Die Unfallstelle an der Pablo-Neruda-Straße in Köpenick: Hier wurde der Radfahrer vom Lkw erfasst. Er überlebte den Unfall nicht. Foto: Pudwell

Mit seinen 89 Jahren war Theodor W. noch rüstig und auch als Radfahrer unterwegs. Doch ein Lkw-Fahrer sah beim Abbiegen nicht richtig hin, überrollte den Rentner.

Theodor W. war einer von 17 Radfahrern, die 2020 im Berliner Straßenverkehr ums Leben kamen. Neun Monate später der Prozess gegen den Todesfahrer: René M. (41), Berufskraftfahrer seit Jahren, unterwegs mit tonnenschweren Geräten.

Es war 9.12 Uhr, als Rentner W. am 8. Oktober an der Kreuzung Salvador-Allende-Straße/Pablo-Neruda-Straße in Köpenick stand. Er musste warten, weil die Ampel für ihn auf Rot stand. Neben ihm ein Baustellenfahrzug. René M. wollte nach rechts abbiegen – „ich war unterwegs, um Baustoffe zu holen.“

Überrollter Radfahrer: Wenige Sekunden entschieden über Leben und Tod

Wenige Sekunden, die über Leben und Tod entscheiden. Als die Ampel auf Grün stand, fuhren beide an. Ein Autofahrer (80): „Beide rollten langsam los.“ Theodor W. wollte geradeaus, René M. lenkte seinen Sattelschlepper nach rechts. Ein Augenzeuge: „Ich dachte noch, der Radfahrer schafft es.“ Eine Fußgängerin (59): „Dann ein schlimmes Geräusch, das ich bis heute im Ohr habe.“

Zusammenstoß in Höhe Schutzstreifen für Radfahrer. Vier Räder überrollten den Rentner. Theodor W. erlitt schwerste Verletzungen am ganzen Körper. Er verstarb noch am Unfallort.

Fahrer M. hatte sofort gehalten, als er ein „metallisches Geräusch“ und dann Schreie von Passanten hörte. Er sprang aus dem Wagen, schlug die Hände über den Kopf und brüllte: „Hilfe!“ Er kam mit einem Schock in ein Krankenhaus.

Warum übersah er den Mann auf dem Fahrrad? Am Fahrzeug lag es nicht. Ein Gutachter: „Technisch tadellos.“ Alle Spiegel waren nach Vorschrift angebracht. Rentner W. verhielt sich nach Zeugenaussagen ebenfalls tadellos: Ohne Hektik fuhr er bei für ihn grüner Ampel an.

Mit einer Geschwindigkeit von 11 km/h kam es zur Kollision. Tempo 11 – das klingt wenig. Doch für ein derartiges Fahrzeug beim Abbiegen zu viel. Der Richter: „Im Lkw ist beim Abbiegen gefälligst mit Schrittgeschwindigkeit zu fahren.“

Lkw-Fahrer: „Ich habe ein metallisches Geräusch gehört“

René M. hätte den Radfahrer „ab 2,3 Sekunden vor der Kollision durchgehend im Rampen- oder in seinem Frontspiegel sehen können“, so ein Gutachter. Einen toten Winkel habe es den Berechnungen zufolge nicht gegeben. „Sie waren beim Zusammenstoß etwa auf gleicher Höhe.“

Der Lkw-Fahrer ließ vor Gericht seinen Verteidiger erklären: „Bevor ich losfuhr, sah ich nach rechts, dann auf die gegenüberliegende Straßenseite.“ Dann habe er ein „metallisches Geräusch“ gehört und aufgeregte Rufe. Als er den unter seinem Wagen eingeklemmten Mann sah, sei er entsetzt gewesen.

Der Angeklagte: „Es tut mir sehr leid.“ Er habe einen Brief an die Angehörigen des Mannes geschrieben, sein Beileid beteuert. Er habe sich in psychologische Behandlung begeben, um seinen Beruf als Kraftfahrer weiter ausüben zu können.

Es war fahrlässige Tötung. Der Richter: „Der Unfall war für ihn vermeidbar. Beim Abbiegen minimalste Geschwindigkeit – das ist Teil des Berufes, wenn man ein so schweres Gerät fährt.“ Das Urteil: 3600 Euro Strafe (90 Tagessätze zu je 40 Euro). KE.