Haare eines verstorbenen Menschen, die in einem Schmuckstück in Epoxidharz eingeschlossen wurden
Haare eines verstorbenen Menschen, die in einem Schmuckstück in Epoxidharz eingeschlossen wurden dpa/Pleul

Der Schmuck ist außergewöhnlich. Aus Haaren, Muttermilch oder Zähnen. Josephin Hammer fertigt in ihrer Manufaktur in Strausberg Kettenanhänger, Ringe oder Manschettenknöpfe – aus Epoxidharz und mit ganz besonderen Zutaten. Einst war sie Krankenschwester und Zahntechnikerin, heute arbeitet sie als Schmuckdesignerin.

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Der herzförmige Kettenanhänger hat eine goldgelbe milchige Farbe. Darin eingeschlossen sind neben einer filigranen Haarsträhne auch winzige Fragmente. „Das sind Teile der Nabelschnur, die in Muttermilch eingebettet wurden“, erklärt Schmuckdesignerin Josephin Hammer aus Strausberg (Märkisch-Oderland). Was bei manchem Betrachter überraschtes Erstaunen hervorruft, ist für die 31-Jährige längst Arbeitsalltag. Die gelernte Krankenschwester und Zahntechnikerin fertigt Erinnerungsschmuck, wie sie beschreibt.

Josephin Hammer, Schmuckdesignerin und Inhaberin der milk-design Manufaktur GmbH, arbeitet an einem Goldschmiedearbeitsplatz in ihrer Werkstatt.
Josephin Hammer, Schmuckdesignerin und Inhaberin der milk-design Manufaktur GmbH, arbeitet an einem Goldschmiedearbeitsplatz in ihrer Werkstatt. dpa/Patrick Pleul

Dazu gießt sie Haare, Asche, Zähne, Teile der Plazenta, Muttermilch in Epoxidharz und bringt das Ganze nach dem Aushärten in silberne oder goldene Fassungen – für Ringe, Manschettenknöpfe, Anhänger oder Broschen. „Der Prozess um die Geburt ist in den vergangenen Jahren zum Kult geworden, Mütter wollen diese Zeit in der Erinnerung festhalten“, sagt Anna Eichner vom Berufsverband der Frauenärzte.

Als Krankenschwester habe ich gelernt, mit dem Tod umzugehen

Was zunächst ungewöhnlich klingt, stößt bei Kunden offenbar auf Interesse – nicht nur bei jungen Müttern, sondern auch bei Angehörigen von Verstorbenen und bei Menschen, die etwas von ihrem geliebten Haustier bei sich tragen wollen.

Haare, Asche und Muttermilch wurden in verschiedenen Schmuckstücken in Epoxidharz eingeschlossen
Haare, Asche und Muttermilch wurden in verschiedenen Schmuckstücken in Epoxidharz eingeschlossen dpa/Patrick Pleul 

„Erinnerungsstücke von Hund oder Katze sind ein Indiz dafür, dass Tiere oftmals Partner ersetzen oder eben tatsächlich als Familienmitglied angesehen werden – über den Tod hinaus“, schätzt Hester Pommerening, Sprecherin des Deutschen Tierschutzbundes, ein. „Niemand möchte seinen treuen Begleiter gehen lassen. Tierhalter sollten aber nicht egoistisch handeln, sondern immer eine Entscheidung im Sinne ihres Tieres treffen.“

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Etwa 100 Aufträge gehen bei Hammers milk-design Manufaktur monatlich ein. „Die meisten bestellen nicht einfach im Internet, sondern kommen persönlich vorbei, um mir die Erinnerungsstücke zu bringen.“ Ein neuer Trend ist die Verarbeitung winziger Blütenteile aus dem Brautstrauß, die an die Hochzeit erinnern sollen.

„Ich hatte auch schon Kunden aus der Gothic-Szene, denen ich einen Blutstropfen für einen Ring in Harz gegossen habe“, erzählt sie. Besonders wichtig sei ihr der Trauerschmuck. „Als Krankenschwester habe ich gelernt, mit dem Tod umzugehen. Für Trauer blieb aber dabei keine Zeit“, sagt Hammer. Nach Gesprächen mit Bestattern könne sie inzwischen mit der Trauer ihrer Kunden gut umgehen und bei der Verarbeitung helfen.

 Josephin Hammer arbeitet an Manschettenknöpfen aus Epoxidharz.
Josephin Hammer arbeitet an Manschettenknöpfen aus Epoxidharz. dpa/Pleul

Ihre Geschäftsidee entstand vor fünf Jahren. „Damals verstarb mein geliebter Hund und ich wollte etwas von ihm behalten. Also begann ich, mit Fell und Harz zu experimentieren“, erzählt die Strausbergerin. Kurze Zeit später habe sich eine Freundin an sie gewandt, die gerade ein Kind bekommen hatte.

„Sie brachte mich auf die Idee mit der Muttermilch, denn sie wollte sich an die intensive Zeit des Stillens immer erinnern.“ Hammer entwickelte ein eigenes Verfahren, inzwischen gießt sie auch die Fassungen für die Schmuckstücke selbst. „Als Zahntechnikerin hatte ich Grundlagen der Metallverarbeitung und war filigranes Arbeiten gewöhnt“, erinnert sich die Autodidaktin.

Fünf bis sechs Wochen dauere die Anfertigung eines Schmuckstücks

Vor allem das Arrangieren von Haaren mittels Pinzette in bestimmte Formen erfordere Geduld und Fingerspitzengefühl, beschreibt die 31-Jährige. Sie zeigt einen Anhänger, den sie selbst um den Hals trägt: Eigene sowie Haare von zwei Freundinnen hat sie zum Umriss eines Löwenkopfes geformt.

Ganz ohne moderne Technik geht es aber in ihrer Schmuckmanufaktur nicht: Am 3D-Drucker entsteht das Modell. Miniatur-Gießanlage, 3D-Scanner, Laserschweißgerät und eine Apparatur zum Vergolden gehören ebenso zur Ausstattung der Manufaktur. Gemeinsam mit einem Geschäftspartner hat sie dafür mehrere Hunderttausend Euro investiert und über Kredite finanziert.

Josephin Hammer steht in ihrer Werkstatt vor einem Schmelzofen.
Josephin Hammer steht in ihrer Werkstatt vor einem Schmelzofen. dpa/Pleul

Fünf bis sechs Wochen dauere die Anfertigung eines Schmuckstücks. Das Harz brauche eine längere Zeit zum Aushärten, sagt Hammer. „Zwischendurch stimmen wir uns mit dem Kunden mehrfach ab, denn es soll ja ganz individuell für ihn sein.“ Ab dem nächsten Frühjahr will Hammer an den Wochenenden auch Schmuckkurse anbieten. „Ich arbeite dann gemeinsam mit den Kunden an ihren Erinnerungsstücken.“

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Schmuckstücke müssen offenbar längst nicht mehr nur aus edelsten Materialien bestehen. Im Internet finden sich unzählige Angebote – darunter Schmuck aus Beton, Laminat, zusammengeklebten Buchseiten oder mit Perlen veredelten Fahrradketten. Allein der Online-Marktplatz etsy.com für den Kauf und Verkauf handgemachter Produkte führt Dutzende Hersteller von Schmuckstücken an, in die Haarsträhnen, Tierzähne oder auch Muttermilch eingearbeitet wurden.