Unzählige Geschichten hat Diana Lehmann (37) bei ihrer Arbeit für das Jugendamt erlebt. Einige davon verarbeitete sie in ihrem Roman „Berlin.Plattenbau“. Foto: Berliner KURIER / Bernd Friedel

Marzahn-Hellersdorf gilt als Problem-Kiez. Platte an Platte, Tausende Menschen auf engstem Raum. Was mag sich abspielen hinter den verschlossenen Türen? Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Berliner Jugendämter müssen tagtäglich mit familiären Tragödien umgehen. Es sind Menschen wie Diana Lehmann: Die 37-Jährige ist seit 2016 in dem Bereich tätig. Die Erfahrungen, die sie sammelte, hat sie in ihrem ersten Roman verarbeitet.

Wer über Jahre für das Jugendamt arbeitet, erlebt viele Geschichten – zu viele, um sich an jedes Detail zu erinnern. Doch es gibt Erlebnisse, die niemals in Vergessenheit geraten werden. Bei Diana Lehmann ist es der Tag, an dem sie zum ersten Mal ein vernachlässigtes Kind aus einer Familie holen musste. „Die Polizei war dabei – und wir standen vor der Tür und überlegten, wie wir vorgehen. Und was uns erwartet“, sagt sie.

Warum nehmen manche Eltern keine Hilfe an?

Hinter der Wohnungstür wartete eine Mutter mit ihrem Kind. Ein Fall von Vernachlässigung. Trotz zahlreicher Hilfsangebote erreichten das Jugendamt immer wieder Meldungen von besorgten Nachbarn. „Als wir das Kind aus der Wohnung holten, kämpfe die Mutter wie eine Löwin. Sie stürzte sich auf ihre Tochter und wollte sie nicht hergeben.“ Lehmann, die das Mädchen danach in eine Nothilfeeinrichtung brachte, sei damals bereits selbst Mutter gewesen. „Aber in diesem Moment bin ich Sozialarbeiterin.“ Sie überlegt kurz. „Man fragt sich schon, warum manche Eltern Hilfe nicht annehmen. Und warum das Mädchen im Taxi kein einziges Mal nach Mama fragte.“

Lehmann sitzt im Wohnzimmer ihres Holzhäuschens am Stadtrand von Berlin. Weg vom Trubel – 25 Minuten fährt sie jeden Morgen zum Jugendamt von Marzahn-Hellersdorf. Wichtiger ist der Rückweg: Jeden Abend, sagt sie, verschwinden die Plattenbauten im Hintergrund. „Ich brauche den Weg, um die Arbeit hinter mir zu lassen.“

Seit 2016 ist sie als Sozialarbeiterin tätig. Viel hat sie erlebt. Und nun – auch, um es zu verarbeiten – ein Buch darüber geschrieben. Einen Roman, „Berlin.Plattenbau“ heißt das Werk. Es geht um die fünfzehnjährige Hellena, die sich um ihre eigenen Geschwister kümmern muss. Und um Ewa Degenhardt, eine Sozialarbeiterin aus dem Jugendamt, die helfen will – und auch mit dem Amtsschimmel kämpft.

Lehmann, heute 37 Jahre alt, wuchs in Sachsen-Anhalt auf – in der Platte. Ihre Mutter starb, als sie 19 Jahre alt war. „Danach hielt mich nichts mehr dort. Ich wollte nach Berlin.“ Sie jobbte in einer Begegnungsstätte für Jugendliche, begann eine Ausbildung als Erzieherin. Dann holte sie das Abi nach, studierte Sozialarbeit. „Meinen ersten Job hatte ich bei einem Jugendhilfeträger in Hellersdorf. Die Arbeit faszinierte mich.“ Man könne die Eltern motivieren, etwas zu ändern. „Und wenn sie dazu nicht in der Lage sind, kann man immerhin den Kindern helfen, indem man sie aus der Familie herausnimmt. Man guckt nicht nur zu, sondern kann etwas erreichen.“

Als Familienhelferin braucht man ein dickes Fell

Zu Beginn war Lehmann als Familienhelferin tätig. Eine Zeit, in der sie die Geschichten mit nach Hause nahm. „Man braucht ein dickes Fell, wenn man in dem Job arbeitet“, sagt sie. Der Ausgleich sei das Privatleben, ihr Pferd – und das Schreiben. Damit begann sie als Kind. Denn, sagt Lehmann: „Ich komme aus einer dieser Familien.“ Kindheit im Plattenbau, die Eltern in ihrer eigenen Welt. „Kein Geld, Schulden, arbeits- und antriebslos. Ich wollte als Kind, dass wir etwas unternehmen, wie meine Schulkameraden“, sagt sie. Einmal ging sie ins Wohnzimmer und fragte die Eltern, ob sie ein Eis essen gehen könnten. „Nein, kein Bock.“ Bei der nächsten Nachfrage wurde die Absage lauter. „Also ging ich in mein Zimmer, nahm mir ein Heftchen und schrieb Kurzgeschichten. Es tat mir gut.“

Als Erwachsene schrieb sie einen Roman, der nie erschien. „Irgendwann, als wir im Jugendamt wieder mit seltsamen Fällen zu tun hatten, sagte eine Kollegin: Eigentlich müsste man das alles mal aufschreiben. Ich dachte: Worauf soll ich warten?“ Der Roman „Berlin.Plattenbau“ (Amazon, 16,66 Euro) ist eine fiktive Geschichte, in der viel Wahrheit steckt. Denn darin, sagt Lehmann, verarbeitet sie viele Geschichten aus dem Bereich der Sozialarbeit.

Geschichten wie die der Patchwork-Familie, die sie als Familienhelferin besuchte. Die Mutter öffnete die Tür, tränenüberströmt. Der Lebensgefährte hatte den Familienhund in einem Wutanfall gegen die Tür geschleudert und dabei schwer verletzt. Dann kam der kleine Sohn um die Ecke, das Gesicht zur Hälfte blau. Er sei die Treppe heruntergestürzt, sagte er. „Auch dort musste das Jugendamt eingreifen. Von meinem jetzigen Standpunkt aus frage ich mich: Wie verzweifelt müssen Menschen sein, dass sie so mit ihren Lieben umgehen?“ Aber auch Geschichten wie die der Jugendlichen, die verängstigt den Weg in Lehmanns Büro fand, um sich Hilfe zu suchen. „Heute macht sie ihre Ausbildung. Es ist schon zu sehen, wie sie sich entwickelt hat.“

Lehmann selbst wohnte einige Zeit in der Platte in Marzahn-Hellersdorf – und, das ist ihr wichtig: Ihr Buch soll nicht in die gleiche Kerbe schlagen wie viele, die den Bezirk als trist, grau und problembehaftet verunglimpfen. Dort, wo viele Menschen sind, gibt es auch viele Probleme. „Grundsätzlich gilt aber: In jedem Hochhaus gibt es eine Familie, die Hilfe benötigt. Das ist in allen Bezirken, in allen Städten so. Überall sind die Geschichten die gleichen.“