Ursula Lehmann scheiterte an diesem Poller auf dem Breitscheidplatz.
Foto: Christian Schulz

Es ist der Alptraum vieler Rollstuhlfahrer – plötzlich steht der Rolli still, nichts geht mehr. Ursula Lehmann musste diese Situation erleben, schuld daran war ein Poller. Der Fall der Berlinerin zeigt: An einigen Stellen in der Stadt gibt es in Sachen Barrierefreiheit Nachholbedarf. Der Berliner Landesverband des Sozialverbands  Deutschland macht nun auf die Missstände aufmerksam. Und prangert vor allem die schwierige Situation am Breitscheidplatz an.

Hier ereignete sich der Unfall von Lehmann. Schon im Frühjahr war sie mit ihrem Elektro-Rollstuhl unterwegs. „Ich kam vom Bahnhof Zoo und wollte zum Nollendorfplatz“, sagte sie dem KURIER. An der Südseite des Platzes wollte sie die Straßenseite wechseln. Dort stehen seit dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt im Dezember 2016 Sicherheits-Schwellen, die mit Pollern bestückt sind. „Darüber komme ich nicht, das habe ich immer wieder probiert. Aber die sind so hoch, dass die Unterseite meines Rollstuhl aufsetzt“, sagt sie. Stattdessen versuchte sie, auf der linken Seite daran vorbeizufahren. Zwischen Schwellen und den Drahtkäfigen, die eine zusätzliche Barriere bilden, ist nur ein schmaler Durchgang mit einem weiteren Poller.

Für viele Rollstuhlfahrer sind die Schwellen ein unüberwindbares Hindernis. Foto: Christian Schulz

Als sie versuchte, diese Stelle zu passieren, geschah das Unglück: Mit dem Rolli fuhr sie gegen den Poller, die Technik des Gefährts ging kaputt. „Nichts ging mehr“, sagt sie. Ein Passant alarmierte auf ihren Wunsch die Feuerwehr. „Sie kamen, aber konnten meinen Rollstuhl nicht ins Einsatzfahrzeug befördern. Deshalb kam der Sonderfahrdienst und brachte mich mit dem Rolli nach Hause.“ Anderthalb Stunden habe sie an Ort und Stelle gestanden, mit Blick auf den Kurfürstendamm. „Ich kann gar nicht schildern, wie ich mich in dieser Situation gefühlt habe.“

Weil die Technik des Rollstuhl kaputt war, sei sie danach sechs Wochen zu Hause eingesperrt gewesen, erzählt sie. „Außerdem lieferte ich mir einen Mailverkehr mit den Behörden, weil ich um die Übernahme der Reparaturkosten bat. Ohne Erfolg. Die Reparatur kostete insgesamt knapp 2300 Euro.“ Die Krankenkasse habe die Finanzierung übernommen. „Aber ich sehe nicht ein, dass meine Beiträge steigen – obwohl ich nicht die Schuld an dem Unfall trage“, sagt sie.

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Seit Jahrzehnten sitzt die heute 77-Jährige im Rollstuhl, Grund ist eine Erkrankung an Juveniler Polyarthritis – Rheuma. Die Diagnose kam bereits im Alter von vier Jahren. „In meiner Kindheit konnte ich mich noch mit Hilfe bewegen, aber seit meinem 21. Lebensjahr bin ich auf den Rollstuhl angewiesen“, sagt Lehmann. Für den Breitscheidplatz wünscht sich Lehmann „normale Poller, so wie sie auch an anderen Orten der Stadt stehen, beispielsweise vor den Botschaften“, sagt sie. „Denn dort kommt jeder durch – und trotzdem bieten sie Sicherheit.“

Ursula Engelen-Kefer ist die Berliner Landesvorsitzenden des Sozialverband Deutschland.
Foto: Christian Schulz

Auch aufgrund der Geschichte von Lehmann weist der Sozialverband Deutschland auf die Schwierigkeiten rund um die Gedächtniskirche hin. Ursula Engelen-Kefer, die Vorsitzende des Landesverbandes Berlin-Brandenburg, hatte sich bereits im September mit einem Schreiben an die Senatskanzlei gewandt – und zuletzt erfahren, man sei in Gesprächen mit der Senatsverwaltung für Inneres. Die Terrorabwehr sei ein dringendes Anliegen aller, trotzdem müsse es für Menschen mit Behinderung möglich sein, Zugang zu Orten wie dem Breitscheidplatz zu bekommen.

Elisabeth Schmidek sitzt seit 23 Jahren im Rollstuhl.
Foto: Christian Schulz

Sie sieht in der Hauptstadt allerdings ein viel allgemeineres Problem: „Bei Bauvorhaben, die es in Berlin zur Genüge gibt, werden Menschen mit Handicap nicht gefragt“, sagt Engelen-Kefer dem KURIER. Das müsse sich ändern. „Es sollten bei jeder Maßnahme Architekten einbezogen werden, die Expertise zum Thema Barrierefreiheit einbringen können.“ Viele Menschen, die im Rollstuhl sitzen, hätten zusätzlich mit anderen Handicaps zu kämpfen – Lehmann habe beispielsweise aufgrund der rheumatischen Erkrankung Probleme mit den Händen. „Aber wenn man selbst gesund ist, rückt das Verständnis für die Schwierigkeiten in den Hintergrund.“

Bessere Planung wünscht sich auch Elisabeth Schmidek – auch sie sitzt seit Jahren im Rollstuhl. Nach einem unerkannten Zeckenbiss im Alter von 28 Jahren erkrankte sie an Borreliose, ist seit 23 Jahren auf ihr Gefährt angewiesen. „Niemand erwartet, dass es einen Knall gibt und plötzlich die ganze Stadt barrierefrei ist“, sagt sie. „Aber immer, wenn irgendwo etwas aufgerissen und gebaut wird, sollte schon im Vorfeld darüber nachgedacht werden, wie man es am besten barrierefrei gestalten kann.“