Gordon J. ist seit sechs Wochen in der Klinik, weil er noch zwei Mal operiert werden musste. Volkmar Otto

Er wird nie wieder über eine feuchte Wiese laufen können und das leichte Kitzeln der Gräser unter seinen Fußsohlen spüren, nie wieder über den warmen Sand am Ostsee-Strand spazieren können. Nach einem schweren Motorradunfall vor drei Jahren ist Gordon J.,  Projektleiter einer großen deutschen Möbelhauskette, querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Aber Aufgeben war für den 43-jährigen aus Pankow nie eine Option. Er hat sich zurück ins Leben gekämpft und möchte nun anderen Betroffenen, die ähnliches Leid erfahren haben, Mut machen.

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Gordon J. liegt in seinem Krankenbett. Wenn er sich aufrichten will, funktioniert es nicht so mühelos wie bei gesunden Menschen in seinem Alter. Er ist vom Brustwirbel abwärts gelähmt und braucht deshalb beide Hände zum Abstützen. Seit sechs Wochen wird er erneut im Unfallkrankenhaus Berlin behandelt, weil er Druckstellen vom zu langen Sitzen in seinem Rollstuhl bekommen hat und zwei Mal operiert werden musste.

Auf seinem Tisch im Klinikzimmer stehen eine Flasche Champagner und zwei Sektgläser, die er geschenkt bekommen hat. Den ganzen Sommer hat er hier verbracht – auch seine Geburtstagsfeier im Juli musste er absagen. Wenn der Vater eines zehnjährigen Sohnes Glück hat, wird er Mitte September entlassen.

Doch Gordon J. beklagt sich nicht und hadert auch nicht mit seinem Schicksal. Er wirkt freundlich und äußerst souverän und achtet auf seine Mitmenschen. „Du sitzt hier so unbequem auf der Fensterbank. Soll ich Dir nicht lieber den Stuhl rüberschieben?“, fragt er und lächelt. Den Optimismus hat ihm das Unglück nicht genommen.

Gordon J. kann sich an den schlimmen Unfall mit dem Motorrad nicht mehr erinnern

Vom 5. Mai 2018 bleiben Gordon J. in seiner Erinnerung nur die ersten Stunden des frühen Vormittags.  „Ich weiß noch, dass es ein sehr warmer Samstag war und ich mich entschieden hatte, das schöne Wetter zu genießen und mit dem Motorrad zur Arbeit zu fahren“, sagt er. Auf der Stadtautobahn in Höhe Rathenauplatz passierte das Drama, das er zwar nicht mitbekam, aber das sein bisheriges Leben für immer verändert hat.

Gordon J. hat einen unfassbaren Lebensmut entwickelt: „Wenn es mal nicht so gut läuft, sollte man sich davon nicht herunterziehen lassen. Das Glück kommt in Wellen“ privat

Er ist mit seinem Motorrad gestürzt und in die Leitplanke gerutscht, so hat es ihm sein Anwalt Monate später erzählt. Diese Information stammt aus der Auswertung einer Videoaufzeichnung der Überwachungskamera. Gordon J. wurde von einer Krankenhauspsychologin dringend davon abgeraten, sich das Video selbst anzuschauen. Ob es eigene Unaufmerksamkeit war oder ob vielleicht die Maschine versagt hat, ist bis heute ungeklärt. Fest steht: Gordon J. ist kein unerfahrener Motorradfahrer und hatte seinen Führerschein zu diesem Zeitpunkt schon seit sieben Jahren. 

Ein Rettungshubschrauber flog ihn damals in die Charité und anschließend weiter ins Unfallkrankenhaus nach Marzahn. „Zwei Wirbel waren zerborsten und ich hatte starke Einblutungen im Gehirn. Mein Brustkorb war, bis auf zwei Rippen, komplett zertrümmert und mein Orbitalknochen war gebrochen. Ich musste beatmet werden“, berichtet Gordon J. Die Ärzte hatten ihn aufgrund seiner schweren Verletzungen in ein künstliches Koma versetzt. 

Volkmar Otto
Er zeigt ein Handyfoto, auf dem seine damalige Freundin Steffi und er zu sehen sind. Sie gab ihm in der schweren Zeit viel Kraft und war pausenlos an seiner Seite.

Ärzte glaubten damals nicht daran, dass Gordon J. wieder aus dem Koma erwacht

Die Prognose der Mediziner war niederschmetternd. „Es tut uns leid, aber wir glauben nicht, dass er noch mal wach wird. Und wenn, könnte es sein, dass er sie nicht erkennt und dauerhafte Schäden davon getragen hat“, sagten sie seiner Lebensgefährtin. Doch sie glaubte an ihren Freund, daran, dass es Hoffnung gibt. „Steffi leistete Unglaubliches. Sie war sieben Wochen am Stück von 9 bis 20 Uhr an meinem Bett und wich nicht von meiner Seite“, sagt Gordon J. Sie wusch ihn, putzte ihm die Zähne, machte seine Haare und unterhielt ihn. Wenn sie nichts mehr zu erzählen hatte, las sie ihm Geschichten vor. 

An einem Morgen im Juni passierte das Wunder. Seine Freundin kam zur Tür herein und er hatte plötzlich seine Augen geöffnet. „Alles wirkte so surreal auf mich. Das Piepsen der Geräte um mich herum machte mir Angst. Aber die wirkliche Panik verursachten die Schläuche in meinem Hals, die mir die Möglichkeit nahmen, um Hilfe zu schreien“, erinnert sich Gordon J.

Es habe sich angefühlt, als sei er betrunken. Er sei immer nur kurz wach gewesen und dann wieder eingeschlafen. Wie oft ihm sein behandelnder Arzt behutsam mitgeteilt hat, dass er querschnittsgelähmt ist, wisse er nicht mehr. Es müssen unzählige Male gewesen sein, vermutet er. „Vermutlich war es für mein Gehirn nach so langer Zeit im Koma die absolute Überforderung, so dass es immer wieder einen Reset versuchte und ich jedes Mal wieder einschlief, wenn ich die Schreckensnachricht hörte“, vermutet er.

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Erst später, als ihn die Pflegekräfte immer wieder in kurzen Zeitabständen in den Rollstuhl setzten, sei ihm das ganze Ausmaß  erst bewusst geworden. „Mir wurde klar: Das ist jetzt dein neues Leben. Du kannst nie wieder Motorradfahren oder lustig durch die Gegend laufen. Und im Supermarkt wirst du auch nicht mehr an die oberen Regale kommen.“ Ein Szenario, das Gordon J. furchtbare Angst machte und das er erst einmal selbst begreifen musste.

Doch Begegnungen mit anderen Querschnittgelähmten in der Klinik haben ihn schnell davon abgebracht, in Selbstmitleid zu versinken. „Ich traf Kristina Vogel (Anm. der Redaktion: ehemalige Bahn-Radsportlerin, die nach einem Sportunfall ebenfalls gelähmt ist). Sie war so positiv eingestellt und ihr Ehrgeiz hat mich beeindruckt.“ 

Auch die Reaktionen aus seinem Umfeld gaben ihm Kraft, zuversichtlich zu bleiben. Sein Arbeitgeber half ihm dabei, seinen Arbeitsplatz so zu gestalten, dass er trotz seiner Verletzung im Job bleiben konnte. „Ein Möbelhaus leitet man mit dem Kopf und nicht mit den Beinen“, hat sein Chef zu ihm gesagt. Gelegentlich kann er auch im Home Office arbeiten, so wie jetzt sogar vom Krankenbett aus. Und seine Freundin betonte immer wieder: „Du bist mein Mann. Ob sitzend oder stehend. Ob im Anzug oder Schlafanzug.“ Er sei überwältigt von so viel Unterstützung und unendlich dankbar, sagt Gordon.

Einen Energieschub gibt ihm auch eine neue Behandlungsmethode in der Schweiz. Dort nimmt Gordon J. an einer Studie und einem Laufprogramm für Patienten mit Rückenmarksverletzungen teil. Dazu wurde ihm ein Elektroden-Chip am unteren Rückenmark implantiert, der mit einem speziellen Computerprogramm seine Beinmuskeln stimulieren kann.

Gemeinsam stark: Gordon J. baut ein Netzwerk für Querschnittsgelähmte auf

Von seinen Erfahrungen möchte Gordon J. gern anderen Menschen etwas zurückgeben und ein Netzwerk für Querschnittgelähmte aufbauen. Bei Instagram www.instagram.com/flash.gordon010/ hat er bereits damit begonnen. „Ich habe schon Kontakt mit einem gelähmten Wakeboarder aufgenommen und einem Rollstuhlfahrer, der eine Technik entwickelt hat, die es ermöglicht, im Rolli durch den Schnee zu fahren“, erzählt er. 

Gordon J. will aber nicht nur „eine heile Welt“ präsentieren. „Ich will auch ehrlich sagen, dass es nicht nur Sonnenschein, sondern auch Regentage gibt. Aber auch an solchen Tagen musss man durchhalten und nicht aufgeben“, sagt er.

Sein unabhängiges Leben kann der Projektleiter trotz seines tragischen Unglücks weiterführen. Er hat eine eigene barrierefreie Wohnung in Pankow und fährt sogar ein behindertengerechtes Auto. Mit seiner Partnerin ist er inzwischen nicht mehr zusammen, aber die Trennung habe nichts mit seinem Handicap zutun, wie er betont. Gordon J. hat unfassbaren Lebensmut entwickelt: „Wenn es mal nicht so gut läuft, sollte man sich davon nicht herunterziehen lassen. Das Glück kommt in Wellen“, sagt Gordon J.