Ein Abstrich aus dem Nase-Rachenraum wird genommen, mindestens fünf Mal in einer Lösung drehen, drei Tropfen auf den Reagenztäger, nach 15 Minuten kann das Ergebnis abgelesen werden. Foto: AFP

Viele Erwartungen richten sich auf einen neuen Baustein zur Eindämmung der Corona-Pandemie: Antigen-Schnelltests. Mitte Oktober trat eine neue nationale Testverordnung in Kraft, mit der in Pflegeheimen und Krankenhäusern, später auch in weiteren Einrichtungen Personal, Bewohner und Besucher regelmäßig auf das Corona-Virus getestet werden sollen. Nach einem Rachenabstrich gibt es nach einer halben Stunde ein Ja-Nein-Ergebnis darüber, ob man infiziert ist. Besonders hoch infektiöse Menschen erkennt der Schnelltest recht zuverlässig.

Drei Wochen nach Inkrafttreten der Verordnung sind Einrichtungen in Berlin aber noch weit entfernt davon, Besucher vor dem Kaffeekränzchen mit der Oma automatisch zu testen, Seniorensport ohne Gefahr und Maske durchzuführen und eingeschleppte Infektionen durch Mitarbeiter jeden Morgen unkompliziert ausschließen zu können. „Die Schnelltest helfen die Ansteckungsrisiken zu minimieren, sind aber kein Allheilmittel“, sagt die Direktorin Diakonisches Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Barbara Eschen. Bei der Einführung ruckelt es.

Jede Einrichtung braucht ein Testkonzept

Auch Claudia Appelt, Sprecherin der Caritas-Altenhilfe, die in Berlin acht Einrichtungen betreibt, steckt mitten im Thema. Sie würden gern loslegen mit den Tests, doch es gilt, noch einige Hürden zu nehmen. Schon eine Woche nach Inkrafttreten der Testverordnung hatte die Caritas das erforderliche Testkonzept für ihre Einrichtungen bei der eigens eingerichteten Stabsstelle der Senatsverwaltung für Gesundheit, eingereicht. Doch schnell sein hilft nicht immer: Noch immer ist die Genehmigung nicht da.

Zwar dürfen Pflegeeinrichtungen in der Anfangsphase ausnahmsweise mit der Bestellung der Tests schon beginnen, sobald sie einen Antrag gestellt haben, heißt es dazu vom Verband der Ersatzkassen, aber wie viele dann genau abgerechnet werden dürfen, ist offen.

Grundsätzlich gilt:  Jede Einrichtung der mobilen und stationären Altenpflege muss in einem  Konzept darlegen, wer, wie oft und von wem getestet werden soll. Die Anzahl der Tests, die eine stationäre Pflegeeinrichtung erhält, richtet sich nach der Zahl der Bewohner. Mit diesen Tests können die Mitarbeiter, die Pflegebedürftigen und die Besucher getestet werden. Für Pflegebedürftige und Besucher besteht zwar eine Empfehlung zur Testung, aber kein Anspruch. In Pflegeheimen sind bis zu 20 Tests pro Monat pro Bewohner bei den Krankenkassen abzurechnen. In der ambulanten Pflege sind es zehn. Ein Test wird dabei mit sieben Euro eingepreist. Bewohner und Besucher können höchstens einmal pro Woche getestet werden. Medizinisch geschultes Personal muss den Test durchführen. So weit so gut.

Doch bei der Umsetzung gibt es eine Reihe weiterer Herausforderungen. Bei der Beschaffung etwa: Die übernehmen teilweise die Einrichtungen selbst, die Gesundheitsverwaltung bemüht sich parallel um eine zentrale Beschaffung. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte verweist auf eine Liste der zugelassenen PoC-Antigen-Tests auf seiner Homepage. Mittlerweile finden sich dort über 80 Hersteller, weltweit gibt es 750 Anbieter, 36 von ihnen haben eine CE-Zertifizierung. Pflegeeinrichtungen prüfen nun, welche Hersteller sie favorisieren. Doch Claudia Appelt berichtet, dass sich bei den drei Tests, die die Caritas Altenhilfe bestellen wollte, bereits Lieferengpässe abzeichneten. 

Schnelligkeit hat ihren Preis

Punktuell beliefert auch die Gesundheitsverwaltung derzeit erste Einrichtungen. 260 000 Tests sind ausgeliefert. So haben mittlerweile auch vier der acht Einrichtungen der Caritas  die ersten Testsets von der Senatsverwaltung erhalten. Die Caritas plant für die acht Einrichtungen für den Anfang mit 5500 Tests pro Monat.

Wie läuft der Einsatz der Tests vor Ort konkret? „Die Schnelltests sollen in erster Linie Kontakte sicherer machen“, sagt Claudia Appelt.  Auf der anderen Seite müsse man in der Praxis schauen, wie viel Personal das binde. Pflegebetriebe weisen einhellig und energisch auf die Mehrbelastung hin, die Testungen für Pflegende bedeuten. Es gibt in deren Tagesablauf kaum ungenutzte Zeit. Einfach so und nebenbei lässt sich das Pensum kaum bewältigen. Schnelligkeit hat ihren Preis, gerade sieht es so aus, als sollten ihn wieder die Pflegenden zahlen.

Kosten für Material werden übernommen, die für Personal nicht

Auch der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e. V. stattet seine Heime und Dienste mit den ersten  fünf Millionen Schnelltests aus.  „So ein Schnelltest nimmt für jede Person etwa 20 Minuten in Anspruch.“ Das summiere sich zu vielen Stunden Arbeitszeit, so Präsident Bernd Meurer. Man schaffe die erhöhte Belastung nur dann, wenn sich die Besucher in den Heimen zum Schnelltest anmelden. Außerdem muss die Zahl der Besucher pro Tag entsprechend der Testkapazität der Heime begrenzt werden können. „Wir sind dankbar für jede personelle Unterstützung“, sagt Meurer und bringt den Einsatz von Fachkräften des MDK oder der Bundeswehr ins Spiel.

Auch Barbara Eschen, Direktorin des Diakonischen Werks, dringt darauf, eine Finanzierung von Personalkosten. „Bisher ist in der Altenpflege nur die Kostenübernahme für das Material, nicht für das Personal, gegeben“, sagt sie. Dabei wird in der Altenpflege auch über die Akzeptanz der Tests entschieden, denn die Testungen hier sollen nur ein Anfang sein. Folgen sollen Einrichtungen für Jugendliche, Menschen mit Behinderungen, Gemeinschaftsunterkünfte für Geflüchtete, Wohnungslose.

Sich endlich wieder umarmen können

Sind die Schnelltests dann einmal im Alltag angekommen, bleiben andere Schutzmaßnahmen weiterhin nötig. Claudia Appelt fürchtet um die Akzeptanz beim Maskentragen und Abstandhalten. Sollten die Tests in der Praxis sehr zuverlässig anzeigen, dass die getestete Person nicht infektiös ist, macht der Einsatz der Tests Hoffnung auf mögliche Lockerungen. Sich endlich wieder in den Arm nehmen. Kontakt mit demenziell Erkrankten ohne Maske – das seien erstrebenswerte Verbesserungen im Pandemie-Alltag.

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„Wir wollen Alltagsnormalität erreichen. Bewohner sollen Angehörige treffen können, raus gehen und ein weitgehend normales Leben führen können“, hofft Appelt. In den letzten Monaten war dies massiv eingeschränkt. Infektionsschutz vs. Lebensqualität im Alter- zwischen diesen Polen bewegt sich Pflege in der Pandemie.