Birgit Kegel am Stand von Harzer Blasenwurst.
Volkmar Otto

Die ersten Kunden stehen schon seit 9 Uhr am Morgen vor dem Zelt am Eingang der Ostpro. In der Stunde vor dem Start wächst die Schlange hinter ihnen auf über 100 Meter an, am Zielimbiss vorbei, bis fast zur Straßenbahn. Die Wiederauferstehung der Messe, die in diesem Jahr mit weniger Ständen eher ein Markt ist, fühlt sich nach zwei Jahren Corona-Starre an wie ein großes Wiedersehensfest. Und wie bei einem Klassentreffen auch, sind die Teilnehmer durchweg in den besten Jahren. Viele haben große Taschen dabei oder einen Rollwagen.

Schon in der Straßenbahn zum Traberweg kann sich eine ältere Dame an keine Ostpro erinnern, bei der sie nicht schlendern gegangen wäre. Ostpro im 30. Jahr, das heißt vor allem, dass man mit Altbekanntem rechnet. Keiner hier, der nicht Hersteller und Waren aufzählen könnte, die besonders ans Kundenherz gewachsen sind. Kathi, Rotstern, Strickwaren aus Apolda, aber nicht alle sind in diesem Jahr gekommen. 

Nur knapp die Hälfte der Händler auf der Ostpro

Deutlich weniger Verkäufer haben zugesagt. Zu unsicher die Lage, zu streng die Auflagen, etwa die Hälfte der Anbieter wollte bei dieser Ostpro noch nicht wieder an den Start gehen. Dabei sind der Zeitpunkt und der neue Ort auf der Trabrennbahn Karlshorst gut gewählt. Bei schönstem Sonnenschein sind einige Stände unter freiem Himmel aufgebaut. 

Während die Gäste auf den Einlass beim Sicherheitsmann warten, wo sie Zertifikate über Impfung, Test oder Genesung vorzeigen müssen, drehen auf der Rennbahn ein paar Traber ihre Runden. Pikant: Direkt vor der Tribüne wirbt ein Wagen mit heißer Pferdewurst.

Ostpro-Gäste sind nicht zimperlich

Aber Ostpro-Gäste sind nicht zimperlich, sie nehmen das mit Humor. „Wie zu Ostzeiten“, sagen Ehepaare in Beige, als sie die lange Schlange sehen. Männer mit schelmischen Blicken und grauem Haar wiederholen den Witz, es gebe hier wohl Bananen, Orangen oder andere Südfrüchte.

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Achim ist so ein älterer Herr mit Schalk im Blick. Er begleite nur seine Frau, die auf der Suche nach langlebigen Ost-Produkten sei. Eine DDR-Trockenhaube im Haus halte schon seit 60 Jahren. Das muss man im Westen erstmal nachmachen.

Volkmar Otto
Achim aus Lichtenberg fuhr früher Taxi. Heute ist der 88-Jährige geduldiger Ostpro-Begleiter seiner Frau. 

Als Messe-Chefin Ramona Oteiza die vielen Menschen sieht, die ihre Ostpro besuchen wollen, und beim Einlass ihre Hände mit Desinfektionsspray einnebeln lassen, fällt ihr ein Stein vom Herzen. „Ich freue mich, dass wir nicht vergessen wurden“, sagt sie. Nach zwei Jahren sei es schon schwer einzuschätzen gewesen, wer kommt.

Stammkunden haben Harzer Wurst vermisst 

Aber die Stammkunden wissen ganz genau, was sie vermisst haben: die Würste am Stand von Harzer Blasenwurst etwa. Die Hallenser Fleischer sind seit sechs Jahren dabei und haben sich in der Zeit treue Fans erarbeitet. DDR-Wiener, Leberkäse wie zu DDR-Zeiten und eine Sülzwurst in der Schweineblase gehen weg wie nix. Die Wurst wird in Halle noch nach alten DDR-Rezepten des Opas hergestellt und das schmeckt man, sagen die Kunden. Birgit Kegel reicht ein Paar Knacker nach dem anderen über den Tresen.

Die Schlange am Einlass stimmt auf das Einkaufserlebnis ein. Wegen der geltenden 3-G-Regel muss genau kontrolliert werden, doch es geht zügig voran.
Foto: Volkmar Otto

Auch am Süßigkeitenstand von Rotstern-Schokolade tummeln sich die Menschen. Vorräte für Weihnachten anlegen ist die Devise: Stollen, Oblaten, Brausepulver und Schokoladen werden in die Körbe gestapelt. Wer dann noch Luft hat, nimmt noch einen Eierlikör nach DDR-Rezept mit nach Hause. Die Chef der Eichsfelder Feinkost, Holger Schiller, verrät: Dieser Eierlikör hat den berühmten Schnaps „Kumpeltod“ als Grundlage. Kann nix schief gehen, wenn man den unterm Christbaum zu liegen hat. 

Volkmar Otto
Holger Schiller will seinen Eierlikör an Mann und Frau bringen. 

Auch Niko und Sabine haben eine Flasche von dem Gelben in ihrem Beutel. „Es war nicht alles schlecht im Osten“, sagt der Münchner. Seine Frau aus Lichtenberg hat ihm den Osten längst in Form von Senfeiern und Königsberger Klopsen schmackhaft gemacht. Er brachte ihr dafür das Weißwurstessen bei. Liebe ohne Grenzen geht durch den Magen. „Ich will mal schauen, ob die Brocken-Splitter noch so wie früher schmecken“, sagt Sabine. Das Brausepulver gibt es für die Kinder.

Volkmar Otto
Das Ost-West-Ehepaar Sabine und Niko.

Am Stand von Peter Hentze (79) aus Marzahn decken sich die Menschen mit Haushaltswaren ein. Er  gehört zu den ältesten Ostpro-Händlern. Sein Stand ist ein Publikumsmagnet. Seifenbeutel, Einkaufsnetze, Wäscheklammern, Zwiebelschneider, Handbürsten werden hier für kleines Geld veräußert. Das Geld nimmt Hentze mit einem extralangen Schuhanzieher über die Warenkörbe hinweg in Empfang. Hentze ist 79 Jahre alt und denkt ans Aufhören. „Nächstes Jahr werde ich 80, dann werde meine letzte Ostpro mitmachen“, sagt Hentze.

Gerd Engelsmann
Nach zwei Jahren Corona-Zwangspause gibt es wieder eine Ostpro. Mit dabei Peter Hentze. 

Zum ersten Mal dabei sind die Zwiebelzopf-Binder aus der Nähe von Weimar. Bei Bea hängen die praktischen und schönen Zwiebelzöpfe schon länger in der Küche.  „Ich kenne die Weimarer Zöpfe von früher, da gab es sie immer auf dem Markt am Alexanderplatz zu kaufen“, sagt sie. Die über 300 Jahre alte Tradition, die schon Goethe begeisterte, bleibt auf der Ostpro lebendig. Die Zwiebeln im Zopf, spezielle Lagersorten wie Braunschweiger Dunkelbunte und Stuttgarter Riesen, halten ein halbes Jahr. Und dann gibt es ja, wenn alles gut geht, schon wieder die nächste Ostpro. 

Volkmar Otto 
Bei Bea hängt ein Zwiebelzopf in der Küche. 

Zu Ostern 2022  soll es wieder eine Ostpro geben. „Eine Option für die Trabrennbahn gibt es schon“, sagt Chefin Ramona Oteiza. 

Die Ostpro auf der Trabrennbahn Karlshorst findet vom 29.–31. Oktober statt, jeweils von 10–17 Uhr. Eingang: Treskowallee 159, Tramhaltestelle Traberweg. Der Eintritt kostet 1 Euro, für Kinder bis zu zehn Jahren ist der Eintritt frei.