Schule muss ein Ort sein, an dem sich alle Schüler gern aufhalten. Ausgrenzung und Mobbing sagt das Programm „proRespekt“ den Kampf an. imago 

Schüler, die einen großen Teil des Tages in der Schule verbringen, spüren genau, ob die Atmosphäre dort gut ist oder die Vibes auf dem Schulhof und im Klassenraum mies. Das fängt bei dreckigen Toiletten an und hört bei Mobbing, Gewalt und Schwänzen auf. Um die Atmosphäre und das Zusammenleben an Schulen nachhaltig und vor allem gemeinsam zu verbessern, gibt es das Programm „proRespekt“. An 22 Schulen in sieben Bezirken sind Coaches bisher aktiv.

„Man konnte seine eigene Meinung nicht äußern.“ „Es gab einige rassistische Lehrer.“ „Unserer Lehrer beschuldigten und beschimpften uns, obwohl wir recht hatten.“ Die Äußerungen, welche Schüler der Gustav-Freytag-Schule in Reinickendorf im Rahmen des Schulprogramms „proRespekt“ festgehalten haben, geben einen Einblick in den normalen Schulalltag an einer Berliner Schule. Zum Glück gebe es das jetzt alles nicht mehr, sagen sie, nachdem sie einige Zeit mit Coaches an der Schule gearbeitet haben.

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Mit Erfolg offenbar, denn an diesem Vormittag ist in der Aula auch zu beobachten, wie es aussehen kann, wenn Schüler an sich glauben und selbstbewusst Verantwortung für ihre Zukunft übernehmen.

Bevor sich die Gäste setzten, die zur Auftaktveranstaltung von „proRespekt“ gekommen sind, wuseln Schüler und Schülerinnen zwischen ihnen herum und fragen, ob sie etwas trinken wollen. „Ey, mach mal Wasser“, lautet die herzliche Aufforderung eines Jugendlichen an einen Mitschüler. Das Wasser kommt prompt. Im Hintergrund spielt am Klavier jemand „Ti amo“.

„Ich liebe Dich“ – das ist hier ziemlich sicher nicht immer und jeden Tag Programm. Im Fokus der Respekt-Coaches, die hier an der Schule Sozialarbeit machen, steht neben der Verbesserung des Schulklimas auch die Verminderung von Schulschwänzen.

Senatorin Scheeres über ihre eigene Schulzeit

Jetzt jedoch sind die Schüler pünktlich und warten geduldig auf den Stühlen, auf denen sich Anzugträger, Behörden-Ladys und junge Männer im Streetsmart-Schick mischen, auch Sandra Scheeres, die scheidende Schulsenatorin, hat sich angesagt.

Personen von links nach rechts: Jana Krug, Yiğit Muk, Yvonne Reinke („proRespekt“-Coach), Hendrik Nitsch (Schulleiter), Senatorin Sandra Scheeres und Marie Bühler („proRespekt“-Coach) gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern der Reinickendorfer Schule. DKJS/Dorothea Tuch

Zur Begrüßung spielt die Schulband ein melancholisches Lied, welches einen sofort in die eigene Schulzeit zurückkatapultiert. In der Diskussionsrunde wird später auch die Senatorin von ihrer eigenen Schulzeit erzählen (armes Elternhaus, musste sich durchbeißen, hat sich für andere eingesetzt, Deutschlehrer glaubte an sie).

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Respektlosigkeit gebe es überall, sagt der Schulleiter Hendrik Nitsch in seiner Eingangsrede. Ob es die eingetretenen Scheiben des Wartehäuschens, der Umgang mit der Umwelt oder kriegerische Auseinandersetzungen in der Welt sind. Immer sei Respektlosigkeit von Menschen gemacht, doch hier an der Schule wolle man für mehr Respekt untereinander eintreten. „Give respect, get respect“ – so laute der Wahlspruch.

Schülersprecher gehörte zu den Schwänzern

Die Schüler sollen nun in einer Talkrunde sagen, warum sie gern in die Schule kommen. „Wegen der Hofpausen und den Freunden“, sagt ein Achtklässler ehrlich. In manchen Fällen ist es auch schon ein Erfolg, wenn Schüler überhaupt wieder in die Schule kommen. Auch der frisch gewählte Schülersprecher gehörte einmal zu den Schwänzern, bekennt er. Er habe erst begreifen müssen, dass nicht alle Lehrer gegen ihn seien, erzählt er. Und dabei können Vorbilder helfen.

Vorbilder wie Yiğit Muk, er ist Botschafter für das Respekt-Programm. Der Unternehmer wurde vom Mitglied einer Neuköllner Straßengang zum Einserabiturienten und will heute mit seiner Geschichte Kindern und Jugendlichen zeigen, dass sie alles schaffen können, wenn sie nur an sich glauben. Auch er ist in die Aula gekommen und die Schülerinnen und Schüler hören konzentriert zu, als er von seiner Schulzeit in Neukölln erzählt.

Gewalt gehörte zu Muks Alltag, als Mitglied einer Gang fühlte er sich groß und respektiert. „Beim ersten Mal prügeln tat es mir noch leid, dann irgendwann nicht mehr“, sagt er. Erst als einer seiner Freunde starb, beginnt er sich zu hinterfragen. „Zum ersten Mal sah ich Schule als einen Ort, an dem ich etwas erreichen kann“, so Muk. Nach einem Hauptschulabschluss mit der Note 4,9 schafft er das Abitur mit 1.

Um einen steinigen Weg zu gehen, brauche es immer Menschen, Lehrer, Coaches, die Schüler ermutigen, an sie glauben. Gelingende Beziehungen sind der Schlüssel zum Schulerfolg – in der Gustav-Freytag-Oberschule und überall in der Stadt.

Das Programm proRespekt wird getragen von Gangway Straßensozialarbeit, der Deutschen Kinder-und Jugendstiftung und dem Violence Prevention Network, die Senatsverwaltung für Bildung fördert es mit zwei Millionen Euro.