Rosemarie Bank überlebte vor 70 Jahren das bisher schwerste Schiffsunglück in Berlin. Ihr neunjähriger Bruder ertrank.
Markus Wächter

Im Flur der Friedrichshainer Wohnung von Rosemarie Bank hängen vier Fotos an der weiß getünchten Wand. Auf einem Bild in Schwarz-Weiß sind zwei Kinder zu sehen, die vor einem Haus mit bröckelnder Fassade stehen. Es zeigt Rosemarie Bank als zehnjähriges Mädchen und ihren Bruder Klaus Jürgen. Die Geschwister lächeln stolz in die Kamera.

Das Foto entstand am Tag, als Klaus Jürgen neun Jahre alt wurde. Sechs Tage später lag Rosemarie im Krankenhaus und Kläuschen, wie ihr Bruder genannt wurde, war tot. Ertrunken bei einer Ferienfahrt mit dem Schiff, die vor genau 70 Jahren mit der bisher größten Schiffskatastrophe Berlins endete. 28 Kinder und zwei Erzieherinnen starben bei der Explosion des Motorschiffes „Heimatland“, das gerade im Treptower Hafen abgelegt hatte.

Rosemarie Bank ist eine kleine, drahtige Frau, die sich in ihrer Freizeit mit orientalischem Tanz fit hält, und die trotz ihrer 80 Jahre die fünf Etagen bis zu ihrer Neubauwohnung noch immer läuft. Sie hat Kaffee gekocht. Auf dem Esstisch steht ein Teller mit Kuchen. So schwirrt Rosemarie Bank emsig zwischen Wohnzimmer und Küche hin und her – als wolle sie ihren Erinnerungen entfliehen.

Zwischen den Kaffeetassen, Kuchentellern und dem Milchkännchen liegt ein Hefter, in dem Traueranzeigen und vergilbte Zeitungsartikel stecken, die ihr Vater nach der Katastrophe gesammelt hat. Es sind auffallend kleine Zeitungsbeiträge, die von dem größten Berliner Schiffsunglück veröffentlicht wurden.

Die Artikel stammen aus der Berliner Zeitung und der BZ am Abend. „Es wurde damals nicht so groß darüber berichtet, weil das Unglück den Oberen nicht passte“, sagt Rosemarie Bank. Schließlich sollten in Ost-Berlin im August 1951 die Weltfestspiele der Jugend und Studenten stattfinden. Die Menschen in der Hauptstadt der DDR sollten sollten lachen, nicht trauern.

In dem Hefter steckt auch ein kleiner Zettel. Das mit den Jahrzehnten bräunlich gewordene Papier wirkt, als würde es gleich zerfallen. „Malitz, Rosemarie, Greifswalder Straße 58, befindet sich leicht verletzt im Rudolfkrankenhaus Bln., Rudolfstr. 14“, ist darauf handschriftlich vermerkt, wobei bei dem Familiennamen das H fehlt. Die kurze Notiz endet mit dem Stempel vom Polizeirevier 57 vom 5. Juli 1951. Es ist der Tag, an dem Rosemarie Bank den Flammen auf der „Heimatland“ entkam und den sie bis heute nie vergessen hat. Sie ist eine der letzten noch lebenden Zeitzeugen des Unglücks.

Klaus Jürgen Mahlitz und seine Schwester Rosemarie – das Foto entstand am Tag, als der Junge neun Jahre alt wurde. Sechs Tage später war er tot.

Markus Wächter

Der 5. Juli 1951 ist ein Donnerstag. In Ost-Berlin sind Ferien. Das Wetter ist an diesem Tag nicht so toll. 17 Grad, etwas Regen. 228 Kinder aus Prenzlauer Berg warten im Hafen von Treptow darauf, an Bord eines Schiffes zu gehen. Die Fahrt soll sie nach Hessenwinkel bringen. Auch Rosemarie und Klaus Jürgen Mahlitz sind unter den Kindern. Bisher sind sie in den Ferien immer zu ihren Großeltern in die Altmark gefahren.

Scharen von Kindern steigen auf das Motorschiff „Edelweiß“, das neben der „Heimatland“ im Hafen liegt. Mit 100 Kindern legt das Schiff ab, während die restlichen 128 Schüler auf die „Heimatland“ steigen. „Mein Bruder und ich hatten die ganze Zeit gequatscht, wie das Kinder so machen. Deswegen haben wir auch nicht mitbekommen, dass wir eigentlich auf dem falschen Schiff sind“, sagt Rosemarie Bank.

Es ist so voll auf der „Heimatland“, dass nicht jedes Kind einen Sitzplatz bekommt. Doch Schiffsführer Erich Weise interveniert nicht. Er ist 38 Jahre alt,stammt aus einer alten Schifffahrerfamilie. Auf der „Heimatland“ fahren auch seine beiden Kinder, acht und 14 Jahre alt, mit. Sie und ihr Vater werden später zu den Geretteten gehören.

Der Schiffseigner handelte angeblich aus Gewinnstreben

Weise hatte die „Heimatland“ erst im Januar 1951 gekauft. Da der Dieselmotor zu laut war und zu sehr vibrierte, kaufte er einen alten Benzinmotor ohne Vergaser. Den Motor und einen ausgeliehenen, defekten Vergaser ohne Filter ließ Weise von einem Autoschlosser einbauen, der den Vergaser notdürftig reparierte. Weise wollte unbedingt beim Feriendienst mitfahren. Deswegen ließ er das Schiff auch nicht noch einmal von den Behörden abnehmen. Er habe aus Gewinnstreben gehandelt, geht aus dem gegen ihn später verhängten Urteil des Berliner Landgerichts hervor.

Karin Ludwig erzählt, dass das so nicht stimme. Weise war mit seiner „Heimatland“, wie alle Motorschiffe in Ost-Berlin, im Auftrag der staatlichen Deutschen Schiffs- und Umschlagsbetriebszentrale (DSU) unterwegs. Und Vertreter der Behörde hätten den Schiffsführer unter Druck gesetzt, damit er mit dem Umbau der „Heimatland“ bis zu den Ferienspielen fertig wird. Karin Ludwig und ihr Mann Till sind Dokumentarfilmer. Vor einigen Jahren haben sie für den Streifen „Tod auf der Spree. Das Unglück auf der MS Heimatland“ recherchiert.

Demnach war es die DSU, die den Einbau des Benzinmotors gebilligt hatte. Mehrfach seien die Arbeiten von Vertretern der DSU inspiziert worden, sagt Ludwig. Als der Benzinmotor eingebaut gewesen sei, habe Weise sofort für den nächsten Tag den Fahrbefehl bekommen. Die Katastrophe nahm ihren Lauf.

Gegen 9.45 Uhr legt die „Heimatland“ in Treptow ab. Im später gegen Erich Weise verhängten Urteil heißt es: Der Motor habe gestottert, die Maschine sei nicht auf Touren gekommen. „Onkel, fährt dein Schiff bald schneller?“, sollen Kinder neugierig gefragt haben. Weise will nach dem Motor sehen, er ruft seinen Bootsmann ins Führerhaus. Als der Schiffseigner den Gang herausnimmt, kommt es zu einer Stichflamme und einer lauten Explosion. Das Feuer setzt sofort das Mittelschiff in Brand. Bei den Kindern bricht Panik aus.

Die zehnjährige Rosemarie springt ins Wasser – sie kann nicht schwimmen

Rosemarie Bank kann sich noch gut an ihre Angst erinnern. Sie sagt, sie habe ihren kleinen Bruder damals aus den Augen verloren. Sie weiß noch, wie sie am Rand der „Heimatland“ ausgeharrt habe. Hinter ihr habe alles in Flammen gestanden. Sie spricht nicht von Panik, sondern von Schockstarre. Wie versteinert habe sie zugesehen, wie Erzieherinnen Kinder ins Wasser werfen, wie ein anderer Dampfer dicht heranfährt, damit Mädchen und Jungen hinüberklettern können. „Ich hatte das Gefühl, dass ich die Letzte war auf der ‚Heimatland‘“, sagt sie. Als die Zehnjährige die Hitze der Flammen im Nacken spürt, springt auch sie ins Wasser. Sie kann nicht schwimmen, so wie ihr Bruder, so wie die meisten Kinder damals. Sie geht unter. Auf einem Kahn kommt sie wieder zu sich. Ein Mann hat sie reanimiert.

Das Mädchen kommt ins Rudolfkrankenhaus. Am Abend holt es ihr Vater ab. Er ist Abschnittbevollmächtigter, also Polizist. Die Kollegen vom Revier 57 haben ihm den Zettel gegeben, der sich nun in dem Hefter auf dem Esstisch befindet. „Ich weiß bis heute nicht, woher die Polizei wusste, wo ich war. Niemand hat mich gefragt, wer ich bin. Ich hatte nichts dabei, was mich als Rosemarie Mahlitz ausgewiesen hätte.“

Kläuschen bleibt zunächst verschwunden. Die Mutter findet ihren Sohn im Leichenschauhaus. Der Neunjährige ist ertrunken, wie die meisten der 27 bei der Schiffskatastrophe ums Leben gekommenen Mädchen und Jungen. Zwei Kinder verbrannten. Auch zwei Erzieherinnen überlebten nicht. Ein Mädchen starb acht Monate nach der Explosion. 62 Kinder wurden verletzt.

Die Katastrophe wird von Ost- und Westmedien ausgeschlachtet, es herrscht Kalter Krieg. Die Volkspolizei habe West-Berliner Hilfe abgelehnt. Rettungsboote seien erst eine halbe Stunde nach der Explosion eingetroffen und hätten sich nicht um die im Wasser treibenden Kinder gekümmert, meldet der Tagesspiegel.

West-Berliner Kliniken lehnten es ab, Brandopfer aus dem Osten aufzunehmen

Dagegen schreibt die Berliner Zeitung, Rettungswagen hätten einen Umweg nehmen müssen, weil sie den amerikanischen Sektor nicht durchfahren durften. Brandopfer seien in Kliniken im Westteil abgewiesen worden, weil sie nicht westversichert waren. „Die Vorwürfe sind zutreffend, von beiden Seiten“, sagt Karin Ludwig.

Die meisten Toten werden schon eine Woche nach dem Unglück auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde beigesetzt. „Das war ein Staatsbegräbnis“, sagt Rosemarie Bank. Zwei Männer kommen wegen der Katastrophe vor Gericht: der Schiffsführer Erich Weise und der Autoschlosser Walter Krüger, der in die „Heimatland“ den Benzinmotor eingebaut hatte. Genau zwei Monate nach dem Unglück wird Weise wegen Transportgefährdung zu einer Zuchthausstrafe von 15 Jahren verurteilt, Krüger muss für fünf Jahre hinter Gitter.

Zwei Jahre nach der Katastrophe hat Rosemarie Bank schwimmen gelernt. Sie ist in den Ferien wieder zu ihren Großeltern gefahren. Ihre Mutter habe den Verlust des Sohnes nie verwunden, sagt sie. „Sie hat nie über ihren Schmerz gesprochen.“ Jede Woche aber seien sie gemeinsam an Kläuschens Grab gegangen.

Rosemarie Bank ist Sekretärin geworden, hat im Außenhandel gearbeitet, eine Familie gegründet und zwei Söhne bekommen, die längst selber Kinder haben. Viel geredet werde nicht über das, was 1951 geschehen sei, sagt die alte Dame. Ihr Bruder fehle ihr, auch noch heute. Sie sieht ihn immer vor sich, wenn sie nach Hause kommt. Das Foto, gemacht kurz vor seinem Tod, hängt direkt gegenüber der Eingangstür.