Überall wird gefilmt, auch und vor allem bei den Konzerten von Rammstein. Aber: Warum - und was macht man danach mit den unzähligen Videoschnipseln? Rammstein/Jens Koch

Normalerweise lesen Sie an dieser Stelle die Kolumne meiner geschätzten Kollegin Claudia Pietsch – doch da sie gerade im wohlverdienten Urlaub weilt, darf ich sie vertreten. Und das trifft sich gut, denn: Wir müssen reden! Ich war in den vergangenen Wochen viel unterwegs und habe die Tatsache genossen, dass man nach der langen Corona-Pause endlich wieder zu größeren Veranstaltungen gehen kann. Doch seitdem lässt mir eine Frage einfach keine Ruhe: Warum haben so viele Besucher auf Konzerten eine absolute Handy-Macke?

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Endlich gibt es wieder Konzerte, die man genießen kann

Sie müssen wissen, dass ich ein echter Veranstaltungs-Junkie bin. Es ist der Bereich, in dem die Corona-Krise mein Leben einschneidend veränderte. Schon vorher war ich Theater- Konzert- und Event-Fan. Keine Woche verging, in der ich nicht auf einem Konzert, in einem Musical, in einer Comedy- oder einer Varieté-Show saß. Andere gehen zum Fußball oder verreisen, ich mache das.

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Nun, nach mehr als zwei Jahren Pandemie, kann ich genießen, dass es endlich wieder losgeht. Zwar trage ich meist noch Maske und – ich gebe es zu – inmitten vieler Menschen zu stehen verunsichert mich. Doch darum soll es heute nicht gehen. Sondern darum, dass ich feststelle, dass ein nicht unerheblicher Anteil der Konzertbesucher eine echte Handy-Macke hat.

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Einige Fans vollen bei Konzerten (hier: Rammstein) das Live-Erlebnis genießen, andere filmen alles mit dem Handy. Rammstein/Erik Weiss

In den vergangenen Wochen war ich auf vier Konzerten: Bei Cro, dem Rapper mit der Maske, in der Berliner Verti Music Hall, danach bei der Generalprobe von Rammstein in Prag, gefolgt vom Rammstein-Konzert im Berliner Olympiastadion – und am vergangenen Sonnabend bei den Pet Shop Boys in der Mercedes Benz Arena. Ich habe es genossen. Es geliebt, die Musik zu hören, die Light-Shows zu sehen, mit anderen Begeisterten diesen Moment zu teilen. Das Leben ist zurück.

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Doch viele andere machen vor allem eines: Sie strecken den Arm mit dem Handy in die Höhe. Filmen mit, manchmal Sequenzen, einige das ganze Konzert. Sie schauen nicht auf die Bühne, sie tanzen nicht, sie singen nicht mit, sie halten nur ihr Smartphone hoch. Sie starren während des Konzertes, auf das sie vielleicht – wie ich – Jahre warten mussten, auf ihren Handy-Screen. Betrachten statt der Bühne ein Display, so groß wie ein Salzkeks. Gefilme statt Gefühle.

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Die Pet Shop Boys mit dem Sänger Neil Tennant (l.) waren am vergangenen Wochenende auch in Berlin zu Gast. dpa/Felix Hörhager

Ich verstehe es nicht. Zugegeben: Ich bin selbst nicht der große Tänzer und Singer, wenn es auf Konzerte geht. Ich liebe Leute, die ausrasten – und die die Welt um sich herum spüren lassen, dass sie den Moment genießen. Ich sitze eher da und betrachte erstaunt alles um mich herum. Ich sauge die Momente auf. Und ja, vielleicht mache ich mal ein Foto. Bei der Generalprobe von Rammstein in Prag, zum Beispiel. Da kam ich Till Lindemann und seiner Penis-Schaumkanone so nah wie nie – also: knips. Auf die Idee, ein komplettes Konzert zu filmen, käme ich aber nie. Ich bin doch live dabei!

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Und, realistisch gesehen: Wer schaut sich diese Filme nachher an? In der Fotogalerie meines Handys befinden sich aktuell genau 7027 Fotos. Klingt viel, doch sie reichen weit zurück, bis 2015. Und tatsächlich blättere ich mich manchmal durch, auf langen Zugfahrten, zum Beispiel.

Til Lindemann auf einer Schaumkanone bei der großen Rammstein-Tour-Generalprobe in Prag. Auf diese Szene dürfen sich die Fans freuen. zVg

Manchmal schicke ich auch welche an Freunde – ein Bild, das eine Erinnerung weckt, etwa an einen gemeinsamen Ausflug, kann Gold wert sein.  Aber: Hunderte Filmschnipsel von Konzerten? Anschauen würde ich die nie. Und sie zu verschicken macht keinen Sinn: Welcher meiner Freunde will sich kurze Clips eines Konzertes anschauen, auf dem nur ich war?

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Kurzum: Warum müssen wir, nur weil wir ein Smartphone in der Tasche haben, einfach alles filmen? Gerade jetzt, nach dieser langen Pause: Sollten wir die Live-Momente, die uns geschenkt werden, nicht bedingungslos genießen? Ich versuche genau das. Denn die Corona-Pandemie hat auch gezeigt, wie schnell der Luxus, ins Theater zu gehen oder Konzerte zu besuchen, vorbei sein kann. Deshalb, liebe Konzertbesucher: Packt eure Handys weg. Hört auf zu filmen. Und genießt.

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Florian Thalmann schreibt eigentlich jeden Mittwoch im KURIER über Tiere – aber nun auch montags über Berliner und Brandenburger Befindlichkeiten. Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com