Berlin, Ende 1945. Ein Trümmerfeld ist die Oranienburger Straße. Im Vordergrund liegt ein toter Offizier der Waffen-SS, an seiner Brust prangt das Eiserne Kreuz. Die sowjetischen Einheiten stehen kurz vor dem Sieg. Foto: dpa picture alliance / ZB / Berliner Verlag

Gras und Moos, Efeu und Schattengrün bedecken den Boden. Da stehen Grabsteine, dort liegen Grabplatten, da Einzel-, dort Sammelgräber. Unter einem von seinem Sockel gebrochenen Stein ruht Max, Ehemann, Vater, Sohn und Bruder, gestorben Ende April 1945, im Alter von 38 Jahren. Eine der von Wind und Wetter grün verfärbten roten Granitplatten erinnert an Joachim und Siegfried, vermutlich Brüder, die auch in jenem April starben, sie wurden 15 und 12 Jahre alt.

Es sind drei von über 300 Männern, Frauen und Kindern, die auf dem Gedenkfriedhof an der Wilsnacker Straße in Moabit ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Auch Namenlose sind hier beigesetzt: Auf einer Granitplatte steht „Drei Männer blieben unbekannt“, auf einer anderen „Eine Frau und zwanzig Männer blieben unbekannt“. Alle starben 1945 in dieser Gegend – beim Beschaffen von Lebensnotwendigem, im Luftschutzkeller, bei Kampfhandlungen, durch Selbstmord oder Genickschuss.

Ein schlichter Grabstein steht im nordöstlichen Teil des Friedhofs: ein Name, ein Geburts- und ein Todestag. Albrecht Haushofer ruht hier. Der Geograph, Publizist, Schriftsteller und Widerstandskämpfer starb 42-jährig; er wurde ermordet, wenige Tage bevor der Zweite Weltkrieg für Berlin endete.

Die Schlacht um Berlin 1945.

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Berlin, 21. April 1945. In der Nacht sind sowjetische Truppen bei Cottbus durchgebrochen, jetzt kann sie auf dem Weg zur Reichshauptstadt nichts mehr aufhalten. Adolf Hitler hat die Ursache für den Zusammenbruch der deutschen Ostfront längst ausgemacht. Einem Generalstabsoffizier klagt er: „Die ganzen Misserfolge im Osten sind nur auf Verrat zurückzuführen.“

Gegen halb zehn Uhr morgens wird Hitler aus dem Schlaf geholt. Schwere Artillerie beschießt das Stadtzentrum. „Sind die Russen schon so nah?“, fragt er ungläubig. Nach telefonischer Auskunft des Stabschefs der Luftwaffe befindet sich die sowjetische Batterie vor Marzahn, zwölf Kilometer nah.

Ungefähr zweieinhalb Millionen Menschen leben im April 1945 in der Reichshauptstadt; fast 4,4 Millionen waren es im Dezember 1944. Die früheren Einwohner sind an der Front, in Gefangenschaft, auf der Flucht oder tot.

Berlin hat sich nach Wochen planlosen Hin und Hers notdürftig auf eine Schlacht vorbereitet: Panzergräben sind ausgehoben, Zufahrtsstraßen verbarrikadiert, Kampfstände eingerichtet. In die Stadt strömen Flüchtlinge. Lebensmittel sind knapp geworden, die Versorgung mit Wasser und Strom ist teilweise unterbrochen.

Durchhalteparolen sollen die Moral der Berliner stärken. „Der Panzerbär. Kampfblatt für die Verteidiger Groß-Berlins“ erscheint vom 22. bis zum 29. April. Foto: dpa picture alliance / akg-images

Die Verteidiger der Stadt stehen vor einem aussichtslosen Kampf: knapp 45.000 Soldaten, darunter Reste von SS-Verbänden aus europäischen Ländern, und fast ebenso viele Angehörige des „Volkssturms“, bestehend aus etwa 42.000 Männern und 3500 Hitlerjungen.

Der Glaube der Bevölkerung an den Endsieg durch Entsatzarmeen und Wunderwaffen ist in sich zusammengefallen. Aus dessen Trümmern wächst die Angst: vor den Granaten aus heiterem Himmel und den „Russen“ als Plünderer und Vergewaltiger.

Die ersten sowjetischen Truppen überqueren am 21. April die Stadtgrenze Berlins –  bei Marzahn und Hohenschönhausen; sie stoßen vor nach Weißensee und Lichtenberg. Josef W. Stalin will die Stadt zum 1. Mai, dem Internationalen Kampftag der Arbeiterklasse, erobert wissen.

Marta Mierendorff und ihre Mutter sitzen am 21. April in ihrem Hauskeller an der Gernotstraße in Lichtenberg. „Die gefürchtete und lang erwartete Stunde ist gekommen“, schreibt die Verkäuferin und Stenotypistin in ihr Tagebuch; sie ist seit Februar wieder in Berlin, wo sie 1911 geboren wurde. „Wann werden wir die ersten Russen sehen? Wie werden sie mit der Bevölkerung verfahren?“

Aber wenn Sie, meine Herren, glauben, daß ich Berlin verlasse, irren Sie sich gewaltig! Eher jage ich mir eine Kugel in den Kopf!

Adolf Hitler

Im „Führerbunker“ stellen Hitler und seinen Getreuesten einen zwanghaften Optimismus zur Schau. Es sei nur eine Frage von Tagen, versichert Propagandaminister Joseph Goebbels, dann kippe die „perverse Koalition zwischen Plutokratie und Bolschewismus“.

Zeit verschaffen soll die am 10. April neu aufgestellte 12. Armee unter General Walther Wenck, ein aus vielen jungen Soldaten bestehender, schwach bewaffneter Entsatzverband, und eine begrenzt, wenn überhaupt einsatzfähige Armeegruppe unter Felix Steiner, Generalleutnant der Waffen-SS. Hitler hat Steiner in der Nacht zum 21. April befohlen, Berlin von Norden her zu befreien; er hafte mit seinem Kopf dafür.

Am Nachmittag des 22. April – sowjetische Truppen sind auch von Süden her in Berlin eingedrungen – gibt es im Bunker eine Lagebesprechung. Fünf Stunden währt sie. Höhepunkt ist ein Tobsuchtsanfall Hitlers, ausgelöst durch das Eingeständnis von General Hans Krebs, Chef des Generalstabs des Heeres, dass der Angriff der Gruppe Steiner nicht stattgefunden habe.

Schreiend, taumelnd, greinend erhebt Hitler Generalanklage gegen alle und jeden. Unter diesen Umständen könne er nicht länger führen, sei der Krieg verloren. „Aber wenn Sie, meine Herren, glauben, daß ich Berlin verlasse, irren Sie sich gewaltig! Eher jage ich mir eine Kugel in den Kopf!“

Russische Schlachtflugzeuge des Typs Iljuschin Il-II fliegen am 29. April 1945 einen Angriff auf Berlin. Foto: dpa picture alliance / akg images

Stunden später erhält General Wenck, dessen 12. Armee sechzig Kilometer östlich von Magdeburg liegt, den Befehl: „Befreien Sie Berlin!“ Letztlich wird Wenck versuchen, so nah wie möglich an die Reste der vor wenigen Tagen bei den Seelower Höhen geschlagenen 9. Armee heranzukommen, um einen Fluchtweg nach Westen zu schaffen.

An die Berliner Bevölkerung ergeht auch ein Befehl, erlassen von Hitler: „Merkt Euch, jeder, der die Maßnahmen, die unsere Widerstandskraft schwächen, propagiert oder gar billigt, ist ein Verräter! Er ist augenblicklich zu erschießen oder zu erhängen!“

Zu den ersten Opfern gehören zwei junge Soldaten. Weil sie ihr „Sturmgeschütz nicht in dem Zustand gehalten“ hatten, „wie es der Führer befahl“, werden sie am Gitter der Buchhandlung unter dem Stadtbahnbogen Friedrichstraße erhängt.

In der Nacht zum 23. April holen SS-Männer mehrere Gefangene aus dem Zellengefängnis Lehrter Straße, unter ihnen die Widerstandskämpfer Klaus Bonhoeffer, Rüdiger Schleicher und Albrecht Haushofer. Die SS führt sie auf das zerbombte Gelände des „Universum Landes-Ausstellungs-Parks“ (ULAP) an der Invalidenstraße. Dort schießt sie ihnen ins Genick.

„Die Stadt wird bis zum letzten verteidigt!“, befiehlt Goebbels am 23. April, einen Tag nachdem er mit seiner Familie in den „Führerbunker“ gezogen ist. Es gibt immer weniger zu verteidigen. Sowjetische Truppen erobern Frohnau und den größten Teil von Pankow, dazu Köpenick, sie sind auch nach Reinickendorf vorgestoßen.

Drei Rotarmisten stehen vor der Kellertür

Hans-Joachim Loll, sieben Jahre alt, sitzt seit Tagen in einem Keller an der Genfer Straße in Reinickendorf, zusammen mit seinem Vater, der im Ersten Weltkrieg ein Bein verloren hat, und seiner Mutter, die als Hauswartsfrau tätig ist, sowie fünf weiteren Familien.

Plötzlich hämmert jemand gegen die Kellertür. Lähmendes Entsetzen: Was tun? Da rafft sich Frau Loll, die Hauswartsfrau, auf: Ich gehe jetzt aufmachen. Lautstarker Protest: Um Gottes willen! Schon geht sie die Kellertreppe hoch: Die kommen hier sowieso rein.

„Ein großer Russe und zwei ,Mongolen‘, na ja, asiatisch aussehende Männer, standen vor ihr“, erinnert sich Hans-Joachim Loll, heute 82 Jahre alt. „Er sprach meine Mutter an: Mütterchen, du ganz alleine, du keine Angst?“

Als hätte er ihn erst gestern gesehen, so beschreibt Loll ihn: „Der Große, ich fand ihn riesengroß, trug eine schwarze Lederjacke und eine schwarze Ledermütze mit einem roten Stern, er war Politoffizier. Am Hals hatte er einen Verband, der war auf der rechten Seite“, er fasst sich an seinen Hals, „durchgeblutet.“

Die sowjetischen Soldaten verlangen Wasser. Aus den Leitungen im Haus kommt aber schon seit Tagen kein Tropfen mehr. Frau Loll weist den Männern den Weg zu einer Wasserpumpe an der Emmentaler Straße, sie gibt ihnen einen Eimer mit und sagt, sie wolle ihn zurückhaben.

Der große Russe kommt zurück, er kommt, wie sich herausstellt, aus Leningrad, ist Arzt und nennt sich Waldemar.

Ein sowjetisches Geschütz feuert in eine Berliner Straße hinein. Der deutsche Widerstand ist bei SS-Männern und Hitlerjungen besonders hartnäckig. Foto: imago images / ITAR-TASS

Dem „Führer“ wollen nicht mehr alle folgen, allen voran Hermann Göring, der zweite Mann im Reich. Göring bittet Hitler am 23. April in zwei Telegrammen, die Gesamtführung des Reiches zu übernehmen; der „Führer“ sei ja wohl nicht mehr handlungsfähig. Einen Tag später entlässt Hitler ihn aus allen Staats- und Parteifunktionen und setzt ihn auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden unter Hausarrest.

In der Nacht zum 24. April trifft sich Heinrich Himmler, Reichsführer SS, in Lübeck mit Graf Folke Bernadotte, dem Vizepräsidenten des Schwedischen Roten Kreuzes. Himmler bittet um Kontakt zu General Dwight D. Eisenhower, dem Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Nordwesteuropa, um ihm eine einseitige Kapitulation gegenüber den Westmächten anzubieten.

Die Kampfkommandanten von Berlin haben inzwischen zweimal gewechselt. Generalleutnant Hellmuth Reymann ist Oberst Ernst Kaether und der – bereits nach einem Tag – General Helmuth Weidling gewichen. Am 24. April tritt Weidling seinen Posten an. Er ist sich der Aussichtslosigkeit seiner Aufgabe bewusst. Als ihm General Krebs mitteilte, er solle die Verteidigung der Stadt übernehmen, sagte er: „Es wäre besser, wenn Sie befohlen hätten, mich zu erschießen ...“

Einen Tag später vereinigen sich die sowjetischen Truppen bei Ketzin, sie schließen ihren Ring um Berlin. Und: Sowjetische und amerikanische Soldaten treffen sich an der Elbe bei Torgau.

Sowjetische Einheiten befinden sich unterdessen in Zehlendorf, Neukölln und Tempelhof.

Uhren für die Sieger, Zucker für die Kinder

Eva-Maria Großmann hat am 25. April Geburtstag, sie wird neun Jahre alt. An den Tag selbst hat sie kaum eine Erinnerung. Die meiste Zeit in jenen Apriltagen verbringt sie mit ihrer Familie – ihrem Vater, einem Postbeamten, ihrer Mutter, ihrer 17-jährigen Schwester und ihrem siebenjährigen Bruder – sowie drei Ehepaaren im Keller ihres Wohnhauses im Gäßnerweg in Tempelhof.

Es ist ihre dritte Bleibe innerhalb weniger Wochen: Die Dienstwohnung im Fernsprechamt an der Feilnerstraße in Kreuzberg ist seit Mitte März ausgebombt, eine Wohnung im Postamt Bergmannstraße im selben Bezirk haben sie nach ein paar Wochen verlassen – die Familie mit Kindern war evakuiert worden und würde wohl wiederkommen.

Kurz nach ihrem Geburtstag heißt es: Die Russen sind da, alle raus aus dem Keller!

„Die ersten Russen, die wir sahen, wollten vor allem ,Uri, Uri!‘ – Uhren; einige hatten schon welche vom Handgelenk bis in die Ellenbeuge“, erzählt Eva-Maria Korte, wie sie seit ihrer Heirat heißt. „Mein Vater und meine Schwester gaben bereitwillig ihre Uhren“, erzählt die 83-Jährige. „Mehr passierte erstmal nicht.“ Sie mutmaßt: „Wir Kinder waren wohl auch ein Schutz für die Erwachsenen, die Russen waren kinderlieb.“

Zwei Häuser weiter gibt es wenig später eine sowjetische Kommandantur. Auch das bedeutet Schutz – und für die Kinder, wie sich Eva-Maria Korte erinnert, „gelegentlich Zuckerbrot“.

Zwei sowjetische Soldaten machen in einer Berliner Straße Meldung. Im Hintergrund steht ein Haus in Flammen. Eine gestellte Szene? Foto: imago images / ITAR-TASS

„Die Russen“ – die panische Angst vor ihnen war nicht unberechtigt, die ihnen vorauseilenden Schreckensmeldungen über Plünderungen und Vergewaltigungen, Totschlägen und Totschießen waren nicht unbegründet.

Die Ursache für „nicht zu leugnende brutale Übergriffe in den letzten Wochen des Krieges und sogar unmittelbar danach (...) waren die Folge des langen barbarischen Krieges“, schreibt Stefan Doernberg in seinen Erinnerungen. „Sie sind damit erklärbar, aber nicht entschuldbar.“ Doernberg emigrierte 1935 mit seinen Eltern in die Sowjetunion und kämpfte 1945 als Leutnant der 8. Gardearmee für die Befreiung seiner Geburtsstadt Berlin.

Um den 25. April herum wird Doernberg von Köpenick nach Johannisthal verlegt. Ein dreistöckiges Haus am Segelfliegerdamm ist das neue Quartier. In einer Wohnung, in der Stube, sitzt noch die Familie – tot. Der Mann hat vermutlich erst seine beiden Kinder, dann seine Frau und schließlich sich selbst erschossen.

In seinen Erinnerungen schreibt Doernberg: „Viele Tote habe ich in den vier Kriegsjahren gesehen. Mir völlig fremde wie auch nahe, Gefallene, Ermordete, Gehängte, Vergaste. Doch hat sich mir dieser Anblick der toten Familie in Berlin ganz besonders tief eingeprägt. Begründen kann ich es nicht.“

Stalin hatte vor der Schlacht um Berlin angewiesen, „eine humanere Haltung“ anzunehmen und keine Übergriffe zuzulassen, um „den Widerstand der Deutschen bei den Verteidigungskämpfen zu vermindern“. Es lag letztlich im Ermessen der Kommandanten, wie sie Übergriffe handhabten.

Die Nachhut war nicht so nett. Einer wollte meiner Mutter an die Wäsche.

Ein Zeitzeuge

Oft freunden sich Kinder mit Soldaten an. Auch der siebenjährige Hans-Joachim und seine beiden Spielkameraden, gleich am ersten Tag: „Die Russen saßen mit meinem Vater in der Wohnstube, aßen Brot und Speck, den sie dabei hatten, und rauchten Machorka“, erinnert sich der 82-Jährige. „Immer wenn wir kamen, griff einer in seine Hosentasche und holte Bonbons für uns hervor.“

Ein paar Häuser weiter richtet der Offizier, der sich Waldemar nennt, eine Kommandantur ein. Weitere sowjetische Soldaten kommen. „Die Nachhut, die war nicht so nett“, sagt Hans-Joachim Loll. „Und einer wollte meiner Mutter an die Wäsche.“

Geistesgegenwärtig laufen die Kinder zur Kommandantur. „Waldemar kam und hat den Russen abschleppen lassen“, berichtet Loll. „Ich bin hinterhergeschlichen, ich wollte wissen, was mit dem passiert. Waldemar zog seinen Revolver und schoss ihm ins Genick.“ Er schluckt und holt tief Luft.

Erbitterte Kämpfe toben um den Reichstag. Der Sturm auf das Gebäude beginnt in den frühen Morgenstunden des 30. April 1945, die Kämpfe enden erst zwei Tage später. Foto: imago images / ITAR-TASS

Eine Woche schon tobt die Schlacht um Berlin, da brechen sowjetische Einheiten in die Innenstadt durch. Es ist der 27. April. Der Kampf um das Stadtzentrum beginnt.

„Das Schicksal Berlins ist besiegelt“, verkündet ein sowjetisches Flugblatt. Überall sollten Berliner die weiße Fahne hissen und ruhig die Frontlinie passieren. Das ist noch immer lebensgefährlich. Wer wagt, eine weiße Fahne aus einem Fenster zu hängen, muss damit rechnen, erschossen oder erhängt zu werden.

Auch das Schicksal Hitlers ist besiegelt. Längst ist er ein Schatten seiner selbst. Das Dasein im „Führerbunker“ – die Enge, das Dämmerlicht, der Gestank aus Diesel, Schweiß und Urin, die Hiobsbotschaften und seine Ohnmacht – hat ihn gezeichnet. „Tief gebeugt, mit merkwürdig schlingernden Bewegungen und wie Halt suchend bewegte er sich dicht an den Bunkerwänden entlang“, schreibt Hitler-Biograf Joachim Fest. „Seine bis dahin immer peinlich korrekte Kleidung war mit Essensflecken bedeckt, an den Mundwinkeln hingen Kuchenkrümel, und sooft er beim Lagevortrag seine Brille in die Hand nahm, schlug sie leise klirrend gegen die Tischplatte.“

Hitler will Himmler verhaften lassen

Im Verlauf des 28. April – die Kämpfe im Berliner Stadtzentrum halten mit unverminderter Erbitterung an – überschlagen sich die Ereignisse erneut:

Der sowjetische Generaloberst Nikolai E. Bersarin, dessen Truppen als erste die Berliner Stadtgrenze überschritten haben, wird zum Stadtkommandanten ernannt; Offiziere haben inzwischen in mehreren Ortsteilen und Stadtbezirken Bürgermeister eingesetzt.

Benito Mussolini, Hitlers Verbündeter, wird mit seiner Geliebten am Comer See aufgegriffen und erschossen, die Leichen werden in Mailand zur Schau gestellt.

Himmlers Vorstoß, mit den Westmächten über eine Kapitulation verhandeln zu wollen, wird bekannt.

Einen erneuten Tobsuchtsanfall, kurz, aber heftig, ruft die Nachricht über Himmler bei Hitler hervor. Er befiehlt, den Reichsführer SS zu verhaften, und er lässt Hermann Fegelein, Generalleutnant der Waffen-SS (und Schwager von Eva Braun), in dem er einen Verbündeten Himmlers vermutet, in den frühen Morgenstunden des 29. April im Garten der Reichskanzlei erschießen.

Es ist für Hitler Zeit, sich davonzustehlen. In der Nacht zum 29., nachdem er Eva Braun geehelicht hat, verfasst er sein politisches Testament – er bestimmt Reichsmarine-Chef Karl Dönitz zu seinem Nachfolger als Reichspräsidenten und Goebbels zum Reichskanzler – und sein privates Testament.

In letzterem schreibt er: „Ich selbst und meine Gattin wählen, um der Schande des Absetzens oder der Kapitulation zu ergehen, den Tod.“ Es sei „unser Wille“, sofort verbrannt zu werden.

Ein ungleiches Paar: Adolf Hitler und Eva Braun führten vermutlich seit 1932 eine vor der Öffentlichkeit geheim gehaltene Beziehung.  Foto: dpa

Es geht am 30. April auf halb vier Uhr nachmittags zu, da endet im „Führerbunker“ das Leben von Adolf Hitler und Eva Braun. Das Paar sitzt auf dem Sofa von Hitlers Wohn- und Arbeitszimmers: Er hat ein münzgroßes Loch in der rechten Schläfe, sie bläulich verfärbte Lippen – sie hatte Gift genommen.

Während die Leichen von Hitler und Braun im Garten der Reichskanzlei brennen, geht das Sterben in Berlin weiter.

„Der Wahn allein war Herr in diesem Land.
In Leichenfeldern schließt sein stolzer Lauf,
Und Elend, unermeßbar, steigt herauf.“

Diese Verse stehen auf der Gedenktafel am Eingang des Friedhofs an der Wilsnacker Straße, wo Albrecht Haushofer ruht. Sie stammen aus den Moabiter Sonetten, die er während seiner Haft verfasste.

Die Leiche Haushofers wurde erst fast drei Wochen nach seiner Ermordung von seinem Bruder und einer ehemaligen Mitarbeiterin entdeckt, am 12. Mai 1945, zehn Tage nach der bedingungslosen Kapitulation Berlins. In seiner Manteltasche steckten fünf Blätter mit 80 Sonetten.