Ein Bild, das erschütterte: Auf der Seite liegt der pinkfarbene Jeep, in dessen Trümmern ein 69-Jähriger starb. SDTB/Tzscheuschner

Der Fall, der ganz Deutschland erschütterte: Ein Jeep kreuzte am Abend des 1. Februar 2016 ein illegales Autorennen auf dem Tauentzien, wurde gerammt. Dessen Fahrer Michael Warshitsky (69) hatte keine Chance, er starb noch im Auto. Die Fotos mit dem pinkfarbenen Jeep, der zertrümmert auf der Seite lag, wurden zum Symbol des PS-Wahnsinns. Und genau dieses Wrack  ist jetzt der Mittelpunkt einer Ausstellung, die aufrütteln soll – und wird.

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Es klingt erstmal paradox: Dass es in einem Museum, das der Technik huldigt, todbringende Technik in den Mittelpunkt gestellt wird. Denn in der neuen Ausstellung des Deutschen Technikmuseums (Eingang:  Möckernstr. 26, Kreuzberg) dreht sich alles um die die großen Gefahren durch illegale Autorennen auf öffentlichen Straßen. „Wahnsinn – Illegale Autorennen. Wie stoppen wir den Tempo-Rausch?“, heißt die Sonderausstellung im Deutschen Technikmuseum, die am Freitag öffnet.

Zentrales Objekt der Ausstellung ist das zerstörte Auto des Todesopfers der Kudamm-Raser aus dem Jahr 2016. Mit bis zu 170 Kilometern in der Stunde bretterten zwei Raser damals sie über den Kudamm. Über zwanzig Querstraßen und elf Ampeln hinweg. Hamdi H. im Audi A6 TDI mit 225 PS gegen Marvin N. im Mercedes AMG mit etwa 330 PS. Bis zum Horror-Crash auf der Tauentzienstraße.

Diese Animation zeigt in der Ausstellung, wie es zu dem verhängnisvollen Crash kam. Unfallgutachter Priester & Weyde

Einer von ihnen rammte den Jeep so heftig, dass er 70 Meter weit weg geschleudert wurde. Die ganze Straße war nur noch ein Trümmerfeld. Beide Raser wurden verurteilt, der eine wegen Mordes. „Für den Kick gaben sie Gas“, sagte ein Richter in einem der Prozesse. „Die Fahrzeuge wurden zu Projektilen mit unglaublicher Zerstörungskraft.“

Auch sechs Videos von Rasereien geben einen Einblick in die Gefährlichkeit dieser Situationen. Die Filme stammen aus beschlagnahmten Kameras auf den Armaturenbrettern der Fahrer oder von Polizeiautos auf Verfolgungsjagd. Brutal drängeln sich die Raser durch den Verkehr, beschleunigen immer wieder bis auf weit mehr als 100 Stundenkilometer, Fußgänger springen zur Seite, einige Videos enden mit einem Unfall.

Maximilian Warshitsky, Sohn des getöteten 69-Jährigen, stellte das Wrack zur Verfügung

Joachim Breuninger von der Museumsstiftung kündigte an, das Technikmuseum wolle in Zukunft mehr kontroverse Themen, die die Menschen beschäftigen, aufgreifen und damit auch Debatten anstoßen. Natürlich habe man sich gefragt, ob man den lilafarbenen Jeep, in dem der 69-jährige Fahrer starb, ausstellen dürfte. „Das ist ein sehr, sehr hartes Objekt. Aber man muss auch solche Objekte zeigen, um die Konsequenzen der Rennen zu verdeutlichen.“ Breuninger dankte dem Sohn des Toten, der die Ausstellung unterstütze und das Auto seines Vaters zur Verfügung stellte.

Maximilian Warshitsky steht in der Ausstellung vor dem Jeep seines Vaters, in welchem dieser als Opfer der Kudamm-Raser 2016 ums Leben kam. dpa/Riedl

Das Museum zeigt Fahrzeuge von Unfällen, bei denen Menschen ums Leben kamen, um die Gefahren illegaler Rennen und von Raserei vor Augen zu führen.  Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen Fragen nach den Gründen für den Temporausch und Möglichkeiten, den Autorennen entgegenzuwirken. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit der Berliner Polizei und dauert bis zum 3. Juli.

Im Jahr 2021 wurde in Berlin in über 550 Raser-Fällen ermittelt

Die Polizei bietet während der Laufzeit der Ausstellung immer dienstags von 10 bis 11.30 Uhr für Schulklassen ein Unfall-Präventionsprogramm an. Es ist speziell auf die Gefahren des Rasens zugeschnitten. Für Lehrer und Schulklassen sind die Veranstaltungen und der Eintritt in die Ausstellung kostenfrei.

Einmal im Monat bietet die Verkehrsunfallprävention der Polizei  zudem ein Programm für alle Museumsbesucher an. Die Termine sind die Sonnabende 19. März., 9. April, 14. Mai und 18. Juni (jeweils 11 Uhr). Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Die Polizei ermittelte im vergangenen Jahr in 162 Fällen illegaler Autorennen mit mindestens zwei Teilnehmern. Dazu kamen 164 Ermittlungsverfahren wegen Rasens einzelner Fahrer, das juristisch nach Paragraf 315d auch als verbotenes Kfz-Rennen gewertet wurde. Außerdem gab es 236 Ermittlungsverfahren wegen Flucht vor einer Polizeikontrolle, die unter den selben Paragrafen fällt.

Amtsanwalt Andreas Winkelmann, der täglich wegen illegaler Rennen ermittelt, beschreibt den durchschnittlichen Raser als jungen Mann zwischen 18 und 30 Jahren. In 80 Prozent der Fälle seien die teuren hochmotorisierten Autos gemietet oder geleast, die Fahrer stammten in Berlin in 75 Prozent der Fälle aus Einwandererfamilien, die Autos seien ein Statussymbol.

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Wie aktuell das Thema der Ausstellung ist, zeigt ein Prozess, der an diesem Freitag parallel zu der Ausstellung beginnt. Vor Gericht steht ein 22-jähriger Mann, der mit drei Freunden im Februar 2021 durch Treptow raste. Laut Anklage fuhr er in einer Tempo-30-Zone bei schwierigen Straßen- und Sichtverhältnissen mindestens 150 Stundenkilometer. In der Straße Am Treptower Park rammte der Fahrer zunächst Bäume, dann krachte das Auto mit solcher Wucht gegen einen Baucontainer, dass es zerrissen wurde und brannte. Die drei Mitfahrer starben.