald, Feldern, einer alten Friedenseiche mit Gaststätte, einem Konsum - und Frauen in sorbischer Tracht. Schon Ende der 1950er Jahre war klar, dass es ein Leben auf Abruf ist. Unter der Region nördlich von Cottbus liegt Braunkohle, die in der DDR dringend gebraucht wird. „Wir sind mit dem Bewusstsein groß geworden, dass die Kohle kommt“, sagt Schwella. Die offizielle Abrisserklärung folgte 1982.

Dörthe Stein: Ihren Hof im alten Horno haben sich die Bagger im Frühjahr 2004 geholt

An diesem Sommernachmittag widmet die Verfahrenstechnikerin dem alten Ortsschild einen letzten Blick, dann steigt Schwella ins Auto, um nach Neu-Horno in das „Archiv der verschwundenen Orte“ zu fahren. Dort wartet Dörthe Stein. Ihren Hof im alten Horno haben sich die Bagger im Frühjahr 2004 geholt. 320 Einwohner mussten ihre Häuser für den Tagebau Jänschwalde verlassen, erzählt sie. Gut 15 Jahre haben sie um den Erhalt ihres Ortes gekämpft, sogar beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gegen die Abbaggerung Einspruch eingelegt – ohne Erfolg.

Ein Schaufelradbagger trägt Erde im Braunkohletagebau Jänschwalde der Lausitz Energie Bergbau AG (LEAG) ab. dpa/Patrick Pleul

Ein Großteil der Alt-Hornoer sind heute Nachbarn in Neu-Horno. Das denkmalgeschützte Dorf steht im Archiv mit der Nummer 135. „Schätzungsweise 29 000 Menschen haben durch die Braunkohle in der Lausitz ihre Heimat verloren. Ich konnte durch meine Arbeit hier das Kapitel abschließen“, sagt Stein und schlüpft mit den Schuhen in weiße Überzieher. Dann tritt sie auf eine Teppich-Landkarte. Die Archivleiterin holt eine fahrbare Info-Station ähnlich einem Staubsauger - beim Punkt für Klein Lieskow bleibt sie stehen.

„Es steckt viel Wehmut in der Grube“, sagen die Zeitzeuginnen.

Interaktiv geht es durch die Geschichte des Ortes. Schwella, heute Vorsitzende des Sorbenrates in Brandenburg, ist damals mit 18 Jahren eine der letzten, die bis fast zuletzt bleibt. Sie bewacht das Haus, damit keine Baumaterialien abhandenkommen, die die Eltern für das neue Grundstück in Drehnow brauchen. Die Lieskower verstreut es in alle Himmelsrichtungen, eine Umsiedlung als Dorfgemeinschaft wie bei Horno ist weder vorstellbar noch erlaubt, die Entschädigung über 2000, 3000 DDR-Mark kommt auf ein Sperrkonto. „Es steckt viel Wehmut in der Grube“, sagen die Zeitzeuginnen.

Es schwingt auch Traurigkeit über den Verlust der sorbisch/wendischen Sprache und Kultur mit. Neu-Laubusch ist 1924 das erste verschwundene Lausitzer Dorf - einer der letzten Orte Deutschlands könnte das sächsische Mühlrose am Tagebau Nochten sein. Bereits im März 2019, kurz vor der Entscheidung zum Kohle-Aus, wurde der Umsiedlungsvertrag geschlossen, im Sommer 2020 hat das Energieunternehmen LEAG mit dem Abriss der ersten leerstehenden Häuser begonnen.

Der größte Teil der Einwohner zieht nach Neu-Mühlrose im Nachbarort Schleife. Einige wenige wollen bleiben. Währenddessen hält die LEAG auch mit angepasstem Revierplan und Kohleausstieg an den Abbauplänen des Teilfeldes Mühlrose im Tagebau Nochten fest, um vor allem das Kraftwerk Boxberg langfristig zu versorgen. Das brandenburgische Dorf Proschim ist dagegen gerettet - durch die Energiewende.

Der Rand eines ehemaligen Braunkohletagebaus und des zukünftigen Cottbuser Ostsees. dpa/Patrick Pleul

Mühlrose wäre das 138. verschwundene Dorf im Lausitzer Revier, einige Orte wurden nur zum Teil abgebrochen. Das schwarze Lausitzer Gold steht aber nicht nur für Verlust. „Die Kohle hat den Wohlstand gebracht, Tausende Arbeitsplätze hängen daran, viele kleine Betriebe“, sagt Schwella. Aus ihrer Sicht sei das Ausstiegszenario aus der Braunkohle zu kurz gefasst. „Strom wollen alle haben. Dieses Land hat sich zu lange auf die Kohle verlassen, man hätte nach der Wende über alternative Energie nachdenken müssen.“

„Ich habe damals von unserem Dorf aus gesehen, wie die Kirche in Groß Lieskow gesprengt wurde“

Alternativen müssen durch die Energiewende nun auch für das Lausitzer Revier gedacht werden. Der Domowina-Vorsitzende Dawid Statnik sieht den Strukturwandel vor allem als Chance. Der sorbische Dachverband ist die Interessenvertretung der Sorben und Wenden. Aus Bundesmitteln für den Strukturwandel fließen ab 2022 in den nächsten zehn Jahren 19 Millionen Euro für sorbische/wendische Projekte nach Brandenburg sowie 42,5 Millionen Euro nach Sachsen.

Damit soll unter anderem das kulturelle Erbe und die Revitalisierung der niedersorbischen Sprache unterstützt werden. „Wir brauchen die Sorben/Wenden als lebendige Gruppe, die den Strukturwandel sichtbar und erlebbar begleitet“, sagt Tobias Dünow, Brandenburgs Landesbeauftragter für Sorben/Wenden.

Dörthe Stein, Mitarbeiterin im „Archiv der verschwundenen Orte“ betrachtet hölzerne Modelle von Kirchen, die wegen der Förderung von Braunkohle abgerissen wurden. dpa/Patrick Pleul

Schwella und Stein gehen in die Kirche gegenüber des Archivs. Es ist ein Neubau mit der Turmhaube der Kirche in Alt-Horno, auch deren Orgel, Kronleuchter und dem Altarsockel mit Erde aus dem ehemaligen Pfarrgarten. Unter dem Kirchendach stehen Modelle von 27 Kirchen, die in der Grube verschwunden sind. „Ich habe damals von unserem Dorf aus gesehen, wie die Kirche in Groß Lieskow gesprengt wurde“, sagt die Vorsitzende des Sorbenrats.

Ein Video erzählt von diesem Tag Mitte der 1980er Jahre. Nach der Explosion bleibt eine graue Staubwolke in der Luft hängen. Bei Treffen ehemaliger Dorfbewohner an der Gedenkstätte werden solche Erinnerungen wach. Vergangenheit und Zukunft sind in der Lausitz eng miteinander verwoben. Das zeigen große Schilder in der kargen Idylle der Gedenkstätte Klein Lieskow. Sie geben einen Ausblick auf die Zeit nach der Renaturierung. Wo einst Schwellas Heimatdorf stand, soll bis 2030 der 1900 Hektar große Cottbuser Ost-See entstehen – und damit der größte künstlich angelegte See Deutschlands.