Menschen warten vor der neu eröffneten Impfstelle im Freizeitforum Marzahn. dpa/Annette Riedl

Bei den Ärzten in Berlin geht der Frust um: Monatelang wollte im Sommer kaum noch jemand geimpft werden, plötzlich zog das Impf-Interesse wieder massiv an – doch nun fehlt der Impfstoff. Geimpft wurde zuletzt überwiegend in Arztpraxen, nur zwei der Impfzentren in Berlin sind weiter geöffnet. Mehrere neu eröffnete Impfstellen sollen den Bedarf decken helfen. Inzwischen hakt es jedoch an der Stelle, wo die meisten Impfungen stattfinden könnten: Bei den Hausärzten. Denn für viele bedeuten die Impfungen zusätzlicher Aufwand, für den es zu wenig Geld gibt, und dann fehlt es auch noch an Impfstoff-Dosen. Ortstermin in der Hausarztpraxis von Dr. Kreischer in Zehlendorf.

Am Ende hat Wolfgang Kreischer noch einen wichtigen Terminhinweis: „Am Sonnabend gibt es in der Zehlendorfer Clayallee eine Impfaktion gegen das Coronavirus ohne Termin.“ Verabreicht wird das Vakzin von Moderna, 1000 Dosen. Ein Zelt wird auf der Truman Plaza stehen, Ärzte aus den umliegenden Praxen sind da, und los geht’s. „Ein Kollege hat noch einen Vorrat an Moderna“, sagt Kreischer, Allgemeinmediziner und Vorsitzender des Berliner Hausärzteverbands.

Kreischers Hinweis geht weit über den Termin hinaus, er zeigt: Noch gibt es genug Impfstoff, allerdings von Moderna, das Präparat von Biontech wurde auf Geheiß von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) rationiert. Es kommt nun zu Engpässen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) schreibt auf ihrer Homepage: „Angesichts der rasant steigenden Infektionszahlen und in Folge der Aufrufe der Bundesregierung zu schnellen Booster-Impfungen haben die Arztpraxen für die kommende Woche rund 8,57 Millionen Impfstoffdosen bestellt.“ Davon entfielen 4,65 Millionen auf Biontech, rund die Hälfte dieser Bestellungen wiederum könne der Bund für diese Woche nicht bedienen. Daher bekämen viele Praxen weniger Impfstoff als geordert. „Insgesamt fehlen rund zwei Millionen Dosen.“

Mehr Impfstoff, mehr Geld!

„Mehr Impfstoff“, fordert deshalb Kreischer auch für Berlin. Die Nachfrage nach Immunisierung gegen Sars-Cov-2 wächst, doch nimmt die Bereitschaft unter den niedergelassenen Ärzten ab, sich in der Kampagne zu engagieren. „Im Sommer haben in Berlin noch rund 3000 Praxen gegen Corona geimpft“, berichtet Kreischer. Mittlerweile seien es nur noch 2000. Der Mediziner wünscht für sich und seine impfenden Kollegen: „Mehr Geld.“ Denn der Aufwand sei enorm.

Sechs Dosen kann Kreischer pro Stunde verabreichen. Mit dem Piks in den Oberarm allein sei es ja nicht getan. Neben Formalitäten, bürokratischem Aufwand und Logistik gelte es, Aufklärung zu leisten. Der Bedarf daran ist gestiegen, seitdem die Ständige Impfkommission Mitte dieses Monats Moderna nur noch für Menschen jenseits der 30 empfohlen hatte. Als finanziellen Gegenwert erhalten Kreischer und seine Kollegen „28 Euro für jede Impfung“. Macht 168 Euro pro Stunde.

Demgegenüber stehen die Kosten für das Personal. „Ich benötige eine Schwester im Backoffice, um die Termine zu koordinieren“, sagt Kreischer. „Ich benötige eine Schwester an der Anmeldung und eine, die die Injektionen vorbereitet.“ Und der Arzt selbst steht auch für den normalen Praxisalltag während des Impfens nicht zur Verfügung. Kreischer hört inzwischen von etlichen Hausärzten, dass ihnen Personal wegläuft. „Die Zusatzbelastung ist enorm“, sagt der Berliner Hausärztechef. Eine Bonuszahlung hielte der Zehlendorfer daher für angemessen.

Vor diesem Hintergrund klingt die Forderung der Bundesländer realitätsfremd, auch Zahnarztpraxen und Apotheken in die Impfkampagne einzubeziehen. Das hatte dieser Tage der Bayer Klaus Holetschek (CSU) als Chef der Gesundheitsminister-Konferenz vorgeschlagen und den Bund um eine entsprechende Gesetzesänderung gebeten. Doch die Rationierung von Biontech bereitet nicht nur Praxen, sondern auch Impfzentren Probleme, etwa in Berlin. Zwar deckt dort das Angebot derzeit die Nachfrage, wie Karsten Hinzmann vom Deutschen Roten Kreuz versichert, geimpft wird auch in der Messe, in Tegel und im Ring-Center überwiegend mit Moderna, insgesamt 8000 Dosen täglich. Gestern am frühen Nachmittag hatten Messe und Tegel sogar freie Kapazitäten für Menschen ohne Termin, standen auf www.wirhelfenberlin.de für beide Zentren die Ampeln auf Grün. „Allerdings kann es zu zeitlichen Verschiebungen kommen, da die Ärzte ausführlicher über den Impfstoff von Moderna aufklären müssen“, sagt Hinzmann. Er empfiehlt, einen Termin zu vereinbaren, um Warteschlangen zu vermeiden.

Lieferengpässe auch bei Moderna

Warteschlangen sind vor jenen Hausarztpraxen Alltag, die Impfwillige ohne Termin annehmen. Und die Impfwilligen werden immer mehr. Verabreichten niedergelassene Ärzte in Deutschland während der 36. Kalenderwoche Anfang September noch 620.000 Dosen, waren es zehn Wochen später, Mitte November, insgesamt 1,8 Millionen. Der Großhandel signalisiert Praxen bereits, dass von kommendem Montag an sogar der Impfstoff von Moderna knapp werden könnte. Bei diesem Präparat ist die Bestellmenge laut KBV auf fast vier Millionen Booster-Dosen angestiegen. Auch hier könne es regional zu Kürzungen kommen, schreibt die Bundesvereinigung. Sie sieht die engagierten Kassenärzte durch die Rationierung „ohne Not ausgebremst“.

Ähnlich formuliert es Berlins Hausärztechef. „Die Politik muss rasch handeln“, sagt Wolfgang Kreischer. Bis sie dies tut, handelt er eben selbst: am Sonnabend auf der Plaza an der Clayallee.