Seit Mitte März ist es im Garten von Sabine und Peter Kinscher in Selchow richtig ruhig. Weil fast der gesamte Passagierflugverkehr zum Stillstand kam, kann das Ehepaar die Sonne am Pool genießen.
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Ein Rotmilan kreist über dem kleinen Dörfchen Selchow, einem Ortsteil von Schönefeld. Sonst ist am strahlend blauen Himmel nichts zu sehen oder zu hören. Ein paar Frösche quaken von einer Wiese herüber. „Ist das nicht eine tolle Ruhe?“, fragt Sabine Kinscher. Die 72-Jährige hat es sich unter dem Glasdach ihrer Veranda bequem gemacht. Die neugebaute Biertheke soll noch im Juni eingeweiht werden. Neben dem Pool wartet eine Liege auf Sonnenhungrige. Im Schatten steht eine Hängematte.

Eine solche Ruhe ist ein äußerst seltener Gast in Selchow. Denn das kleine Brandenburger Dorf befindet sich direkt am neuen Hauptstadtflughafen BER. Der Ort liegt zwischen der südlichen und der nördlichen Start- und Landebahn. An der dritten Seite führt eine Bahnstrecke entlang.

Normalerweise donnern die Flieger in schneller Folge über den Ort. Doch seit das Coronavirus grassiert und viele Urlaubsländer ihre Grenzen geschlossen haben, zog Stille ein. Seit Mitte März bleiben die Flieger am Boden: Die Maschinen stehen fein säuberlich aufgereiht auf dem Flughafenareal hinter dem Erdwall, der an das Grundstück von Sabine und Peter Kinscher grenzt. Der Passagierverkehr ist allein im April um 90 Prozent eingebrochen.

Familie Kinscher wohnt seit bald 15 Jahren in Selchow. Weil es im heimischen Buckow für die Gartenlandschaftsbaufirma von Peter Kinscher zu eng wurde, schaute sich die Familie im Umland um. 1996 fand sie in Selchow das große Anwesen mit Haus und Scheune. Es war im selben Jahr, in dem die Entscheidung fiel, Schönefeld als Hauptstadtflughafen auszubauen - als klar war, dass es richtig laut werden würde.

Ein Dorf mit Zukunft sieht anders aus

„Damals machten die Maschinen auch noch ordentlich Krach“, berichtet Peter Kinscher. Die Flieger seien mittlerweile sehr viel leiser geworden, so der 73-Jährige. „Wenn wir Besuch haben, sind unsere Gäste immer erstaunt. Oh, ein Flugzeug, heißt es dann. Wir hören die schon gar nicht mehr.“

Ende 1996, so erzählen es die Kinschers, hätten in Selchow noch etwa 400 Menschen gewohnt. Nun seien es nur noch 170, die meisten im Rentenalter. „Die Jungen ziehen weg“, sagt Sabine Kinscher. Ein Dorf mit Zukunft sieht anders aus.

Kai Sauerwald ist nicht weggezogen. Der 42-Jährige wohnt in Selchow auf einem Dreiseit-Bauernhof. Der Hof sei seit dem 18. Jahrhundert im Familienbesitz. „Da kann man nicht einfach alles hinschmeißen, da hängt richtig Herzblut dran“, meint er. Auf dem Hof hat Sauerwald auch den Hofladen betrieben. Bis die Bahntrasse für den Hauptstadtflughafen gebaut und der Weg zu seinem Geschäft zur Sackgasse wurde.

Kai Sauerwald will in Selchow bleiben. Er kann in seinem Hofladen endlich wieder einen Mittagstisch und Kuchen anbieten.
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Er und sein Freund Sven Böhme kamen auf die Idee, am Ortsrand auf einem 3000 Quadratmeter großen Grundstück eine Strandbar in der Einflugschneise zu eröffnen - mit Hofladen. Seit Jahren bieten sie eigene Küche an: Eier, Kuchen, Brot und Cocktails - für Radfahrer, Familien und natürlich für „Planespotter“ - also für Leute, die gern Flugzeuge beim Starten und Landen beobachten und fotografieren. Die Liegestühle am „Strand“ und die Plätze im Gastraum waren meist gut besetzt.

Bis zur Coronakrise. „Corona hat uns 80 Prozent Einbußen verschafft“, bemerkt Sauerwald. Ganze Familienfeiern seien abgesagt worden. Trotzdem habe er keinen seiner acht Angestellten entlassen oder in Kurzarbeit geschickt. Der Hofladen blieb offen. Im April, als die ersten Biker wieder fuhren, gab es Café to go und Kuchen - wegen der Hygieneregeln am Gartenzaun.

Zu gucken gibt es für flugzeugaffine Einkehrer derzeit nicht viel - ab und an rauscht eine Maschine über die Liegestühle hinweg, die natürlich in 1,50 Meter Abstand stehen. „Die Ruhe ist schon ganz schön“, muss Sauerwald zugeben. Man könne zu Hause auch mal wieder zum Essen draußen sitzen. Aber für die Planespotter, die ihre Fotos entspannt aus dem Liegestuhl schießen könnten, sei das natürlich nicht so toll. „Und seien wir doch mal ehrlich: Diese Ruhe kostet einfach Geld.“

Selchow atmet durch

Das vom Lärm geplagte Selchow ist atmet durch. Airlines habe angekündigt, den Flugbetrieb wieder hochzufahren. Und im Oktober soll der Hauptstadtflughafen BER an den Start gehen. Statt der 106.000 Flugbewegungen im Jahr, die der alte Flughafen Schönefeld in Nicht-Corona-Zeiten hatte, könnten es dann bis zu 360.000 Starts und Landungen werden. „Das, was wir jetzt hier erleben, ist nur die Ruhe vor dem Sturm“, ist sich Lutz Ribbecke sicher. „In einem Jahr fliegen hier alle 45 Sekunden die Maschinen über unsere Köpfe hinweg.“

Ribbecke ist 59 Jahre alt und Ortsvorsteher von Selchow. Kurz hinter dem Zaun seines Grundstücks beginnt das Flughafengelände. Das Dorf ist seine Heimat, und doch will er lieber heute als morgen weg. Aber für die angebotene Entschädigung könnte er sich, wie er sagt, kein adäquates Grundstück kaufen und schuldenfrei wie bisher weiterleben. „Das Dorf sollte zum Vorzeigeort für den besten Schallschutz am neuen Flughafen werden", erklärt er. Leere Versprechungen seien das gewesen. Er kämpfe seit 14 Jahren darum, Schallschutz für sein Haus zu bekommen. Unverständlich sei das, wenn man bedenke, dass Tag für Tag eine Million Euro auf dem neuen Flughafengelände „verbrannt“ würden.

Sabine Kinscher ist zuversichtlicher, was den „bevorstehenden Sturm“ betrifft. „Ich denke, dass das nicht so schlimm wird.“ Bis die Fluggesellschaften wieder voll durchstarten, werde wohl noch etwas Zeit vergehen. „Außerdem bin ich überzeugt, dass die Menschen weniger fliegen werden“, sagt die 72-Jährige. Vor allem Geschäftsreisende werde es nicht mehr so viele geben. „Die haben doch in der Coronakrise gemerkt, dass man nicht zu jeder Konferenz fliegen muss“, kommentiert sie und zeigt zum Himmel, wo nun ein Fischreiher fliegt.