Draußen spazieren gehen? Wenn es nach der Gesundheitssenatorin geht, sollten ältere Berliner darauf lieber verzichten. Foto: snapshot-photography/R.Price

Die älteren und betagten Menschen sind es, die derzeit verstärkt geschützt werden müssen – weil sie als Risikogruppen besonders gefährdet sind, schwer an Covid-19 zu erkranken. Deshalb fordert Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) Berlins Senioren nun dazu auf, sich in Selbstquarantäne zu begeben – um sich selbst und ihr Leben zu schützen.

Kalayci bittet alle Berlinerinnen und Berliner über 70, sich zu Hause in Selbstquarantäne zu begeben, sagte die Politikerin am Montag im Gesundheitsausschuss im Abgeordnetenhaus. „Abstand ist der sicherste Schutz vor einer Infektion mit dem Coronavirus.“

Sie appellierte zudem an die Solidarität der Berliner, Ältere zu unterstützen: „Freundinnen, Freunde, Angehörige und Nachbarn sind jetzt gefragt, bei der Versorgung zu helfen.“ Sie sollten dabei allerdings streng auf den empfohlenen Abstand von 1,5 Metern achten. „Soziale Kontakte sind auch mit Abstand möglich“, so die Senatorin. Wie viel Überzeugungsarbeit Kalayci dabei noch leisten muss, zeigen die Reaktionen. „Auch ältere Menschen über 70 müssen einkaufen, mit dem Hund Gassi gehen und sich an der frischen Luft bewegen, wenn sie sich dabei an die Regeln halten“, sagte Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VDK, dem KURIER.

Krisenmanagement der Gesundheitssenatorin wird zunehmend kritisch gesehen

Der Sozialverband ist mit zwei Millionen Mitgliedern die größte sozialpolitische Interessenvertretung Deutschlands. „Ausgangssperren für Ältere sind das falsche Mittel. Für uns ist klar: Wir müssen in der Krise denen helfen, die sich nicht selbst helfen können. Reden wir lieber über Nachbarschaftshilfe, zeigen wir uns solidarisch mit den Schwächsten und organisieren wir Hilfe. Es geht nur gemeinsam.“ Dazu passt, wie die Berliner Linken-Chefin Katina Schubert die jüngsten Maßnahmen des rot-rot-grünen Senats einschätzt, wonach die Berliner grundsätzlich das Haus nicht verlassen sollen. „Wir müssen die Balance halten. Man kann auch an Broken Heart erkranken“, sagte Schubert dem Berliner KURIER. Deshalb seien ja die vielen Ausnahmen in der Senatsverordnung so entscheidend. „Es ist zum Beispiel sehr wichtig, dass es möglich bleibt, Menschen in Pflegeheimen zu besuchen.“

Auch das Krisenmanagement von Gesundheitssenatorin Kalayci wird zunehmend kritisch gesehen. So fordert der Präsident der Berliner Ärztekammer, Günther Jonitz, eine bessere Koordinierung. Es sei beispielsweise derzeit unklar, wo genau die 160 Ärztinnen undÄrzte, die bislang ihre Hilfe zur Behandlung von Coronavirus-Patienten angeboten haben, tatsächlich gebraucht werden, kritisierte Jonitz im rbb-Inforadio. „Das Problem ist, dass wir auf der politischen Ebene leider keine Stelle haben, die uns sagen kann, in welchen Häusern, in welchen Einrichtungen welche Ärzte gebraucht werden – und auf welche Bedingungen die da stoßen.“ Hier müsse organisatorisch nachgebessert werden. Trotz seines eigenen Kontakts zur Gesundheitsverwaltung fehle ihm selbst der Überblick. Er wisse momentan nicht einmal, wer die zuständigen Ansprechpartner bei der Senatsverwaltung oder im Krisenstab sind.

Der Senat lenkt unterdessen den Blick auch auf die Obdachlosen. Es sollen mehr Unterkünfte geschaffen werden. „Wir können die Obdachlosen in dieser Situation nicht einfach auf der Straße lassen“, sagte Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke).

Zunächst solle Platz für 350 Menschen bereitstehen. In einem ersten Schritt soll eine Jugendherberge mit 200 Plätzen in der Kluckstraße in Tiergarten hergerichtet werden. Als zweiter Standort ist die Kältehilfeeinrichtung in der Storkower Straße in Pankow mit bis zu 150 Plätzen geplant. Bei Bedarf werde es weitereUnterkünfte geben. (mit dpa)