Mit einer Unterkunft im Schäferwagen lockt das Oderbruch-Dörfchen Kienitz. dpa/Stache

Der Erlenhof lockt mit „Schäferstündchen im Schäferwagen“. Wer selbst herausfinden will, was so ein Schäferstündchen ausmacht, muss Enge lieben und bereit sein, auf Annehmlichkeiten zu verzichten. Kuschlig und kuschelweich wird wohl, aber viel Platz ist in den sechs Schäferwagen in Kienitz nicht. Genau das richtige Feriendomizil für alle, die Urlaub in der Natur ohne 5-Sterne-Luxus bevorzugen.

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Die Berlinerin Claudia Kleiner steht mit ihrem Sohn an der Schafkoppel auf dem Erlenhof im Oderbruch-Örtchen Kienitz (Märkisch-Oderland). 14 cremefarbene und schwarze Lämmchen springen herum oder säugen bei den zwölf Muttertieren der Skuddenschaf-Herde. „Lotta ist ziemlich mutig, Luisa eher verfressen“, erklärt Erlenhof-Betreiberin Barbara Brunat ihren Gästen und weist auf zwei Schafe, die zutraulich an den Zaun kommen und die Besucher sanft anstupsen.

Ein Blick ins kuschlige Innere des Schäferwagens dpa/Stache

„Ich bin so dankbar, diesen idyllischen Ort für mich und meine beiden Kinder gefunden zu haben“, sagt Kleiner, während sie zu ihrem Liegestuhl auf dem Hof zurückkehrt. Der steht direkt vor einem hölzernen Schäferwagen auf Rädern. „Mit Sohn und Tochter passe ich da gerade so hinein“, meint die alleinerziehende Mutter schmunzelnd.

Zum Schäferstündchen gibt es weder Radio noch Fernseher, kein fließendes Wasser

An die spartanische Ausstattung habe sie sich erst einmal gewöhnen müssen: Es gibt weder Radio noch Fernseher, kein fließendes Wasser. Zum Duschen oder Zähneputzen müssen Gäste quer über den Hof zum Haupthaus. „Das ist Absicht: Meine Gäste sollen herausfinden, was für sie nötig ist, um zufrieden zu sein“, sagt Brunat. Statt von Autolärm werden sie von den Schafen geweckt, blicken beim Aufwachen am Morgen ins Grüne und frühstücken selbst gebackenen Kuchen der Gastgeberin.

Die Berliner Urlauberin Claudia Kleiner hängt auf dem „Erlenhof“ neben ihrem Schäferwagen „Schäfchenglück“ Wäsche auf. dpa/Stache

2007 war die ehemalige Kinderkrankenschwester mit Mann und Eltern aus der Großstadt Berlin nach Kienitz gezogen, begeistert von der Ursprünglichkeit des Oderbruchs. Zwei zum Hof gehörende Hektar Land brauchten tierische Rasenmäher und so kamen die Skudden zu Brunats, die inzwischen auch Schafpatenschaften vermitteln.

Die Behausungen nutzten einst Wanderschäfer

Auf dem Land hat die Hausherrin das Spinnen und Stricken sowie das Marmelademachen perfektioniert, verkauft die Produkte zusammen mit anderen „nützlichen Sachen“ aus der Region im hofeigenen Lädchen. Im Internet entdeckte sie 2009 ihren ersten originalgetreu nachgebauten Schäferwagen – eine hölzerne, enge Behausung auf Rädern, wie sie einst Wanderschäfer nutzten. „Vor allem Radwanderer hatten uns mehrfach nach einfachen Übernachtungsmöglichkeiten gefragt“, erinnert sie sich.

Claudia Kleiner (l.) streichelt ein wenige Tage altes Lamm, das Barbara Brunat, Betreiberin des Erlenhofs, hält. dpa/Stache

Im Herbst vergangenen Jahres sei sie schon einmal auf dem Erlenhof gewesen, erzählt Berlinerin Kleiner. Sie habe damals ein preisgünstiges Bauerndomizil gesucht und die Brunatsche Land-Idylle gefunden, mit viel Liebe gestaltet, wie sie betont: Sechs Schäferwagen unterschiedlicher Größe und Ausstattung stehen auf dem weitläufigen Gelände, dazu ein Blockhaus, eine Grillhütte und mehrere hölzerne Sitzecken. „Und unsere Gastgeber sind genau richtig – freundlich und familiär, aber diskret und zurückhaltend“, sagt sie.

Im Gurkenfass oder im aufblasbaren Bubble-Haus: In Brandenburg gibt es viele ungewöhnliche Unterkünfte

Eine Ansicht, die offenbar auch andere Gäste des Erlenhofs teilen. Bereits zum sechsten Mal ist er Anfang dieses Jahres vom Vermittlungsportal LandReise.de für Bauernhof- und Landurlaub als Top-Ferienhof ausgezeichnet worden. Ellen Russig, Geschäftsführerin des Tourismusverbandes Seenland Oder-Spree, wundert das nicht. „Der Erlenhof ist authentisch für das Landleben – es dreht sich alles ums Schaf“, sagt sie.

Beliebt machten ihn aber vor allem die unaufgeregten Gastgeber, betont sie. Das Siegel „Top Ferienhof“ richte sich nach den Bewertungen der Gäste auf dem Portal, erläutert Birgit Kunkel, Sprecherin der TMB Tourismus Marketing Brandenburg GmbH. „Der Erlenhof ermöglicht sehr naturnahen Urlaub, der sich ganz wunderbar mit der Landschaft des Oderbruchs verbindet“, so Kunkel.

Zum Wagen gehören ein Sonnenschirm, Tisch und Stühle davor. dpa/Stache

Bei ungewöhnlichen Übernachtungsmöglichkeiten ist die Auswahl in Brandenburg laut TMB groß. Diverse Heu- oder auch Baumhaushotels, indianische Tipis, eine mongolische Jurte oder das Iglucamp Templin versprechen besondere Schlaferlebnisse. Übernachten unterm Sternenhimmel können Gäste im aufblasbaren Bubble-Haus aus recycelter Laster-Plane auf dem Alpacosi-Hof in Zehdenick. In Lychen können es sich Gäste in einem umgebauten Zirkuswagen gemütlich machen. Ein originelles, aber eher enges Quartier sind – ebenso wie die Oderbruch-Schäferwagen – Gurkenfässer im kleinsten Spreewaldhotel in Lübbenau.

Unter dem Motto „Schäferstündchen im Schäferwagen“ kehren sowohl Paare als auch Familien auf dem Erlenhof ein, viele von ihnen als „Wiederholungstäter“ und „ganz besondere Menschen“, schwärmt Brunat, die im Sinne der Nachhaltigkeit Pflanzenklär- sowie Photovoltaikanlage installiert hat. „Meine Gäste beschränken sich auf das Wesentliche, um zu entspannen und zu sich selbst zu finden.“

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Vermietet werden die Schäferwagen von April bis Oktober. „Sie sind zwar mit Schafwolle gedämmt, aber im Winter wird es zu kalt, auch wenn man noch so eng zusammenrückt“, sagt die 68-jährige Hausherrin. So lange es ihr noch Spaß mache, sei sie gern Gastgeberin auf dem Erlenhof. Bereut hat sie den Umzug aus der Großstadt ins Oderbruch nie. „Im Gegenteil: Wir hätten es noch früher tun sollen.“