Die Insekten- und Reptilienausstellung „Terratopia“ hat durch die Corona-Krise Existenzprobleme. Die Chefs Nicole Faschingbauer (30) und Ricardo Köllner (33) mit ihrer Tigerpython. Foto: Sabine Gudath

Noch immer beherrscht der Lockdown das Land, noch immer sind Veranstaltungen verboten – und noch immer haben es alle, die auf Festen ihr Geld verdienen, schwer. Zu sehen ist das momentan unter anderem in Karlshorst: Am Gelände der Trabrennbahn steckt die große Reptilien- und Insektenschau „Terratopia“ fest. Die Chefs Nicole Faschingbauer (30) und Ricardo Köllner (33) sind hier mit Familienmitgliedern und rund 200 Tieren gestrandet, können nicht öffnen. Sie können nur um Spenden bitten, um irgendwie zu überleben.

Normalerweise, sagt Ricardo Köllner, ist „Terratopia“ ständig ausgebucht. Denn: „Ob man Insekten mag oder nicht mag – sie faszinieren einfach jeden.“ Hinzu kommt auch der Seltenheitswert: Noch vor Jahren gab es mehrere reisende Insekten-Schauen, doch alle anderen hätten schon aufgegeben. Und auch das Paar steht kurz davor. „Wenn es so weitergeht, wird uns bald nichts anderes übrig bleiben. Aber man will weitermachen, man hängt ja an den Tieren, man hat sich im Laufe der Jahre etwas aufgebaut. Das wirft man nicht einfach weg.“

150 Terrarien mit Spinnen, Schlangen und Echsen gehören zu „Terratopia“

Seit Jahren schon gibt es „Terratopia“. Ricardo Köllner entstammt einer Zirkusfamilie, trat früher als Feuerspucker auf, auch mit einer Schlange. Das Leben in der Zirkus-Branche sei schwierig geworden, die Konkurrenz zu groß – deshalb gründeten er und Faschingbauer eine Reptilien- und Spinnenausstellung. „2014 ging es los, damals mit 20 Terrarien mit Spinnen“, erzählt er. „Wir klapperten mit unserem Anhänger die kleineren Ortschaften ab.“ Und der Erfolg ließ den reisenden Zoo wachsen. Heute gehören 150 Terrarien zur Ausrüstung – Spinnen, Skorpione, Riesenschaben, Schlangen, Echsen, Krokodile, Schildkröten.

Auch solche Spornschildkröten gehören zur reisenden Ausstellung. Foto: Sabine Gudath

Wo sie gastieren, können Besucher die Ausstellung besichtigen, in einem extra aufgestellten Zelt finden einmal stündlich kleine Vorstellungen statt. Doch damit ist seit Beginn der Corona-Krise Schluss. „Im ersten Lockdown konnten wir schon nicht arbeiten – und in der Phase dazwischen durften wir in unser Zelt, das für 800 Gäste ausgelegt ist, 30 Besucher lassen“, sagt Köllner. „Damit kommt man nicht weit, wir kamen gerade so von Stadt zu Stadt.“

Cintano Köllner (21) kümmert sich um den Brillenkaiman Gustav (10). Foto: Sabine Gudath

Nun sind sie in Karlshorst gestrandet, sitzen an der Trabrennbahn fest. „Wir sind gerade aus Hamburg gekommen“, sagt Faschingbauer. „Dort standen wir auf einem Festplatz in Bergedorf, doch als der Lockdown kam, durften wir nicht mehr öffnen und mussten das Gelände räumen, obwohl wir gehofft hatten, dort stehen bleiben zu können.“ Strom und Wasser seien ihnen abgedreht worden, dann habe man das Veterinäramt alarmiert. „Zum Glück kamen wir in Karlshorst unter, weil wir den Besitzer des Platzes gut kennen.“

In einem Anhänger können Passanten eine Riesenschlange besichtigen

Große Transparente hängen draußen – doch die beliebten Insekten- und Reptilien-Vorführungen können auch hier nicht stattfinden. Das Problem sei auch der Regel-Irrsinn, sagt Köllner. „Wir könnten zwar vielleicht im Freien unsere Tiere zeigen. Aber wir müssen dafür zumindest ein Dach aufstellen, um die Insekten und Reptilien vor der Sonne zu schützen.“ Nur: Sobald ein Dach aufgebaut wird, gelte alles darunter als geschlossene Veranstaltung. „Und das ist nicht erlaubt.“

Die Rote Chile-Vogelspinne ist nur eine von vielen Spinnen der Familie. Foto: Sabine Gudath

An den Eingang des Geländes haben sie deshalb nun einen Anhänger gestellt, in den Spaziergänger hineinschauen können – hier wartet unter anderem eine 4,20 Meter lange, rund 50 Kilo schwere Tigerpython. Außerdem andere Schlangen und Leguane. Daneben hängt eine Spendenbox – wer will, darf hier etwas Geld einwerfen. „So hoffen wir, dass wir ein bisschen über die Runden kommen“, sagt Köllner. Denn auch in Sachen Soforthilfe sei der Familienbetrieb durchs Raster gefallen. „Uns bleibt nur Hartz IV“, sagt Faschingbauer.

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Wie geht es weiter? Das wissen die beiden nicht. „Wir hoffen, dass wir bald weiterreisen können – aber in unserer Branche ist es generell schwer, noch Plätze zu finden, auf denen wir gastieren können. Denn es wird ja alles zugebaut.“ Sie hoffen dennoch, dass es ein Leben nach Corona gibt. „Viele der Tiere, die wir haben, haben wir, seit sie klein sind. Sie sind Familienmitglieder – und wir können sie nicht einfach weggeben.“