In der Kulturmanufaktur bei Dussmann kann man seine eigene Vinyl-Schallplatte produzieren. Christian Winter (43) ist für das Schneiden der Rillen in die Platte verantwortlich, Singer-Songwriter Max Prosa wartet auf seine Platte. Foto: Gudath

Zwischen Regalen voller Kunstbände steht im ersten Stock ein wuchtiger Apparat: metallener Untersatz, Kurbeln, eine Art Papiereinzug – wie bei alten Kopiergeräten, nur in groß – und rot eingefärbte Walzen, die wie zwei geschminkte Riesenlippen wirken. Das Ungetüm heißt „Korrex Hannover“ und ist eine Andruckpresse aus den 60er-Jahren. Sie ist das Herzstück der neuen Druckerwerkstatt im Kulturkaufhaus Dussmann an der Friedrichstraße in Berlin-Mitte. Hier können Besucher jetzt Plakate selbst herstellen und dabei den mechanischen Prozess des Druckens kennenlernen.

Die Druckmanufaktur ist Teil einer neuen Ausrichtung des Kulturkaufhauses, erklärt Geschäftsführerin Andrea Ludorf: „Gerade für die junge Generation Z gibt es den klassischen Besorgungseinkauf nicht mehr – wer etwas braucht, bekommt das immer auch über das Internet.“ Ziel sei, im stationären Handel verstärkt Produkte anzubieten, die mit einem Erlebniswert verbunden sind. So wie auch Phonocut, ein neuartiger Vinyl-Recorder. Er ermöglicht, Songs direkt auf eine Schallplatte zu pressen. Ludorf freut sich über das neue Angebot: „Musik gehört zu unserem Markenkern, den wir nicht aufgeben wollen.“ Aber der Verkauf von CDs reiche nicht.

Musikchef Hannes Kraus (58) mit Bandmaschine und Mischpult.
Foto: Gudath

Selbst drucken liegt im Trend und berlinweit gibt es verschiedene weitere Möglichkeiten, alte Verfahren kennenzulernen: In der Druckerwerkstatt des BBK Berlin in Kreuzberg kann man sich tageweise in die Mitbenutzung von Gerätschaften für Siebdruck, Lithografie oder Radierung einbuchen. Die Krumulus Druckwerkstatt bietet Workshops für Kinder und Jugendliche an und im Druckgrafik Atelier in Prenzlauer Berg finden mehrwöchige Kurse statt – etwa zu Linolschnitt, Bleisatz oder Kaltnadelradierung.

Über den Touchscreen wischen, sich durchs Netz klicken und auf der Tastatur tippen: Der Umstand, dass in der digitalen Arbeitswelt die händische Feinmotorik brachliegt, hat einen Gegentrend erzeugt – hin zu tradierten Techniken, die zwar zeitaufwendiger sind, aber vielleicht auch beseelter. Die Entschleunigung verschiebt zudem den Fokus: Heute geht es bei vielen Lifestyle- und Kulturprodukten wieder vermehrt um den Entstehungsprozess und nicht nur um das fertige Produkt.

Das ist auch die Idee hinter Phonocut, einer Gerätschaft, die im Schaufenster als „Weltsensation“ angepriesen wird – augenzwinkernd im Retro-Schriftzug. Seit Ende August ist der Apparat, der eigene Songs auf eine Schallplatte zu bannen vermag, hier in Betrieb. Und noch ist er eine echte Rarität: Es gibt ihn weltweit nur zweimal, das andere Exemplar steht in Wien. „Ab kommendem Frühjahr soll Phonocut seriell hergestellt werden“, verrät Hannes Kraus, Musikexperte im Kulturkaufhaus.

Der Song kann auch direkt im Kaufhaus eingesungen werden

Die Wege zur eigenen Platte sind vielfältig: Die Songs können vorab zu Hause aufgenommen und als Datei auf einem Träger mitgebracht werden oder direkt live im Kaufhaus hinter dem Schaufenster eingesungen werden. „Es gibt auch die Möglichkeit“, ergänzt Kraus, „ein Playback abzuspielen und währenddessen ins Mikro zu singen.“ Wie die Musik auf die Platte kommt, die 16 Minuten Spieldauer aufweist? Nach dem immer gleichen Schema: Zunächst wird die optimale Distanz von Sänger zum Mikro ermittelt, dann wird das Gerät so eingestellt, dass ein Tonsignal über den Kompressor auf den Plattenspieler kommt. Schließlich senkt sich der Plattenspielerarm und sein Stichel ritzt die Tonspur in die Scheibe ein. „So machen wir quasi Platz für die Musik“, lacht Kraus.

Während der Stichel fein knirschend über das schwarze PVC fährt, entsteht ein nicht enden wollender silbriger Faden, den Kraus mit beiden Händen einfängt. „Manchmal geben wir ihn unseren Kunden als Erinnerung mit“, erzählt Kraus, „in einer selbst bedruckten Schallplattenhülle.“ Wer der Individualisierung den letzten Retro-Schliff verleihen will, kann ein Polaroid-Foto schießen und es der Platte beilegen.

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Auch etablierte Musiker können ihre Musik hier aufnehmen. Im voll ausgestatteten analogen und mobilen Tonstudio, mitsamt Mischpult, Tonbandmaschine und Goldfolienhall müssen sie auf Knopfdruck abliefern. Digitale Nachbereitung? Fehlanzeige! Damit gesellt sich das Kaufhaus zu den wenigen kleinen Berliner Tonstudios, wie etwa Kozmic Sound in Weißensee oder Sloppy Beats in Tempelhof, in denen ausschließlich analog aufgenommen werden kann.

Singer-Songwriter Max Prosa hat bereits mit den Gerätschaften von Dussmann gearbeitet. Er arbeite gerne analog, „gerade in einer Zeit, in der es viel Fake gibt“. Denn so ist jede Tonstudioarbeit eine ehrliche, einmalige Momentaufnahme. Für Prosa ein gutes Gefühl: „Man muss sich eben mit dem zufriedengeben, was man produziert hat – das hat auch etwas Befreiendes.“