Abwärtsspirale in einer Hochhaussiedlung in Berlin-Reinickendorf: Erst privatisiert, an eine Finanz-Heuschrecke verscherbelt, dann vom Land wieder zurückgekauft. imago

Explodierende Mieten, kaum noch bezahlbare Wohnungen in der Hauptstadt: Immer mehr Berlinerinnen und Berliner können sich ihre eigene Stadt nicht mehr leisten. Diese Entwicklung, die sich seit mehr als zehn Jahren abzeichnet, verändert die Stadt: Die Armut konzentriert sich immer stärker an den Randbezirken der Stadt, während Geringverdiener aus den Innenstadt-Kiezen verschwinden.

Konkrete Zahlen belegen, wie sich dies auf einzelne Bezirke auswirkt. Eine Datenrecherche des RBB aus Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigt, dass vor allem aus Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg verdrängt wurde: 14.282 bzw. 13.624 Harz-IV-Empfänger wurden dort im Zeitraum 2007 und 2020 weniger erfasst. In Neukölln nahm die Zahl um 7254 ab.

Auf der anderen Seite stehen Berlins Randbezirke, ganz vorne in der Statistik: Marzahn-Hellersdorf mit einem Zuwachs von 10.801 Harz-IV-Empfängern, gefolgt von Spandau mit 9881 und Reinickendorf mit 7679.

Berlin hat 30 „Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf“ markiert

Diese Entwicklung hat Folgen für die Bewohner der Quartiere: In den Innenstadt-Bezirken wird kräftig investiert, allerdings überwiegend für finanzkräftige Eigentümer oder Mieter, die auch Spitzenpreise bezahlen können. Die Randbezirke dagegen verwahrlosen zunehmend: Der RBB nennt als Beispiel die Rollberge-Viertel im äußersten Norden von Berlin-Reinickendorf. Müll, Papiertüten und Scherben, für deren Entsorgung sich niemand mehr zuständig fühlt – außer einer Rentnerin, die den Unrat vor ihrer Haustür eigenhändig beseitigt. Fahrstühle werden nicht repariert, Fenster bleiben undicht und Kindern fehlt es an grünen Spielflächen: Wer es sich leisten kann, zieht hier weg. Wer zurückbleibt und neu hinzukommt, befindet sich in einer Abwärtsspirale.

Mehr als 30 „Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf“ hat die Berliner Verwaltung markiert, in fünf dieser Gebiete liegt die Kinderarmut bereits über 60 Prozent. Schulenburgpark, Maulbeerallee, Treptower Straße Nord, Weiße Siedlung und Rollberge-Viertel. Die Markierung sollte eigentlich dazu dienen, die Situation für Anwohner zu verbessern, soziale Angebote zu schaffen, Schulen besser auszustatten und Grünanlagen zu pflegen. Die Realität sieht oft genau umgekehrt aus: Kaum Beratungsangebote für Mieter, zu wenig Kitaplätze, es fehlen Sprachkurse für Migranten. Überdurchschnittlich viele Kinder werden mit Sprach- und Lerndefiziten eingeschult und fielen während der Corona-Krise noch weiter zurück.