Die Berliner Metal-Band um Sänger Till Lindemann (2.v.r.). Das neue Album „Zeit“ der Band erscheint am Freitag bei Universal Music. dpa/Bryan Adams/Rammstein/Universal Music

Die Berliner Rocker von Rammstein wissen, wie man Aufmerksamkeit erregt. Hier ein bisschen Skandal (der Song „Zick Zack“ über Schönheits-OPs), dort ein wenig Geraune und Gerüchteküche (ist das das letzte Album?). Schon Wochen vor Erscheinen des neuen Album wurde die Neugier der Fans mit immer neuen Newsfitzelchen gefüttert. Am Freitag ist es endlich da, das neue Album: KURIER verrät, wie es klingt.

Etwas Inzest, Angst, dunkle Nächte, hier kondomloser Sex, da Gift im Bett – bei Rammstein zu wenig für sonst übliches Skandal-Tamtam. Vieles auf dem neuen Album „Zeit“ klingt nach Ende einer Ära. Doch auch harte Riffs können täuschen.

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„Dicke Titten“ werden für einen Skandal kaum reichen. Auf dem neuen Album „Zeit“ platziert Rammstein den Titel als Traumvorstellung eines einsam alternden Wichsers, dessen Fantasien eher lächerlich als lustvoll klingen. Zum Mitgrölen im Stadionkonzert mag es den einen oder anderen wohl eher männlichen Fan animieren. Mehr Empörungsmaterial ist aber kaum drin im achten Studio-Album der harten Berliner Metall-Band.

Hört Rammstein auf? Erstaunlich viele Lieder drehen sich um Ende, Abschied, Alter, schwindende Zeit.

Am Freitag erscheinen die elf Titel, rund 45 Minuten musikalisch erwartbare Rammstein-Songs – was viele aus der riesigen weltweiten Fangemeinde freuen wird. Doch erstaunlich viele Lieder drehen sich um Ende, Abschied, Alter, schwindende Zeit. Schon wird in einschlägigen Foren diskutiert, ob und was davon wohl als Zeichen zu deuten ist.

Das bürgerlich-sensible Gemüt ist bei Rammstein auch unabhängig von der Musik deutlich Härteres gewohnt. Das titellose Vorgänger-Album bewarb die Band vor drei Jahren mit einem kurzen Video-Ausschnitt aus dem Song „Deutschland“: drei Band-Mitglieder vor der Exekution, in einer an KZ-Insassen erinnernden Kluft. Der Aufschrei war groß: um mangelnde Empathie für Opfer ging es, um Werbung auf Kosten von Nazis ermordeter Juden. Solche Reaktionen sollen sogar bei den sonst über Aufregung lachenden Musikern große Nachdenklichkeit bewirkt haben.

„Zeit“, das neue Album von Rammstein. Universal Music

Nun also erstmal ohne Skandal-Tamtam. Das ganze Album ist ohnehin eine Konsequenz von viel Zeit für Reflexion. Auch Rammstein ist nicht härter als Corona. Das Virus bremste die erfolgreiche Stadiontour aus. Mehrfach verschobene Auftritte bedeuteten auch Freiraum in bereits als gemeinsam verplanter Zeit einer Gruppe, deren Mitglieder sich in den fast drei Jahrzehnten Band-Geschichte schon auch mal das eine oder andere Jahr am Stück aus den Augen gehen.

Die beiden ersten Singles landeten auf Platz 1 der Charts

Statt in ausverkauften Stadien trafen sich Sänger Till Lindemann (59), die Gitarristen Richard Kruspe (54) und Paul Landers (57), Bassist Oliver Riedel (51), Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz (55) und Schlagzeuger Christoph Schneider (55) Ende 2020 im Studio „La Fabrique“ im französischen Saint-Rémy-de-Provence. „Es ist klasse, zurück im Studio zu sein“, ließ die Band dazu verlauten – und nahm neue Songs für ein Album auf.

Die seit Jahren international erfolgreichste deutsche Band scheint sich weiter auf Zustimmung verlassen zu können: Die beiden Single-Auskopplungen „Zeit“ und „Zick Zack“ landeten nach Veröffentlichung jeweils umgehend auf Platz eins der Charts.

Viel Raum lässt Rammstein auf diesem Album Keyboarder Lorenz und seinen mitunter verspielten Synthesizer-Phrasen. Wo einzelne Songs in Pop-Sphären zu gelangen drohen, riegeln Kruspe und Landers mit ihren hämmernden, oft stakkatohaften Gitarren-Riffs ab. Einige Passagen etwa in „Gift“, „OK“ oder „Angst“ erinnern dabei sehr mächtig an alte Rammstein-Härte.

Der kanadische Rocksänger und Fotograf Bryan Adams hat Rammstein für das Album fotografiert. dpa/Bryan Adams/Rammstein/Universal Music

Nochmal zurück zum Lied mit den großen weiblichen Geschlechtsmerkmalen. Der Song kommt als Persiflage daher, Blasmusik bestimmt das Intro, es herrscht Festzeltstimmung, knackige Lederhosen und körperbetonende Dirndl scheinen nicht weit. Schneider beendet das mit brutalem Schlagzeugeinsatz, übergibt an harte Gitarrenakkorde. Vom fröhlichen Dirndl lässt der Song nur noch die „Dicken Titten“ im Refrain übrig. Das Lied ist auch ein Beispiel dafür, wie die Band bürgerliche Doppelmoral durch platte Benennung vorführen kann.

Im Song „Lügen“ heißt es: „Niemand traut mir, nicht mal ich.“

Auf „Zeit“ geht es viel um Vergänglichkeit. Es wird grotesk, wenn in „Zick Zack“ der Kult um Körper und Schönheitsoperationen persifliert wird. Pathetisch kommt der Titelsong „Zeit“ („bitte bleib steh'n, bleib steh'n“) daher, Gevatter Tod ist schon ganz nah. „Nach uns wird es vorher geben“, singt Lindemann dann, oder „aus der Jugend wird schon Not“. In „Armee der Tristen“ gehen die Traurigen im „Gleichschritt gegen Glück“ hinein in gemeinsame Tristesse: „Wir wollen zusammen traurig sein“.

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Vieles würde passen für ein finales Album. „Wenn unsere Zeit gekommen ist, dann ist es Zeit, zu geh'n / Aufhören, wenn's am schönsten ist, die Uhren bleiben steh'n“, heißt es. Der auf dem Album letzte (!), sehr getragene Song „Adieu“ - vordergründig für einen Verstorbenen – steckt voller Anspielungen auf ein Aus. Ist mit „Sogar die Sonne wird verglüh'n“ der seit 20 Jahren bei Konzerten frenetisch gefeierte Erfolgstitel „Sonne“ gemeint? Trost scheint zu folgen: „Keine Angst, wir sind bei dir“. Aber dann gleich: „Ein letztes Lied, ein letzter Kuss, kein Wunder wird gescheh‘n.“

All das kann auch wieder einer der Gags der Band sein, ein Spiel von Erwartung und Enttäuschung. Im Song „Lügen“ heißt es zudem: „Niemand traut mir, nicht mal ich.“