Monika Krannig liest ein altes Buch von 1968 – „Die Mutter“ von Maxim Gorki. Foto: Volkmar Otto

Wer Monika Grannigs Wohnung im Bötzowkiez in Prenzlauer Berg betritt, hat das Gefühl, als sei die Zeit stehen geblieben. Ihre komplettes Mobiliar ist aus DDR-Zeiten. Denn Monika Krannig (75) hat seit ihrem Einzug vor 50 Jahren kaum etwas in ihrer Wohnung verändert.

Alte Schrankwände, Polstermöbel, Lampen, die Bücher im Regal und sogar die Übergardinen und Küchenutensilien befinden sich noch am gleichen Platz wie früher. Monika Krannig hat sich seit 1970 nie wieder neu eingerichtet. „Meine Wohnung ist ein Museum“, sagt Monika Krannig und holt einen alten Mixer in Weiß-Orange aus dem Schrank. „Schauen Sie mal, der hier ist von AKA Electric und funktioniert auch heute noch“, sagt sie entzückt. 

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Monika Krannig ist am 1. September 1970 in die Zweiraumwohnung (84 Quadratmeter) im ersten Stock des Vorderhauses eingezogen und zeigt stolz ihren alten Mietvertrag, den sie noch mit „Großmutter Elle“, der Eigentümerfamilie des Mietshauses, abgeschlossen hat. „30 Ostmark warm haben wir früher gezahlt. Heute sind es 820 Euro warm“, sagt sie. Mit wir meint sie ihren Kalle. Er verstarb vor zweieinhalb Jahren ganz plötzlich an einem Schlaganfall und seitdem fehlt in ihrer Wohnung das Wichtigste. Mit ihm hat sie 63 Jahre Seite an Seite gelebt. „Wir haben uns in einer Nacht-Bar am Märchenbrunnen kennengelernt. Er stammte aus der gleichen Nachbarschaft wie ich“, erinnert sie sich. Er habe ihr auf Anhieb gefallen. Bereits ein paar Monate später hätten sie den Mietvertrag für diese Wohnung unterschrieben. Monika arbeitete damals als Krankenschwester in der Psychiatrie in Herzberge, Kalle im Strafvollzug in Rummelsburg. 

Der Tod ihres Mannes war eine der wenigen schmerzhaften Veränderungen. Sonst ist in ihrer Wohnung seit mehr als fünf Jahrzehnten alles beim Alten geblieben. Aber warum? „Ich bin sehr sparsam und sehe es nicht ein, mich für viel Geld neu einzurichten“, sagt Monika Krannig und fügt hinzu: „Wissen Sie, jetzt lohnt es ohnehin nicht mehr. Irgendwann landet alles im Müll und ich im Altenheim.“ Das klingt pragmatisch, aber es passt zu der auffallend herzlichen, zierlichen Frau, die bis vor kurzem noch täglich ihren Kaffee mit den alten Filtern von früher aufgebrüht hat. Doch seit kurzem steht sogar eine schwarze Filtermaschine in ihrer Küche und die Handfilter kämen nur noch selten zum Einsatz.

Zu fast jedem Gegenstand in ihren vier Wänden weiß Monika Krannig eine kleine Anekdote zu erzählen. „Warte, kiek ma“, berlinert sie und kramt eine Taschenlampe hervor. Sie habe ihr mal großen Ärger bei der Arbeit beschert, weil sie ihr ein Patient, den sie in der Psychiatrie betreut habe, besorgt habe. „Der durfte überhaupt gar keinen Ausgang haben“, verrät sie. Eine große Bedeutung hat für die Rentnerin die Schrankwand in ihrem Wohnzimmer aus Zeulenroda, der Kleinstadt in Thüringen, in der damals zu DDR-Zeiten fast alle Möbel hergestellt wurden. „Mein Mann und ich waren uns damals in dem Möbelgeschäft nicht einig, welche Schrankwand wir nehmen sollen und dann hat uns die Verkäuferin einfach diese hier aufgeschwatzt“, sagt sie und lacht. 

Monika Krannig hat in den 50 Jahren viele glückliche Tage in der Wohnung erlebt, wie sie sagt und möchte von hier nie mehr wegziehen. Einige Nachbarn seien wie sie, bis heute ihrem Kiez treu geblieben. Mit ihnen trifft sie sich gern in ihrer Stammkneipe um die Ecke. Doch niemand von ihnen kann die große Lücke für Kalle in ihrem Herzen ersetzen. Mit ihrem Trabant 601 hätten sie am Wochenende oft einen Tagesausflug nach Wernigerode in den Harz gemacht. „Der Kaffee schmeckte dort so hervorragend und kam noch aus alten Kupferkesseln“, schwärmt sie.

Da sie keine Garage hatten, hätten sie oft nach einem Parkplatz in der Siedlung suchen müssen. Deshalb habe ihr Mann zur Sicherheit einen Lageplan selbst gebastelt. Immer wenn sie nach Hause gekommen seien, hätten sie die Stelle mit einer Stecknadel versehen, an der sie ihr Auto abgestellt hätten. Noch heute hängt der Plan im Flur. Nur der Trabi ist längst verkauft. 

Den Mixer aus dem Osten verwendet Monika Krannig noch heute, wenn sie einen Rührteig zubereitet. Foto: Volkmar Otto
Diese Taschenlampe bekam Monika Krannig mal von einem Patienten geschenkt.
Foto:  Volkmar Otto
Der Alte Fritz: Ein Geburtstagsgeschenk ihres Mannes Kalle.
Foto:  Volkmar Otto
Monika Krannig in ihrer Wohnung: Im Hintergrund die Schrankwand, rechts ein Schrank aus Zeulenroda. Sie kann sich in der immer noch glatten Holzoberfläche spiegeln.
Foto:  Volkmar Otto

„Der Alte Fritz“ steht auch noch in ihrer Schrankwand. Nur ein wenig eingestaubt sei er in inzwischen. „Die Büste hat mir mein Mann mal zum Geburtstag geschenkt“, erinnert sich Monika Krannig. Sowie das alte Radio vom Typ Transmira 6120. Die Rentnerin fährt mit dem Zeigefinger über das Holz. „Ganz schön viel Staub“, sagt sie. Als sie es in die Hand nimmt und einschaltet, funktioniert es noch. Das überrascht selbst seine Besitzerin. Allerdings ertönt jetzt, 55 Jahre später, die Stimme des 94,3 rs2-Moderators Rick de Lisle aus den Boxen. „Das wäre wirklich zu schade, wenn man das wegwerfen würde. Es erfüllt doch noch seinen Zweck“, findet Monika Krannig und stellt es zurück in die Schrankwand. Ihre Wohnung ist 30 Jahre nach der Wiedervereinigung zweifelsohne ein Museum. 

Monika Krannig schaltet das alte DDR-Radio ein und siehe da: es funktioniert noch.  Foto: Volkmar Otto