Azusa Kitamichi sitzt an ihrem Webstuhl. Foto: privat

Die Corona-Seuche hat die Welt gepackt. Kurier-Reporter fragten Freunde im nahen und fernen Ausland, wie sie die  Lage wahrnehmen.

Die Kirschblüten geben Energie

Die Künstlerin Azusa Kitamichi (34) lebt und arbeitet im japanischen Kobe.

„Am Donnerstag fuhr ich nach Nishimotomachi, das immer weniger bevölkert ist, aber in der Nähe des  Einkaufsviertels  Kobes liegt. Ich wollte Salsa-Schuhe kaufen. Es war ein etwas kühler und windiger Tag. Ich bedauerte, dass ich mich nicht warm genug angezogen hatte. Ich hatte das Gefühl, ich müsse vorsichtiger sein, damit ich mich  wegen des Virus nicht erkälte. Um ehrlich zu sein, ist es mir nicht so wichtig, aber ich tue es ein bisschen, weil ich bei meinen Eltern wohne und sie sich jedes Mal Sorgen machen, wenn ich ausgehe.  Anschließend ging ich zu meinem Freund Steven. Er lebt am Shukugawa-Fluss, der für eine Reihe von Kirschbäumen berühmt ist. Sie stehen in voller Blüte.

Azusa sammelt Kraft unter den Kirschbäumen am Shukugawa-Fluss. Foto: privat

Steven sah nicht gut aus, und als wir den Fluss entlangspazierten, verstand ich, warum. Er machte sich Sorgen wegen des Virus. Er war traurig, dass einige Leute bereits gestorben sind, viele Menschen mit Bezug zur Musik ihren Job verloren haben und er seine Freunde und einige seiner Geschäftsmöglichkeiten verlieren könnte. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Also erzählte ich meine Geschichte. Ich sagte ihm, dass ich es leid bin, von den Medien über das Coronavirus zu hören.  Ich habe Steven gesagt, dass ich nicht von seiner Angst aufgefressen werden möchte und deshalb ginge ich hinaus, um die Natur zu riechen und zu fühlen.   Wir gingen zum Supermarkt und begannen, das Essen bei ihm zu Hause zuzubereiten. Ich machte Guacamole und Salsa. Er bereitete die Quesadilla zu. Es war ein großartiges Abendessen. Als ich mich von ihm verabschiedete, sah er viel besser aus. Ich fühlte mich auch viel besser als vorher. Die Kirschblüten gaben uns mit Sicherheit viel gute Energie. Über unsere Regierung habe ich nicht viel zu sagen, sie tut, was sie kann. Ich habe das Gefühl, dass sie nicht wissen, womit sie es zu tun haben. Sie haben Simulationen für Erdbeben, nicht für Viren.“

Doppelte Quarantäne

Colin Greenstreet (62)  wohnt in London.

Er war Forschungs- und Entwicklungsmanager beim Pharmakonzern GlaxoWellcome (jetzt GSK) und Pharma-Dienstleistungsunternehmer. Colin, der jetzt ein offenes Historiker-Netzwerk betreibt, sitzt mit seiner Frau in seinem Haus in London fest: „Wenn ich aus dem Fenster die Kirschblüten und Frühlingsblumen sehe, mag man nicht glauben, dass London ein Epizentrum von Covid-19 ist. Nach 31 Tagen in Australien und den USA, wo ich dem Lockdown gerade noch entronnen bin, sitze ich jetzt hier drin und komme nur noch für 20 Minuten am Tag mit dem Hund vor die Tür.

Colin Greenstreet kann wenigstens den Garten seines Hauses im Norden Londons nutzen. Foto: privat

Im Haus hat mich meine Frau auch noch in eine Extra-Quarantäne gesteckt, weil ich beim Zahnarzt war. Leider schaffen wir es hier in Großbritannien noch nicht, die Ansteckungskurve zu verkleinern, sogar der Ministerpräsident lag auf der Intensivstation – wir rätseln, was die Zukunft bringt. Und so fühle ich fühle mich einerseits entmutigt, andererseits aufgeregt. Auf Facebook blogge (https://www.facebook.com/colin.greenstreet.1#) ich, um faktenbasiertes Verständnis über Covid-19 zu verbreiten, und arbeite an einem Non-Profit-Angebot mit, um ein bewährtes Tumormittel zur Behandlung von Covid-19 einzusetzen." 

Der Balkon hilft

 Laura Heiduk (24) ist Studentin im schwedischen Lund.

„Im vergangenen Sommer bin ich zum Studieren in die  südschwedische Stadt gezogen. Sie  ist ein aufregendes Studentenörtchen, wo einem nie langweilig wurde – bis zu Corona. Mein Lieblingsort, Smålands Nation – ein Studententreff mit wahnsinnig guten Partys – hat inzwischen dicht gemacht. Die Uni läuft nur noch über Online-Formate. Meine Studienkoordinatorin schickt wöchentliche Corona-Updates und appelliert zu Social Distancing.

Laura Heiduck muss mit 13 Kommilitonen ein Haus teilen. Foto: privat

Aber das ist gar nicht so einfach: Ich wohne mit 13 Leuten in einem Haus zusammen. Von der Regierung kommen hingegen kaum Maßnahmen, um die Pandemie einzudämmen. Wir versuchen trotzdem unsere Kontakte eigenverantwortlich einzuschränken. Unser großer Balkon hilft sehr dabei, nicht unnötig das Haus zu verlassen. In den Supermärkten wurde erst spät eine Plastikschutzfläche für Kassierer eingeführt. Einlassbeschränkungen gibt es nicht. Schlangen gibt es bisher nur vor den Alkoholgeschäften und das liegt allein am Andrang. Verständlich in schweren Zeiten.“ 

Unbelehrbare wird es immer geben

Hans-Peter Neher (60) ist Rechtsanwalt im österreichischen Bad Ischl.

„Alle Gerichtstermine abgesagt, Fristen eingefroren, Außentermine werden zu Telefonkonferenzen. Persönliche Termine für   Ungeduldige werden im Expresstempo und mit Distanz erledigt. Jemanden in einem Gericht oder einer Behörde telefonisch zu erreichen ist Glückssache. Der Rest macht Homeoffice mit schlechter Internetverbindung.Endlich Zeit! Endlich Zeit für das, was schon seit Wochen oder Monaten liegengeblieben ist. Aber was ist mit neuen Fällen? Eher nicht. Niemand weiß, wie lange dieser Stillstand anhält. Zur Sicherheit habe auch ich für meine Mitarbeiter Kurzarbeit angemeldet, was ich vor zwei Monaten noch für einen schlechten Witz gehalten hätte. Aber Optimismus ist angesagt.

Hans-Peter Neher Foto: privat

Das angeordnete „Social Distancing“ ist die Tugend der Zeit, und es wirkt. Unbelehrbare wird es immer geben. Gerade die, die sonst erklären manche Menschenrechte seien obsolet und der Rechtsstaat sei überholt, jammern jetzt und sehen „IHRE Freiheit“ und den Rechtsstaat dem Untergang geweiht. Ist das denn wirklich notwendig, dass sich freie Bürger so einschränken lassen müssen? Ja, es ist ! Es ist offenbar das einzige Mittel, das uns,  unseren Staat und unsere Gesellschaft schützt. Neben den Freiheitsrechten gibt es auch das Menschenrecht auf Leben, und das für alle -  auch für Omas, Opas, Schwache, Behinderte, Obdachlose, Kranke und uns (noch) Gesunde! Was zählt wohl mehr?“

Mir bleibt nur der Weg zum Müll

Ursula Lenz (55) ist Autismus-Therapeutin und lebt seit langen Jahren im spanischen Granada:

„Angefangen hat alles mit der Absage der französischen Austauschschüler meines Sohnes. Fünf Tage, bevor sie kommen sollten. Die Spanier wollten trotzdem fahren. Einen Tag später wurde ihnen das aber von der französischen Schulbehörde verboten. Die meisten waren empört. Wie übertrieben, dachte ich da noch. Elf Tage später wurde in Spanien der Alarmzustand ausgerufen.   ‚Ruck-zuck, so sind sie eben‘, wie mein Freund Rafa meinte, ein Lehrer aus dem Baskenland. ‚Sie sehen ein paar Zahlen, die nicht gut sind und dann werden ohne zu überlegen Maßnahmen ergriffen. So machen sie es in der Schule und auf politischer Ebene ist  das auch nicht anders. Pfusch eben.‘ Die Deutschen hätten sich bestimmt viel besser vorbereitet.‘

Ursula Lenz fühlt sich in Granada wie eingesperrt. Foto: privat

Da sollte er mal meine Mutter hören, die ist da nämlich ganz anderer Meinung. Oft denke ich sehnsüchtig an meine Heimat. Da dürfen die Leute wenigstens noch raus, nur um sich zu bewegen. Mir bleibt dagegen nur der nächtliche Gang zu vier verschiedenen Müllcontainern. Immer brav mit meiner Mülltüte in der Hand. Die verschafft mir notfalls ein Alibi. Hier fliegen nämlich Hubschrauber über die Stadt zur Kontrolle. Ist schon irgendwie unheimlich.“

Ich halte mich über Wasser

Stefan Ehrhardt (28) ist Freiberufler, lebt seit November 2019 in Maputo in Mosambik.

„Als Filmemacher und Fotograf bekomme ich in Mosambik normalerweise viele Aufträge in der Tourismusbranche. Da Tauchschulen, Bars und Clubs geschlossen sind, fallen diese Jobs weg. Durch einige internationale Kunden, für die ich aktuell die Postproduktion mache, kann ich mich über Wasser halten. Mosambiks Präsident hat am 30. März 2020 den Ausnahmezustand für das Land erklärt.

Stefan Ehrhardt arbeitet in Mozambik als Fotograf und Filmemacher. Foto: privat

Zu den Präventionsmaßnahmen zählt auch, dass alle Geschäfte und Lebensmittelmärkte täglich nach 17 Uhr geschlossen werden. Die Schließung wird durch die Polizei kontrolliert. Ein Gefühl von Panik herrscht meines Erachtens nach aber nicht. Gut finde ich, dass verfallene offizielle Dokumente bis zum 30. Juni ihre Gültigkeit behalten. Für mich ist das besonders hilfreich, da ich für mein befristetes Visum nicht zur Behörde in die Innenstadt fahren muss und ich mich somit weniger der potenziellen Gefahr einer Infektion aussetze.“

Keine Reise nach Deutschland

Elena James (27) ist Designerin. Die gebürtige Deutsche lebt seit vielen Jahren in Australien bei Sydney.

„Mein Tagesablauf hat sich sehr verändert, da ich mit unbezahltem und unbefristetem Urlaub zu Hause sitze. Außer zum Joggen oder Einkaufen gehen verlasse ich das Haus nicht mehr. Die australische Regierung legt das „Social Distancing“ – nach denselben Richtlinien, die auch weitgehend in Europa gelten – sehr streng aus.

Viele Menschen haben in der Gastronomie und im Tourismus ihren Job verloren. Die Regierung hat aber schnell gehandelt und unterstützt die Arbeitslosen finanziell. Vor allem kleinere Manufakturen werden nun darum gebeten, Dinge herzustellen, die zur Bekämpfung der Pandemie helfen können.

Elena James muss auf eine Reise in die deutsche Heimat einstweilen verzichten. Foto: privat

Dass man seine Zeit jetzt zu Hause verbringt, erinnert mich stark an meine Kindheit, wenn man am Zaun steht und sich mit den Nachbarn unterhält. In so einer Zeit wäre ich natürlich gerne bei meiner Familie. Ein Urlaub in der Heimat, den ich für Juni gebucht hatte, muss nun erstmal verschoben werden.“