Carola Kasten bei einem Fußballspiel von Werder Bremen, das sie besuchte, kurz nachdem sie wieder hören konnte. Foto: Privat

Fernsehen konnte sie nur noch mithilfe von Untertiteln. Wenn es plötzlich an der Tür klingelte, bemerkte sie es nicht. Eines Tages verstand sie noch nicht mal mehr, worüber sich ihre Enkelkinder bei Tisch unterhielten, und hörte ihre eigene Katze nicht mehr miauen. Carola Kasten war gerade 50 Jahre alt geworden, als bei ihr ein Hörverlust diagnostiziert wurde. Doch bevor die Potsdamerin endlich handelte, vergingen ganze 20 Jahre. Erst ein Hörimplantat brachte der 74-Jährigen das frühere Leben zurück.

Dass Carola Kasten heute wieder hören kann, hat sie nicht nur der modernen Medizin, sondern auch der Hartnäckigkeit ihres bereits verstorbenen Ehemannes Rüdiger zu verdanken. „Er hat mir gesagt, du musst dich jetzt operieren lassen. Sonst kommst du allein nicht zurecht, wenn ich nicht mehr bin“, sagt Carola Kasten. Zu diesem Zeitpunkt war ihr Partner bereits schwer krank und wusste, dass er bald sterben würde. Dramatisch für seine schwerhörige Partnerin, die im Alltag von seiner Hilfe abhängig war. Die mehrfache Großmutter war aufgrund ihres Handicaps stark von ihrem Umfeld isoliert. Treffen mit ihren Freundinnen wurden immer seltener. Auch Theater- und Konzertbesuche, die sie so liebte, fanden nicht mehr statt, da sie kaum noch ein Wort verstand. Ihren Job als Komparsin hatte sie deshalb längst aufgegeben. Durch ihre Schwerhörigkeit erfuhr die Rentnerin auch schmerzhafte Ablehnung. Sogar von Menschen, die ihr vertraut waren. „Manche reagierten genervt, wenn ich mal wieder etwas nicht verstand“, sagt sie.

Carola Kasten hatte sich aus Angst vor dem Eingriff so lange um ein Hörimplantat gedrückt. „Es war mir unheimlich, mir etwas in meinen Kopf setzen lassen.“ Erst als ihr bewusst wurde, dass sie nahezu abhängig von der Fürsorge ihres Mann war, entschloss sie sich im Oktober 2017 zur Implantation an ihrem linken Ohr bei einem Hörspezialisten an der Universitätsklinik Rostock. Ihre behandelnde HNO-Ärztin und ihr Hörgeräteakustiker hatten bereits eine „an Taubheit grenzende Hörbehinderung“ festgestellt. Anfangs habe sie das noch mit zwei Hörgeräten ausgleichen können. Doch diese Hilfen funktionieren nur, wenn das Gehör noch so weit intakt ist, dass es die eingehenden Töne zu Signalen für das Gehirn verarbeiten kann. Ein Hörimplantat dagegen kann den Hörsinn komplett ersetzen. 

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Carola Kasten mit ihrem Ehemann Rüdiger, der 2019 an Krebs verstarb. Hier besucht das Paar das Kloster Lehnin.

Bei dem etwa zweistündigen Eingriff erfolgt ein Schnitt hinter der Ohrmuschel. Dann wird das Implantat unter die Haut geschoben. Um das Gehäuse im Knochen zu befestigen, wird ein Implantatbett in den Knochen gefräst. Anschließend wird der Ohrknochen geöffnet und ein Kanal in den Knochen gebohrt. Schließlich wird eine Verbindung zum Mittelohr gelegt und die Elektrode in die Hörschnecke eingeführt. Erst vier bis sechs Wochen nach der Implantation wird der Audioprozessor erstmals nach dem individuellen Hörvermögen der Patientin aktiviert. 

Die Implantation gilt unter HNO-Fachärzten inzwischen als Routineeingriff. Gelegentlich kann für ein paar Tage nach dem Eingriff ein unangenehmer Schwindel auftreten. Das gefürchtetste Risiko ist, den Nervus facialis, den Gesichtsnerv, der sich in einem knöchernen Kanal durch das Mittelohr und den Warzenfortsatz zieht, zu verletzen, mit der Gefahr einer Gesichtsnervenlähmung.

Carola Kasten hat die Operation ohne Folgen überstanden. „Als ich nach dem zweiten Termin in der Klinik als Beifahrerin im Auto saß und zum ersten Mal die Nachrichten im Radio wieder hören konnte, war das ein ganz eigenartiges Gefühl“, erinnert sie sich. Die Kosten für den 30.000 Euro teuren Eingriff hat ihre gesetzliche Krankenkasse komplett übernommen und die anschließende Reha, wo sie das Hören mit dem Implantat weiter trainieren konnte, ebenfalls.

Von Hörverlust Betroffene neigen dazu, sich zurückzuziehen, und können so schneller vereinsamen. „Wer schlecht versteht, wird immer versuchen, solche unangenehmen Situationen zu meiden“, erklärt der Hörspezialist Dr. Markus Brandstetter aus Rosenheim. Betroffene warteten oft sehr lange, bevor sie sich für eine Hörhilfe entscheiden.

Nach seinen Angaben leiden weltweit 466 Millionen Menschen an Hörverlust und die Tendenz ist steigend. Allein bis 2050 erwarte die WHO einen Anstieg von knapp 50 Prozent. Gründe hierfür seien zum einen, dass  unsere Gesellschaft aufgrund des medizinischen Fortschritts immer älter werde, wodurch das Risiko, einen Hörverlust zu erleiden, steigt. Außerdem: Fast jeder vierte Jugendliche sei durch den dauerhaften Konsum von zu lauter Musik gefährdet, eine Schwerhörigkeit zu entwickeln.

Carola Kasten ist heute froh darüber, sich für die Implantation entschieden zu haben, so sagt sie. Auf dem rechten Ohr trägt sie noch unterstützend ein Hörgerät. Heute kann sie sich wieder an den Unterhaltungen mit ihrer Familie und Freundinnen beteiligen und die Vögel in ihrem Garten singen hören. Dass sie auch wieder telefonieren kann, kommt ihr besonders jetzt in der Corona-Krise zugute, in der sie nun ganz allein auf sich gestellt ist.

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Carola Kasten mit ihrem Enkel Juris an ihrem 70. Geburtstag.

In diesem Jahr hätte sie eigentlich mit ihrem Mann Rüdiger ihre Goldene Hochzeit gefeiert. Doch er hat den Kampf gegen den Krebs verloren und ist nicht mehr an ihrer Seite. „Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, wenn ich damals nicht auf ihn gehört hätte und mich nicht operieren lassen hätte.“ Als Erinnerung sind Carola Kasten die Lieder ihres Mannes geblieben. Wenn abends alles ganz still und leise ist, legt sie eine CD ein mit seiner Musik. Die kann sie jetzt wieder genießen.

Inzwischen arbeitet die Rentnerin ehrenamtlich als Hörpatin bei hearpeers.com Sie unterstützt andere Betroffene, die den Eingriff noch vor sich haben, und berichtet ihnen von ihren eigenen Erfahrungen. Sie sagt: „Ich freue mich, wenn ich anderen Menschen mit meiner eigenen Geschichte Mut machen kann, sich für eine Operation zu entscheiden.“ Carola Kasten steht wieder mitten im Leben.