Die Freie Schule am Elsengrund in Mahlsdorf.
Foto: Koch-Klaucke

Der Verdacht ist ungeheuerlich. Der Leitung der Schule am Elsengrund in Mahlsdorf wird vorgeworfen, die Nähe zu Rechtsextremisten gepflegt zu haben, so zu dem bekannten Holocaustleugner Bernhard Schaub. Eine WDR-Reportage machte dies jetzt öffentlich. Doch in der Bildungsverwaltung von Senatorin Sandra Scheeres (SPD) dürften die Vorwürfe schon längst bekannt gewesen sein. Möglich, dass auch der Verfassungsschutz involviert war.

Die Mahlsdorfer Schule unterrichtet nach eigenen Angaben etwa 160 Schüler nach dem Konzept des Waldorfschulen-Gründers Rudolf Steiner. Die Bildungseinrichtung befand sich 2013 im Aufnahmeprozess zur Waldorfschule, durfte den Namen im sogenannten Gaststatus probeweise verwenden. Dort tauchte damals der in Ermittlerkreisen als Rechtsextremist und Antisemit eingestufte Schaub auf, um seine Kinder einschulen zu lassen.

Man habe sich zur Aufnahme der Kinder entschlossen, „weil wir der Ansicht waren und auch weiterhin sind, dass es mit einer anthroposophischen Wertehaltung unvereinbar ist, Kinder wegen ihrer Abstammung, ihrer Herkunft oder der politischen Anschauungen ihrer Eltern zu diskriminieren“, heißt es in einer Rund-Mail der Schulleitung zu den aktuellen Rechtsextremismus-Vorwürfen, die an die Eltern der Schule verschickt wurde, und dem KURIER vorliegt.

Grillrunde mit Holocaustleugner?

Offenbar traf sich die Schulleitung mit Schaub auch privat. In dem WDR-Bericht wird ein Foto gezeigt, auf dem der Holocaustleugner und einer der Schulleiter in einer sehr geselligen Runde beim Grillen im Garten zu sehen sind. Auf KURIER-Anfrage erklärt die Schulleitung, dass sie „auch eine für alle Schülerinnen und Schüler unerlässliche Schule-Eltern-Beziehung zu Eltern mit extremistischen Anschauungen und Verhaltensweisen aufbauen und im Interesse der Kinder pflegen muss“. „Wegen der deswegen zu befürchtenden Anfeindungen fanden solche Kontakte im Interesse des Schulfriedens außerhalb der Schule statt.“ Schulleitung und auch die Schule würden aber „nicht unter dem Einfluss von Holocaustleugnern“ stehen. Man würde jedem, der den Holocaust leugnet, „entschieden entgegentreten“.

Auch bei Schaub? Die Berliner Landesarbeitsgemeinschaft der Waldorfschulen hatte Zweifel. „Als die Schule am Elsengrund 2013 Kinder eines Holocaustleugners aufnahm und sich im Zusammenhang damit aufgeworfener Fragen nicht kooperativ zeigte und den Verdacht einer Nähe zu rechtsextremem Gedankengut der Schulleitung nicht ausräumen konnte, wurde ihr der Gaststatus seitens der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Waldorfschulen in Berlin-Brandenburg gekündigt, die Nutzung der Marke Waldorf vom Bund der Freien Waldorfschulen untersagt und die Senatsverwaltung darüber informiert“, teilt der Bundesverband der Waldorfschulen mit.

Der Grund wird von der Schulleitung bestritten. Vielmehr ging es darum, dass man sich nicht weigerte, Schaubs Kinder aufzunehmen. Außerdem hätte die Schule zuerst die Kooperation gekündigt.

Lesen Sie auch: Ehemaliger Lehrer wegen Nazi-Tattoos verurteilt>>

Doch Detlef Hardorp, Bildungspolitischer Sprecher der Berliner Landesarbeitsgemeinschaft der Waldorfschulen, erklärt: „Im Zusammenhang mit der Aufnahme der Kinder des Holocaustleugners Bernhard Schaub tauchten Ende April 2013 Hinweise auf, dass das in leitender Funktion an der Schule tätige Lehrerehepaar in einer persönlichen und gedanklichen Nähe zu Bernhard Schaub stünde“, sagt er dieser Zeitung. Ein Hinweis darüber „erfolgte etwas später in mündlicher Form bei einem Besuch der damals für Schulen in freier Trägerschaft zuständigen Sachbearbeiterin“, so Hardorp.

Demnach hätte die Bildungsverwaltung offenbar seit sieben Jahren bereits Kenntnis über den Verdacht an der Mahlsdorfer Schulen gehabt. Unklar ist, ob man sofort dem mündlichen Hinweis nachging. „Auf jedem Fall hat die Schulaufsicht frühzeitig begonnen, den Vorwurf zu überprüfen“, heißt es aus der Bildungsverwaltung. Scheinbar ohne den Beweis, der die Nähe der Schulleitung zu rechtsextremen Gedankengut bestätigte, der im Extremfall zum Entzug der Genehmigung des Schulbetriebes geführt hätte.

Schulverwaltung erhielt Hinweis schon vor Jahren

Offen bleibt, ob der Verfassungsschutz zu Erkenntnissen kam. Die zuständige Innensenatsverwaltung wollte auf Anfrage offiziell keine Angaben machen.

Fakt ist, dass die Bildungsverwaltung „eine umfassende, vertiefte Überprüfung“ von Februar bis November 2020 durch die Schulaufsicht der freien Schulen einleitete. Auslöser war ein 17-seitiges Schreiben eines Vaters der Elsengrund-Schule. Er berichtete unter anderem, dass es private Treffen der Schulleitung mit Holocaustleugner Schaub gegeben hätte, bei denen auch er teilgenommen haben will. „In diesen Runden referierte Schaub auch über seine Ansichten zum Holocaust und zählte Begründungen auf, warum etwa das Tagebuch der Anne Frank nicht echt sein könnte“, sagt der Vater. In der WDR-Reportgage erklärt ein ehemaliger Lehrer, dass er von der Schulleitung Probleme bekam, als er das Tagebuch der Anne Frank im Unterricht behandeln wollte. Die Schulleitung erklärt dazu, dass dies nicht der Fall gewesen sei.

In der internen Mail an die Eltern schreibt die Schulleitung zu den Vorwürfen zu den Privattreffen mit Schaub, die auch im WDR-Bericht geäußert wurden: „Wir bitten um Verständnis, dass wir über Beziehungen der Schulleitung – zu wem auch immer – welche den persönlichen Lebenskreis und nicht die schulische Ebene betreffen, keine Auskunft geben möchten.“ Man stelle klar, „dass die Schulleitung auch im persönlichen Lebenskreis rechtsextremistischen Äußerungen entschieden entgegentritt“.

An der Schule tauchte als Gast ein weiterer Holocaustleugner auf, der sogenannte Volkslehrer Nikolai Nerling. Ein Foto auf einer Theatervorführung in der Bildungseinrichtung beweist es. Nerling ist kein Unbekannter. Die Berliner Medien berichteten über den Lehrer, der über seinen Video-Blog „Der Volkslehrer“ im Internet seine fragwürdige Gesinnung öffentlich gemacht hatte, 2018 fristlos aus dem Schuldienst entlassen wurde.

Lesen Sie auch: Rechtsextremismus: Studie warnt vor internationaler Vernetzung>>

Nerlings Auftreten in der Mahlsdorfer Schule begründet die Leitung damit, man hätte ihn nicht erkannt. Sonst „hätte man vom Hausrecht Gebrauch gemacht, wenn und sobald Herr Nerling gegen die Hausordnung verstoßen hätte“. Dies war aber nicht der Fall, so die Schulleitung und erklärt: „Insbesondere stellte seine bloße Anwesenheit bei der öffentlichen Theatervorstellung keinen Verstoß gegen die Hausordnung dar.“

Keine Nähe zu Rechtsextremisten? Die Schulaufsicht fand jedenfalls im vergangenem Jahr keine handfesten Beweise. Dabei war die Behörde gar nicht untätig. Es gab angekündigte und unangekündigte Kontrollen, Stellungnahmen der Schulleitung wurden zu den Vorwürfen eingeholt, Akten wurden eingesehen. Es wurden offenbar auch Hinweise verfolgt, die Eltern der Schule der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR) seit 2019 schilderten. Anonyme Aussagen sind für die Schulaufsicht kaum verwertbar, heißt es.

Aufgrund des WDR-Berichtes lässt Schulsenatorin Sandra Scheeres die Elsengrund-Schule weiter überprüfen. Darüber hinaus hat die Behörde nun auch eine Ansprechstelle, an der sich Schüler, Eltern und Lehrer der Schule vertraulich wenden können.